Fußball

Kritik nach RB-Pokalschmach "Königsmörder" Nagelsmann verzockt sich

RB Leipzig liefert im Finale des DFB-Pokals zu wenig Handfestes und viel brotlose Kunst. Der Bundesligist lässt sich im DFB-Pokalfinale viermal von Borussia Dortmund überrumpeln. Auch, weil der Plan von Trainer Julian Nagelsmann nicht aufgeht.

RB Leipzigs Spieler standen direkt nach Abpfiff wie erstarrt auf dem Rasen, fast regungslos, als könnten sie selbst nicht fassen, dass sie sich im DFB-Pokalfinale von Borussia Dortmund mit 1:4 (0:3) hatten auskontern lassen. Als dann wenig später der Pott übergeben wurde und goldenes Konfetti durchs Stadion schwebte, gingen einige nicht direkt in die Kabine, sondern schauten dem schwarz-gelben Spektakel noch einen Moment zu.

Leipzigs scheidender Trainer Julian Nagelsmann war mit verkniffenem Gesicht, die Stirn in Falten gelegt, am Pokal vorbeigeeilt, ohne die Trophäe eines Blickes zu würdigen. Der Stachel, im zweiten Anlauf nach 2019 wieder als Verlierer nach Hause zu fahren - und dazu noch derart deutlich geschlagen - sitzt tief bei den Leipzigern. Geschäftsführer Oliver Mintzlaff legte vor Gram seinen Managersprech ab und ärgerte sich unverblümt: "Jetzt sind wir das zweite Mal in drei Jahren hier und kriegen zum zweiten Mal auf den Sack."

Das lag auch an einer ersten Hälfte, die symptomatisch für den Zustand von RB in diesem Frühjahr ist: viel uneffektiver Ballbesitz, mangelnde Präzision in der Offensive, wenig Zug zum Tor, verschwenderisch bei den raren Möglichkeiten, individuelle Fehler und schlechte Feldeinteilung mit zu viel Raum für den Gegner. Die Klatsche war wohlgemerkt kein Produkt fehlender Einstellung: Leipzig bemühte sich schon in der ersten Hälfte nach Kräften um aktiveres, höheres Pressing als im Vorspiel in der Liga vor sechs Tagen und setzte Dortmund auch zu.

Ohne Routiniers läuft es nicht

Doch die Mannschaft wirkt aktuell verunsichert in den diversen Spielideen. Die alten Tugenden Kompaktheit und rasantes Umschaltspiel sind abhandengekommen, der Ballbesitzfußball (noch) nicht auf dem Niveau, um große Duelle und Titel gewinnen zu können. "Wenn du viel rumspielst und wenig dabei herauskommst, verlierst du so ein Spiel. Bei Ballbesitz haben wir die Restverteidigung zu schlecht eingeteilt und ihnen zu viele Räume gelassen", ärgerte sich Kapitän Marcel Sabitzer. "Das müssen wir uns ankreiden lassen. Ich empfinde pure Enttäuschung und sehe unsere Leistung auch kritisch."

Trainer Julian Nagelsmann geht nun nicht nur titellos nach München, sondern auch mit einem verlorenen Finalspiel im Rucksack, das wahrlich kein Aushängeschild seiner zwei Jahre in Leipzig ist und in dem er nicht die glücklichsten Entscheidungen traf. Oder deutlicher: Mit dieser Startformation hat sich das junge Trainergenie verzockt. Nagelsmann bot eine Elf auf, die in dieser Konstellation noch nie begonnen hatte.

Die finalerfahrenen und titelhungrigen Routiniers Yussuf Poulsen, Willi Orban, Emil Forsberg sowie Kreativspieler Christopher Nkunku ließ er allesamt zunächst draußen und vertraute Hee-chan Hwang und Alexander Sörloth. Zur zweiten Halbzeit korrigierte der Trainer dann, brachte Poulsen und Nkunku (beide 46.) und Forsberg (62.). Leipzig spielte plötzlich so zielstrebig und geradlinig - unter anderem mit zwei Aluminiumtreffern (Nkunku, 46. und Forsberg, 71.) - dass es bei besserer Chancenverwertung möglich gewesen wäre, das Spiel noch auf den Kopf zu stellen.

"Wir haben versucht, Dortmund mit Sörloth und Hwang mit viel Tempo hinten weh zu tun", rechtfertigte Nagelsmann mit belegter Stimme seinen Plan. "Weil sich das Spiel total ändert, wenn du 0:3 hinten liegst und einfach noch weniger Raum hinter der Kette ist, waren nach der Pause andere Tugenden gefragt als die von Hee-chan", erklärte er die Korrektur zu Halbzeit. Und Sörloth, der eine Großchance ans Außennetz schoss (39.), sei zu selten in Abschlusssituationen gekommen.

"Jetzt wird alles personalisiert"

Warum Poulsen, RB Leipzigs Rekord-Torschütze im Pokal, nicht von Beginn an spielte, erklärte der Fußballlehrer mit dessen Verletzung vor zwei Wochen. "Yussi war eine Zeit lang verletzt und hat nicht so viel trainiert. Für seine Qualitäten braucht er einen gewissen Rhythmus, um sich konativ (antriebhaft, Anm.d.Red.) gut zu bewegen, ein Gefühl für Räume und den Ball zu entwickeln." Poulsen selbst hatte sich im Gespräch zu Wochenbeginn allerdings bei 100 Prozent gewähnt.

Angesprochen auf eine frühere Intervention sagte der Coach angefressen: "Jetzt habe ich Angeliño aus dem Kader gestrichen, dann soll ich in der ersten Halbzeit wechseln - dann hat irgendwann die ganze Welt Angst vor mir. Ich habe schon gelesen, dass die Spieler jetzt Angst hätten vor mir, weil ich der Königsmörder sei." Der Linksaußen schmorte auf der Tribüne, weil Nagelsmann ihn nach einem lustlosen Abschlusstraining und vorangegangene disziplinarische Probleme aus dem Kader verbannt hatte. Doch der 33-Jährige könne mit der Kritik leben. "Da bricht mir kein Zacken aus der Krone, das kann ich verkraften."

Inhaltlich sind Nagelsmanns Aufstellungs-Entscheidungen jede für sich isoliert betrachtet durchaus schlüssig. Doch so fehlte seinem Team in der ersten Hälfte Abstimmung und Mentalität. Bisweilen wirkt der baldige Münchner Trainer zu verkopft in seinen Maßnahmen - genau wie das Spiel seiner Mannschaft in diesen Wochen. Mit seiner Strategie, die Aufstellung immer zuerst am Gegner zu orientieren und danach an den eigenen Stärken, hat er diesmal nicht die richtige Finalmischung gefunden.

Die Wut der Fans in den sozialen Netzwerken richtet sich nun vor allem gegen ihn. "Ich weiß, dass jetzt alles personalisiert wird", sagte er. "Es tut mir leid für die Spieler und den Klub, weil wir zuvor eine rasante Entwicklung genommen haben." Doch Nagelsmanns zwei Jahre in Leipzig bleiben unvollendet. Und die Leipziger müssen weiter auf den ersten großen Titel der Klubgeschichte warten. Die Metamorphose vom Aufstiegsexperten zum Titelträger - der im Klub viel beschworene nächste Schritt - dauert für RB-Verhältnisse ungewöhnlich lange.

Quelle: ntv.de

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