Fußball

"Mannschaft" mit Image-Problem Ist das DFB-Team wirklich noch attraktiv?

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Was die DFB-Spieler um Kapitän Manuel Neuer in Düsseldorf derzeit so zeigen, das ist schon auch ansehnlich.

(Foto: dpa)

Zwei Heimspiele stehen 2019 noch für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft an. Die Ausgangslage in der EM-Qualifikation ist wenig brisant, die Gegner nicht auf Top-Niveau. Für die Partien bedeutet das: nicht ausverkauft, wieder einmal. Das wirft eine große Frage auf.

Der Jahresausklang 2019 gestaltet sich für Oliver Bierhoff dann doch schöner als noch vor zwölf Monaten. Damals in Leipzig, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war nach dem WM-Debakel gerade auch aus der Nations League abgestiegen (was durch die skurrile Reform des Wettbewerbs mittlerweile revidiert wurde), hatte der DFB-Direktor noch verkündet, wie sehr er sich freue. Darüber, dass es nun "endlich vorbei" sei. Ein Spiel stand damals noch aus. Das sportlich unbedeutete, aber atmosphärisch wichtige Spiel gegen die Niederlande - in der Nations League. Es ging 2:2 aus. Und es machte Mut. Mut für den Umbruch der immer noch wichtigsten Auswahlmannschaft des Landes.

Den hatte der Bundestrainer im Herbst 2018 eingeleitet und im Frühjahr 2019 beschleunigt, als er die drei bayrischen Weltmeister Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng per Blitzdekret aus der DFB-Elf frühverrentete. In München waren sie nicht begeistert, Joachim Löw beeindruckte das aber nicht. Das sagte er jedenfalls. Und er ruderte auch nicht zurück, als seine Innenverteidigung im Herbst 2019 immer heftiger von Ausfällen geplagt und die Rufe nach einer Hummels-Rückkehr immer lauter wurden. Was sagt Bierhoff diesmal vor dem Ausklang? "Es war sicher kein einfaches Jahr, aber dennoch zufriedenstellend." Mit wuchtigen Siegen (gegen die Niederlande). Mit vielen Entdeckungen (Serge Gnabry, Ilkay Gündogan, Kai Havertz). Mit schweren und schwerwiegenden Verletzungen (Leroy Sané und Niklas Süle). Und mit wenig Konstanz. Das lässt Löw hadern. Aber nicht verzweifeln. Dennoch wäre er in der Entwicklung seiner neuen Nationalmannschaft gerne schon ein gutes Stück weiter. Das betont er regelmäßig.

Zwei Spiele stehen für das DFB-Team noch aus. Zwei Heimspiele. Am Samstag geht's in Mönchengladbach gegen Weißrussland (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de), am Dienstag folgt dann der Jahresausklang in Frankfurt. Gegner dann ist Nordirland (ebenfalls um 20.45 Uhr im Liveticker). Es geht um die endgültige Qualifikation für die Europameisterschaft im kommenden Jahr. Und die Lage in der Gruppe C ist kaum brisant: Verlieren die Niederlande am Samstag nicht gegen Nordirland, kann Löws Auswahl als derzeit Zweitplatzierter gegen Weißrussland die EM-Teilnahme klarmachen. Das sei auch das Ziel, erklärte Bierhoff in Düsseldorf, wo sich das Team zunächst vorbereitet.

"Wir müssen wieder mehr tun"

Die Begeisterung der Deutschen, die Spiele live im Stadion zu verfolgen, ist allerdings erneut gering. Denn abermals sind die Spiele nicht ausverkauft. Für das Spiel in Mönchengladbach sind bislang bloß 30.000 Tickets verkauft worden, 46.279 Plätze gibt's bei internationalen Spielen. 37.000 von 48.000 Plätzen sind für die Partie in Frankfurt vergeben. "Wir kommen aus einer lange Phase der Begeisterung, in der Dinge fast von alleine liefen. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir wieder mehr tun müssen, um das Niveau halten zu können", sagte Bierhoff über den seit dem WM-Debakel von Russland nochmals verstärkten Trend. Es sei aber auch ein Klagen auf hohem Niveau: "Im internationalen Trend stehen wir mit über 90 Prozent Auslastung vorne. Damit wären auch die meisten Bundesligaklubs zufrieden." Die Stadien in diesem Jahr - mit Wolfsburg und Mainz - waren teils aber auch klein gewählt. Ganz bewusst.

