Fußball

So läuft das Königsklassen-Finale Juves Hoffnung und Barcas Antwort

Taktikexperte Daniel Memmert erklärt vor dem Champions-League-Finale in Berlin das Spiel der Kontrahenten Barcelona und Turin. Er beantwortet die taktischen Schlüsselfragen und verrät, worauf Sie während des Endspiels der Fußball-Königsklasse achten müssen.

Die Ausgangslage vor dem Champions-League-Endspiel

Im Rahmen meiner universitären Arbeit habe ich die vergangenen Tage in Barcelona verbracht und die Stimmung hier hautnah mitbekommen. Bei Besuchen auf dem Vereinsgelände, beim Training, aber auch in der Stadt unter den Fans war zu spüren, wie fokussiert alle im und um den Verein herum auf das Champions-League-Finale am Samstag (20.45 Uhr im Live-Ticker bei n-tv.de) in Berlin sind. Die Freude über den Gewinn des spanischen Pokals gegen Athletic Bilbao am Wochenende hielt sich hier spürbar in Grenzen. Das war bei Titeln in den vergangenen Jahren völlig anders. Da stand die Stadt auch bei nationalen Titeln Kopf. In diesem Jahr liegt das Hauptaugenmerk nur auf dem fünften Champions-League-Titel beziehungsweise dem zweiten Triple der Vereinsgeschichte. Doch auch Juventus Turin strebt nach dem Triple, die Fokussierung dort dürfte der in Barcelona in nichts nachstehen.

Aus diesen Gründen steht Barcelona im Finale

Zur Person: Prof. Daniel Memmert

Daniel Memmert leitet das Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen im Bereich der Sportspielforschung, hier geht es um Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Kreativität, Spielintelligenz und Motivation. Er besitzt Trainerlizenzen in den Sportarten Fußball, Tennis, Snowboard sowie Ski-Alpin und ist Herausgeber und Autor von Lehrbüchern zu modernem Fußballtraining. Seine neueste, populärwissenschaftliche Veröffentlichung - gemeinsam mit Bernd Strauss und Daniel Theweleit - heißt: "Der Fußball. Die Wahrheit. Fußballspiele werden im Kopf entschieden".

Die Ursachen für "Barcas" Finaleinzug nach vier Jahren Endspiel-Abstinenz liegen meines Erachtens vor allem in der nochmals gesteigerten individuellen Qualität der Superstars. Für Lionel Messi, Neymar, Luis Suárez und auch Andrés Iniesta läuft es in dieser Saison unfassbar gut. Bei Messis Zaubertor gegen Bilbao zum Beispiel faszinierte mich nicht nur sein Dribbling der Extraklasse, sondern vor allem dieser unglaublich präzise Torabschluss ins kurze Eck. Diese beiden Fähigkeiten vereint Messi in Topform – und in dieser ist er momentan – wie kein Zweiter auf der Welt.

Dazu hat sich das Spiel des FC Barcelona im Detail noch einmal verbessert. Vor allem das Timing, wann welcher Spieler in die relevanten Räume startet, wurde nochmals optimiert. Dabei kommt es auf Hundertstelsekunden an; das beherrscht Barcelona nahezu perfekt. Diese Perfektion zeigt "Barca" auch bei fast allen anderen Elementen, die anderen Mannschaften teilweise große Anstrengungen abverlangen. Das Dreiecksspiel im Mittelfeld beispielsweise beherrschen die Barca-Spieler im Schlaf. Und auch an Standardsituationen arbeitet die Mannschaft ständig.

Und deshalb steht Juve im Endspiel

Zwar war in dieser Saison die Dreierkette in Italien wieder en vogue. Bundestrainer Joachim Löw war extra in Italien, um sich das anzuschauen. Aber ich würde das für das Berliner Endspiel nicht überbewerten. Denn bei Juve sollten wir Beobachter den Fokus auf das Mittelfeld legen. Von einer Dreierkette hat das Team wieder auf ein 4-3-1-2 umgestellt, sodass die Mittelfeldspieler Pirlo, Marchisio, Pogba und Vidal voll zur Geltung kommen. In diesem Mannschaftsteil liegt Turins absolute Stärke. Wenn sich Räume ergeben, schaltet die "alte Dame" aus einer stabilen Defensive heraus extrem schnell über die Flügel um und bringt seine individuell starken Stürmer Carlos Tevez und Alvaro Morata in gefährliche Positionen.

Die taktische Schlüsselfragen

Die taktische Ausgangssituation für Juventus Turin ist klar. Das Team von Trainer Massimiliano Allegri muss sich fragen: Wie können wir verhindern, dass Barcelona zu seinem Spiel findet? Dafür ist vor allem der sogenannte Drei-Viertel-Bereich entscheidend; die Zone zwischen Mittellinie und etwa 30 Metern vor dem Turiner Tor. In diesem Raum zelebriert Barcelona sein berühmtes Tiki-Taka und kreiert den Großteil aller Chancen. Die entscheidenden Fragen des Spiels lauten also: Was geschieht im Mittelfeld? Wie interpretieren beide Teams diesen Raum und welche Schwerpunkte setzen die Kontrahenten in dieser Zone?

Welche Antworten hat Barcelona parat?

