Fußball

Neue Ära beim Rekordmeister Kahn will es anders machen als Rummenigge

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"Die größte Herausforderung jetzt gerade ist: Die Zuschauer zurück in die Stadien bringen", sagt Kahn.

(Foto: picture alliance / SvenSimon/GettyImages/Pool)

Beim FC Bayern München ist Trainer Hansi Flick weg. Der wurde durch Julian Nagelsmann ersetzt. Zuständig für die Verpflichtung des Leipzig-Trainers war Oliver Kahn. Seit Anfang Juli 2021 ist er Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München. Nun hat er sich vorgestellt.

Da steht er nun auf einem gigantischen Podium in der Münchener Südkurve. Die Allianz Arena versteckt sich hinter Werbebanden. Sie ist menschenleer. Neben ihm steht Präsident Herbert Hainer. Doch es geht nicht um ihn. Er wird in den nächsten 45 Minuten die Zahlen liefern, doch die Aufmerksamkeit gehört einem anderen: Oliver Kahn, der neue Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München. Unvorstellbar eigentlich. Die Roten ohne Uli Hoeneß und ohne Karl-Heinz Rummenigge. Beide haben sich verabschiedet. Rummenigge erst kürzlich, am 30.06.2021. Die Kamera zoomt auf Kahn. Er ist das neue Gesicht des FC Bayern. Muss man sich auch erst einmal dran gewöhnen. Er sagt, dass er überzeugt sei, das "nötige Rüstzeug" mitzubringen. Für den Job in erster Reihe, für die Rolle als Deutschlands wichtigster Fußballfunktionär, die aktuell auf Interimsbasis vom Dortmunder Hans-Joachim Watzke ausgeübt wird. Rummenigge und Hoeneß weg, der DFL-Chef Christian Seifert vor dem Absprung, der DFB seit Jahren ohne Führung, bei der EM krachend gescheitert. Es könnten einfachere Zeiten für den deutschen Fußball sein. Auch für den FC Bayern, der nicht nur das Führungsduo verlor, sondern dem auch noch der Trainer wegrannte.

Kahn hat sich die vergangenen 18 Monate auf seine neue Aufgabe vorbereiten können. Im Winter 2020 wurde er in den Vorstand berufen. Seither hat er sich im Verein umgeschaut, ein Projekt namens "Ahead" gestartet, das die Zukunft der Bayern abbilden soll, ist mit Karl-Heinz Rummenigge übers internationale Parkett getanzt, hat Kontakte geknüpft und immer gesehen, wie die Welt sich binnen weniger Wochen komplett verändert hat. Der Fußball, der überlebte, weil er sich als Unterhaltungsmaschine definierte, kommt seitdem ohne Zuschauer aus. Zumindest in Deutschland. Hier waren nur vereinzelt und nur zwischen August und dem Herbst-Lockdown in einigen Stadion Zuschauer. Bei den Bayern nicht. Sie spielten letztmals im März 2020 vor Fans, das letzte Saisonheimspiel gegen den FC Augsburg durfte eine eher symbolische Zahl geladener Gäste verfolgen.

"Die größte Herausforderung jetzt gerade ist: Die Zuschauer zurück in die Stadien bringen", sagt Kahn, der die Welt beobachtet hat. "Es ist eine veränderte Fußballlandschaft", sagt er. "Wir sehen, dass die finanzielle Lage vieler Klubs problematisch geworden ist." Der Fußball sei viel in Bewegung. Financial Fair Play, Salary Cap - all das seien noch zu lösende Frage. Und dann, es klingt nur durch, mahnt er. "Die junge Generation hat eine ganz andere Art, Fußball zu schauen. Da müssen wir vorbereitet sein." Für Kahn ist das der Schlüssel. Die Zuschauer bringen das Geld und sie machen das Spiel aus. "Ich bin überzeugt davon, dass die Klubs, die ihre Fans am besten verstehen, in Zukunft erfolgreich sein werden", sagt er. Ein spannender Satz.

