Fußball

Die ganze Tragik um Serge GnabryWarum Nagelsmann seinen wichtigsten Offensivspieler nicht einfach aufgibt

20.04.2026, 12:05 Uhr
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Serge Gnabry wird im Sommer wohl nicht für Deutschland bei der WM spielen. (Foto: picture alliance / Kirchner-Media)

Dem FC Bayern wird Serge Gnabry in dieser Saison nicht mehr zur Verfügung stehen. Für den Münchner Sportchef Max Eberl ist auch die WM-Entscheidung bereits gefallen. Für Julian Nagelsmann ist das bitter.

Man weiß gar nicht, in welcher Mannschaft die Laune nun schlechter ist. Beim FC Bayern oder beim DFB-Team. Beide müssen in den kommenden Wochen auf Serge Gnabry verzichten. Der hat sich im Training schwer an den Adduktoren verletzt. Die Saison ist damit, so der aktuelle Stand, für den 30-Jährigen gelaufen. Zumindest aus Sicht der Münchner ist das klar. Deren Spielzeit soll am 30. Mai zu Ende gehen, im besten Fall mit dem Finale der Champions League. "Er fehlt uns extrem in der Kabine und auf dem Feld", sagte Joshua Kimmich geknickt über seinen Kumpel. "Es ist echt ein sehr großer Verlust als Fußballer und als Mensch. Es wird uns extrem weh tun, aber ich hoffe, wir kriegen das irgendwie aufgefangen." Das werden sie, wie sie schon so viel aufgefangen haben.

Die Nationalmannschaft dagegen hat einen langen Sommer vor sich. Der soll sich bis zum 19. Juli strecken, dann würde es um den WM-Pokal gehen. Gnabry wäre da sicher wieder fit. Aber auch schon vorher? Wenn ja, wann und in welcher Verfassung überhaupt? Zur Nominierung in 22 Tagen? Sicher nicht. Zum Start der Reise in die USA ab dem 2. Juni? Vermutlich auch nicht. Nagelsmann müsste, wenn er Gnabry mitnehmen will, nicht nur erneut seine Überzeugungen verwerfen (Spielrhythmus!), sondern auch das Risiko eingehen, einen Spieler zu nominieren, der nicht einmal auflaufen kann - dessen Einsatz nur dann wahrscheinlicher würde, wenn Deutschland lange dabei bleibt. Und über den niemand sagen kann, ob er seine Topform über die Pause konservieren kann.

Nagelsmann möchte noch keinen Haken setzen

Das Problem an der Nummer ist ohnehin erst einmal ein anderes: Ein Favorit auf das Erreichen des Finals ist die deutsche Mannschaft nicht. In ihrer besten Version ist sie aber eine, die im Turnier weit kommen kann. Aber von ihrer besten Version ist sie weit entfernt. Zumal man angesichts der wilden Personalrotation von Bundestrainer Julian Nagelsmann gar nicht weiß, welche beste Version als Gesamtkonstrukt ihm überhaupt vorschwebt. Was aber klar ist: Serge Gnabry wäre in dieser gesetzt gewesen. An der Seite von Jamal Musiala, von Florian Wirtz und Kai Havertz. Diese Besetzung hätte das Potenzial, Großes zu bewegen.

Aber diese Besetzung wird es nun nicht geben. Davon gehen die Münchner ganz stark aus. "Er ist sehr gefasst, sehr stabil, aber natürlich enttäuscht. Wenn du 30, 31 bist, dann hast du noch eine WM vor der Brust wahrscheinlich, ich weiß nicht, wie lange er noch spielt, aber es könnte die letzte Chance gewesen sein vielleicht. Es tut mir für ihn leid, weil er bei der WM für die deutsche Mannschaft eine sehr gute Rolle gespielt hätte", sagte Sportvorstand Max Eberl am Sonntag über Serge Gnabry - und legte sich in seiner Sicht auf die Dinge deutlicher fest als Bundestrainer Julian Nagelsmann, der sich um das Wort WM-Aus wand. Er sagte nur: "Es tut mir sehr leid für Serge. Das ist gerade im Saisonendspurt, in dem so große und wichtige Spiele anstehen, eine ganz bittere Nachricht." Er habe ihm, sagte Nagelsmann, am Samstagabend versichert, "dass wir auch in der Nationalmannschaft alle hinter ihm stehen. Wir alle werden ihn bestmöglich unterstützen."

Es ist eine Hiobsbotschaft für den DFB-Coach, deren Ausmaß man womöglich verkennt. Angesichts der anderen Hoffnungsträger, die in den vergangenen Jahren im Licht standen, während Gnabry im Schatten mit Verletzungen und um einen neuen Vertrag beim FC Bayern kämpfte. Musiala und Wirtz hatten die Welt erobert. Sie zauberten sich in die deutschen Herzen und in die Sehnsuchtsbögen aller großen Vereine. Und da war noch Havertz. Ein magischer Dreizack schien geboren, der von hinten noch reichlich Druck von Nick Woltemade bekam. Gnabry war da nicht mehr Gesprächsthema.