In diesem Zusammenhang ist die Aussage von Barcelonas Xavi interessant, der seine große Karriere in Berlin beenden wird. "Barcelona will immer den Ball haben, das Spiel dominieren, aber nun können auch die drei Spieler im Angriff das Geschehen bestimmen", hat der dreimalige Champions-League-Sieger vor dem Finale gesagt. "Wir brauchen vielleicht nicht mehr ganz so viel Kontrolle im Mittelfeld." Das ist ein sehr bemerkenswerter Satz, da er belegt, dass die Mittelfeldspieler versuchen, den Ball noch schneller als zuvor in die Spitze zu bringen und das Trio MSN (Messi, Suarez, Neymar) zu suchen. Das könnte gegen Juve entscheidend sein, da Barcelona so möglichst zielstrebig und effizient das starke und im Vergleich nahezu ebenbürtige Mittelfeld der Italiener überwinden könnte. Möglicherweise agieren die Katalanen im Endspiel von Berlin noch vertikaler als ohnehin schon, um noch schneller ihre Stürmer in Szene zu setzen.

Und wie soll Juve Barca stoppen?

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Daniel Memmert traut Juventus das "Wunder" gegen den FC Barcelona zu.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Turiner werden es ihrerseits darauf anlegen, genau das zu unterbinden, sodass ein Abnutzungskampf im Mittelfeld entsteht. Gelingt das, könnten sich die kampfstarken Italiener einen physischen und psychischen Vorteil erarbeiten, je länger das Spiel dauert. Doch es ist gegen die technisch perfekten Spieler des FC Barcelona schwerer als gegen jede andere Mannschaft der Welt, Druck im Mittelfeld auszuüben, Zugriff zu erlangen beziehungsweise in die Zweikämpfe zu kommen. Um überhaupt eine Chance zu haben, muss es Juve schaffen, die Lauf- und Passwege des FC Barcelona zu antizipieren, den Drei-Viertel-Bereich zu kontrollieren und so das Tiki-Taka zu zerstören.

Ich halte das Juve-Mittelfeld für schnell genug im Kopf, um die Ballzirkulationen von Barcelona möglichst weit vom eigenen Tor fern zu halten, um ihnen so das Leben schwer zu machen. Turins Trainer Massimiliano Allegri ist ein exzellenter Taktiker, der seine Spieler perfekt darauf vorbereiten kann. Sind die Turiner allerdings nicht rechtzeitig bei ihren Gegenspielern, kann Barca durch nur einen Ballkontakt eine neue Spielsituation eröffnen – spielend leicht, im wahrsten Sinne der Worte.

Darauf müssen Sie achten!

Barcelonas Spiel besteht nicht nur aus Kreativität und Intuition, es ist auch ganz viel geplant und tausendfach einstudiert; dies hat unser Institut in jahrelangen Analysen klar zeigen können. Das sollte man nicht unterschätzen. Taktisch interessierten Lesern empfehle ich daher, im Endspiel neben den vielen Dribbling-Versuchen von Messi auf folgende drei Gruppentaktiken des Barca-Spiels zu achten:

  • Vertikales Passspiel in die Nahtstellen der Viererkette: Barcelona spielt nur im Tiki-Taka-Modus quer oder zurück, sonst immer nur vertikal, um vor das gegnerische Tor zu gelangen. In einer extrem hohen Frequenz werden die Nahtstellen der gegnerischen Viererkette flach bespielt. Selbst wenn der Gegner das einmal, zweimal oder zehnmal blockt; mit dieser Geschwindigkeit und Passgenauigkeit, wie Barcelona sein Spiel vorträgt, ist das irgendwann nicht mehr zu verteidigen. Schauen Sie sich dazu einfach das 2:0 im spanischen Pokalfinale gegen Bilbao letzten Samstag an.
  • Diagonalbälle aus dem Halbfeld in den Rücken der Viererkette: Im richtigen Zeitpunkt mit einem diagonal gespielten Ball aus dem Drei-Viertel-Bereich hinter die Viererkette des Gegners zu gelangen, üben schon die Nachwuchsspieler des FC Barcelona immer und immer wieder. Dabei das richtige Timing zu finden, ist unfassbar schwer. Bei Barcelona sieht das nur deswegen so einfach aus, weil das einstudierte Automatismen mit System sind. Dieses Stilmittels bedient sich Barcelona ständig. Interessant dabei ist, dass auch die Achter wie Ivan Rakitic und Andrés Iniesta häufig ihre Position im Mittelfeld verlassen, um hoch hinter der Viererkette angespielt zu werden.
  • Variationen bei Eckbällen: Barcelona ist nicht nur aus dem laufenden Spiel heraus torgefährlich, sondern auch bei Standards extrem flexibel. Es werden auch im Endspiel viele Variationen zu beobachten sein. Eine Strategie ist beispielsweise: Von zwei, drei Spielern, die um den Ausführenden herum bereit stehen (teilweise auch aus dem Strafraum startend), läuft einer kurz, um den Ball aufzunehmen und ihn dann mit Mitspielern im Tiki-Taka-Modus scheinbar vom Tor in ungefährlichere Flügelräume zuleiten – ein Ablenkungsmanöver. Währenddessen läuft der scheinbar nicht integrierte Außenverteidiger in den freien Raum, bekommt den Ball und kann gefährlich flach vor das Tor passen.

Das Fazit

Juventus Turin braucht schon etwas Spielglück, um sich in eine mögliche Verlängerung zu retten oder gar zu einem Sieg zu gelangen. Die Juve-Stars Carlos Tevez und Paul Pogba haben zwar große individuelle Klasse, die auch mal ein Spiel entscheiden kann. Doch wenn Barcelona die Form der letzten Wochen erreicht, hat das Team genügend Lösungen, sich dem aggressiven Spiel der Italiener im Mittelfeld zu entziehen. Alles in allem halte ich den Ausgang des Champions-League-Finales für eine relativ eindeutige Angelegenheit zugunsten der Katalanen.

Aufgezeichnet von Ullrich Kroemer

Quelle: n-tv.de

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