Und: Die Zahlen decken sich auch nicht unbedingt mit der Stimmung im Stadion. Beim ersten Länderspiel dieses Jahres in Wolfsburg gegen Serbien war es einfach nur bizarr still, gespentisch. Erst als Leroy Sané von Milan Pavkov so rustikal am Sprunggelenk bearbeitet worden war, dass neben Rot (für Pavkov) kurzfristig auch das Gespenst Sportinvalidität (bei Sané) über der Arena schwebte, wurde es mal laut. Ein nur kurzer Moment, wie auch am Ende beim 8:0-Torfestival gegen Estland in Mainz. Ansonsten zog das Stimmungstief hartnäckig mit nach Hamburg (2:4 gegen die Niederlande) und in den Stimmungstempel Dortmund (2:2 gegen Argentinien). Dort konnte man gar das Klatschen des Balls bei der Annahme hören.

Die Nationalkicker registrieren das sehr genau, versuchen sich aber etwa in Person von Kapitän Manuel Neuer an verständnisvollen, aber auch konstruierten Erklärungen für die leeren Ränge. "Die Anstoßzeiten sind wieder sehr spät, im November ist das Wetter in Deutschland nicht optimal und bei allem Respekt: Wir spielen nicht gegen Mannschaften, bei denen man erwarten kann, dass jeder ins Stadion kommt." Das mit den Anstoßzeiten ist übrigens eine hausgemachtes Problem.

Furcht um den Volkssport

Der Nationaltorhüter, der noch nicht weiß, ob er in beiden Spielen zwischen den Pfosten steht oder es erneut eine Bewährungschance für seinen forschen Herausforderer Marc-André ter Stegen gibt, macht auch die allgemeine Entwicklung im Fußball für diesen sehr negativen Trend bei den Zuschauerzahlen verantwortlich. Durch die vielen Wettbewerbe auf Vereinsebene werde "der Fan mit Spielen ja befeuert". Eine gewisse Sättigung sei die Folge.

Sein Münchener Klubkollege Leon Goretzka findet gar: "Man muss zusehen, dass der Fußball das bleibt, was er ist: ein Volkssport." Dem lauten und wiederholten Vorwurf über die oft vermisste Fannähe stellte sich das Team nach dem Russland-Debakel, seitdem werden häufiger Schulen und Vereine besucht oder auch öffentliche Trainingseinheiten abgehalten. Zuletzt hatte Bierhoff bereits Fehler bei der Vermarktung eingeräumt. "Wir haben das ja ein bisschen überdreht. Wir haben das vielleicht überbetont." Gemeint waren bisweilen eigenartige Claims ("Die Mannschaft") und Hashtags (#ZSMMN).

"Nationalspieler, das bist du 365 Tage im Jahr"

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Ilkay Gündogan und Emre Can sorgten für Social-Media-Schlagzeilen.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Die Imagefrage, sie ist eine, die die Nationalmannschaft aber auch noch auf einer anderen Eben begleitet. Auf der der gesellschaftlichen Verantwortung. Sensibilisiert durch den auch sehr unrühmlich moderierten Social-Media-Fauxpas von Ilkay Gündogan und Emre Can um die Instagram-Likes für den türkischen Salut-Jubel im Oktober machte Bierhoff nochmals deutlich: "Jeder weiß, wenn ihr was mit Social Media durchführt, das hat eine Wirkung, wenn ihr bei uns seid, und Nationalspieler, das bist du 365 Tage im Jahr, das ist ein Anspruchsdenken. Auch darauf haben wir hingewiesen." Abseits des Platzes will Bierhoff für 2020 den im Vorjahr unter der Regie von Löw neu definierten Wertekodex in den Vordergrund rücken, der vor 15 Jahren noch unter Jürgen Klinsmann entworfen worden war. "Toleranz, Verantwortung, Respekt" nannte Bierhoff als die drei Grundsäulen für alle DFB-Auswahlmannschaften. Auch ein Erbe aus dem unwürdigen Rücktritt von Mesut Özil nach der WM in Russland - inklusive heftigen Debatten um Integration und Rassismus.

Doch für eine neue Euphorie, die nach dem WM-Titeltriumph 2014 schier unerschöpflich schien, können wohl nur die Fußballer selbst sorgen. "Wir müssen so attraktiv wie möglich spielen", urteilte Goretzka: "Von einer guten Stimmung profitieren auch wir, die kann aufs Spiel überschwappen." So sieht es auch Bierhoff: "Das Wichtigste ist, dass man sich auf die Nationalmannschaft freut. Wir müssen versuchen, 90 Minuten mit Power zu spielen." Zwei Chancen gibt es 2019 noch. Die Preise für die Spiele reichen von 15 Euro für Fan-Club-Mitglieder bis 80 Euro für Tickets der Kategorie eins. Karten gibt's noch reichlich.

Quelle: n-tv.de