Das Ziel? "Absoluter Weltklassefußball"

Die sportlichen Ziele der Bayern sind unverändert. "Die Ambitionen sind nicht kleiner geworden", sagt der neue Bayern-Boss. Getreu dem alten Kahn-Motto soll es sportlich "weiter, immer weiter" gehen und auch der zehnte nationale Meistertitel in Folge eingefahren werden. Jetzt mit Trainer Julian Nagelsmann, der keine Zeit haben wird. "Beim FC Bayern muss der Erfolg sehr, sehr schnell kommen", sagt Kahn, und dass er damit nun wirklich keine Geheimnisse verrate. Nagelsmann müsse "gefräßig" wie die Bayern werden, den Kader entwickeln und auch mal auf den Campus der Bayern schauen, von dem zuletzt Jamal Musiala den Sprung in den Profi-Kader schaffte, der aber sonst nur selten Spieler für den Rekordmeister hervorbringt. Was bei dem Ziel "absoluter Weltklassefußball" auch nicht so einfach ist. Die jungen Spieler müssen auf dem höchsten Niveau liefern. Wie auch Julian Nagelsmann. Der sich an die Erfolgskultur der Bayern gewöhnen muss. "Wir wollen eine neue Ära angehen", sagt Kahn. Das Wort "'Ära" fällt häufiger. Es ist eine Zeitenwende.

International wird es in den nächsten Jahren nicht leichter. Während die Bayern pandemiebedingte 150 Millionen Euro Umsatzverlust machen, verstärkt auf den Nachwuchs setzen wollen, kaufen die Klubs der englischen Premier League munter ein, die von der Sehnsucht nach einem Champions-League-Sieg getriebene Katar-Dependance Paris Saint-Germain schöpft finanziell ebenfalls weiter aus dem Vollen. Für Kahn kein Problem. Auch in der Champions League sei "absolut" mit dem FC Bayern München zu rechnen. Die finanziellen Nachteile eines Bundesligisten habe der "FC Bayern immer wieder durch starke Erfolgskultur, durch die Siegesfähigkeit" kompensiert. Kahn dehnt das Wort "Siegesfähigkeit", behält es lange im Mund, redet weiter. Kommt zurück zur "Siegesfähigkeit" und überhaupt, all das Geld der Welt habe bislang noch nicht zu einem Champions-League-Sieg der Pariser geführt. Das stimmt. Auch, da das alte Bayern im ersten Pandemiesommer PSG im Finale kleinhielt. Das soll auch in der Zukunft so bleiben. Aber die Probleme sind da. Sie sind konkret. In München ist ein Punkt erreicht, an dem der Verein nicht mehr gewillt ist, jede Gehaltsforderung eines Spielers mitzugehen. Thiago Alcantara wechselte 2020 nach Liverpool, in diesem Sommer ging mit David Alaba ein echtes Urgestein von Bord. Er wollte zu viel Geld, der FC Bayern wollte es ihm nicht geben.

Die Zukunft liegt nicht in der Vergangenheit

Das Problem droht ihm nun auch bei Leon Goretzka, der sich in den vergangenen Monaten als gutes Gewissen des deutschen Fußballs positioniert hat. Was den Bochumer aber nicht daran hindert, bei der nächsten Vertragsverlängerung eine dicke Gehaltserhöhung einstreichen zu wollen. Wieso auch? Kahn, auf jeden Fall, ist überzeugt. Die Gespräche seien nun wirklich "sehr, sehr gut" und überhaupt, welcher Verein könne schon so ein großartiges Paket anbieten, fragte er und führte die Chance auf nationale und internationale Titel an. Bei Bayern habe man immer die Chance, "eine Ära mitzuprägen". Doch bei den Bayern, deren Mannschaft, wie jede Fußballmannschaft auf der Welt, sich in einem Zustand des permanenten Umbruchs befindet, stellt sich die Frage: Wenn man immer alles gewinnt, wo beginnt dann eine Ära und wo endet die vorherige?

Deutlicher aber als der Auftritt des neuen Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern München kann man eine Ära nicht abgrenzen. Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß sind nunmehr Geschichte. "Das sind große Fußstapfen", sagte Kahn, "aber man muss nicht in den Fußstapfen weiterlaufen. Man kann auch mal den einen oder anderen Weg gehen." Ein krachendes Kahn-Lachen schallt durch die Münchener Arena. Ganz am Ende meldet sich Präsident Herbert Hainer zu Wort. "Wir wissen alle: Prognosen sind schwierig. Gerade, wenn sie in die Zukunft gehen." Ja, die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Für den FC Bayern unter Oliver Kahn hat sie heute auf einem riesigen Podium in einem leeren Stadion begonnen.

Quelle: ntv.de

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