Die Schlüsselspieler suchen sich noch

Doch der Eroberungsfeldzug von Wirtz, Musiala, Havertz und Woltemade brach auf der Reise Richtung Trump-WM abrupt ab. Musialas Bein hielt dem Druck von Gianluigi Donnarumma nicht stand. Eine ewige Leidenszeit begann. Bis in dieses Frühjahr hinein kämpft der Spielmacher um seine Form. Für die Münchner war er als Unterschiedsspieler fast nicht greifbar, zuletzt mehrten sich die Momente aber wieder. Wirtz wechselte für eine Rekordablöse nach Liverpool und taumelt mit den "Reds" durch eine Chaos-Saison. Immerhin zeigte er bei den März-Länderspielen, dass er das Außergewöhnliche immer noch abrufen kann. Woltemade erlebt die klassische "Rise and Fall"-Geschichte. Vom absoluten Hype ist er zum Ersatzspieler bei Newcastle United geworden. Havertz kämpft sich in London nach langer Verletzung zurück. Und dann ist da noch das ewige Fragezeichen: Leroy Sané, der Reisende zwischen Welten, der mal spielt, als wäre er zu Höchstem berufen, und mal das Gegenteil anbietet.

Und Gnabry, der war einfach da. Der war endlich mal dauerhaft fit und spielte bärenstark. Weiter im Schatten. In München war er herausragender Adjutant der Schlaglichtspieler - von Harry Kane, von Michael Olise, von Luis Díaz und von Prinz Pink Lennart Karl. Gnabry fand seine Rolle als hängende Spitze, als Zehner, als Verbindungsspieler zwischen den Magiern auf rechts, links und im Zentrum. Und wenn von denen mal einer verhindert war, dann half er eben dort aus. Gnabry kann in der Offensive alle Positionen bespielen, ohne nennenswerten Qualitätsverlust. In 37 Spielen sammelte er 21 Scorerpunkte. Anfang Februar hatte er seinen Vertrag in München verlängert, vermutlich zu reduzierten Bezügen. Überraschend war die Fortsetzung der Zusammenarbeit da schon nicht mehr. Allerdings war sie so vor der Saison nicht absehbar gewesen, da Gnabry immer wieder Einbrüche erlebte.

Kompany ist völlig begeistert

Das hatte er abgelegt. Er hatte Musiala zumindest für die Phase von dessen schwerer Verletzung vergessen lassen. Und war aus dem Schatten ins Licht getreten. Als er Ende März Union Berlin auseinandergenommen hatte, sangen sie die größten Hymnen auf ihn. "Ehrlich gesagt spreche ich immer gern positiv über Serge, sogar noch mehr als über die anderen", schwärmte Trainer Vincent Kompany im Anschluss. "Er war oft verletzt und hat gefehlt, das hat seiner Konstanz vielleicht ein bisschen geschadet. Aber in dieser Saison hat er immer für uns abgeliefert. Er ist ein sehr wichtiger Spieler für uns, auf dem Platz und in der Kabine."

Die Polyvalenz des Spielers macht ihn für Nagelsmann so wichtig, so unverzichtbar. Neben seiner Form, neben seiner Erfahrung, in unzähligen Do-or-die-Schlachten auf dem Platz gestanden zu haben. Gnabry war lange Zeit eines der prägenden Gesichter der 95/96-Generation, von der sich der DFB so viel versprochen hatte, die aber bislang so wenig einlösen konnte. Zumindest bei einer WM bekommt diese Generation nun die letzte Chance, den Ruf, der ihr vorauseilte, als große Generation erfolgreich zu bestätigen.

Gnabry gebe "der Mannschaft einfach sehr, sehr viel", hatte Sportdirektor Christoph Freund nach der Union-Gala gesagt. "Er ist immer torgefährlich und ist echt gut drauf." Jetzt sei es "einfach wichtig", ergänzte der Österreicher, dass Gnabry genau wie der Rest der Mannschaft "fit bleibt, dann wird er ein ganz wichtiger Spieler in den nächsten zwei Monaten". Was für ein schlecht gealterter Wunsch. In München werden nun der körperlich immer noch nicht sonderlich stabil wirkende Musiala und der gerade erst nach kleiner Verletzung ins Training zurückkehrte Karl immer wichtiger, in der Nationalmannschaft ebenso. Pausen zur längeren Regeneration sind kaum noch möglich. Dass Musiala gegen Stuttgart nach seiner Auswechslung zur Pause später leicht humpelnd zurück zur Bank kehrte, erzeugte dabei keine schönen Szenarien.

Quelle: ntv.de

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