Fußball

Staatskrise bei Bayern München "Trainer-Azubi" Nagelsmann im Kreuzfeuer der Kritik

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Auch die Hosen des Trainers kommen nicht überall gut an.

(Foto: IMAGO/ActionPictures)

Bayern München gewinnt plötzlich keine Spiele mehr. Der Abo-Meister stürzt in der Fußball-Bundesliga auf Platz fünf ab. Weil das so selten passiert, fallen die Experten über den Klub her. Trainer Julian Nagelsmann steht im Fokus der Kritik. Der Verdacht: Er hat die Kabine verloren! Thomas Müller hat eine Idee.

Vier Spiele ohne Sieg, nur Platz fünf in der Bundesliga nach sieben Spieltagen, fünf Punkte Rückstand auf Tabellenführer Union Berlin, die längste Sieglos-Phase seit 20 Jahren: Die unerwartete Krise des FC Bayern München ist ein Fest für die Welterklärer, Allesversteher und Nichtspieler. Im Zentrum der Kritik von innen und außen steht Trainer Julian Nagelsmann. Aber auch Joshua Kimmich, Sadio Mané und der im Sommer für seine Transfers noch so gefeierte Sportvorstand Hasan Salihamidžić bekommen ihr Fett weg. Es ist die große Zeit der Experten.

Markus Babbel, Ex-Europameister und ehemaliger Bayern-Spieler, ist so einer. Er führt die Reihen der Kritiker an. Der 50-Jährige fordert die sofortige Rückkehr in die Erfolgsspur und sieht Nagelsmann in der Pflicht. Der sei, so Babbel auf Sky, "trotz allem noch ein Bayern-Azubi", ein "großartiges Trainertalent", aber eben einer, der jetzt "schnell lernen" und "ein Zeichen setzen" müsse. Ein Zeichen, das auch vor den ganz großen Namen keinen Halt machen dürfe. "Dann musst du eben auch mal Kimmich auf die Bank setzen", forderte er und griff den Nationalspieler an. Der agiere ohne Disziplin, turne "überall herum, nur nicht da, wo er spielen sollte" und verspiele sein Standing.

Dampfplauderer Mario Basler sieht hingegen Sadio Mané in der Pflicht. Der mit großem Applaus in München gelandete Weltstar befindet sich in einer rätselhaften Formkrise. Er trifft nicht mehr. "Mich kotzt es an, wie die Leute auf Julian oder auf die Trainer losgehen. Was kann Julian dafür, wenn Sané dreimal frei auf das Tor zuläuft und ihn nicht reinmacht? Julian ist ein hervorragender Trainer", wütete Basler Anfang der Woche auf Sport1.

Offene Kritik auch aus dem Kader

Es bleibt aber nicht nur bei den üblichen Knallhart-Experten, die von Krisen leben und deren Meinungen immer polarisieren müssen. Die Kritik kommt auch aus dem Inneren der Mannschaft. Noch ist sie verhalten und wird aus den hinteren Reihen der Hierarchie hervorgetragen. Doch Unmut macht sich auch im Kader breit. Es gärt.

Bei 18,5-Millionen-Euro-Neuzugang Ryan Gravenberch zum Beispiel. Der antwortet bei ESPN auf die Frage, ob er beim FC Bayern unzufrieden sei, mit: "Um ehrlich zu sein: Ja, bin ich. Du willst spielen, aber der Trainer wählt andere Spieler. Ich habe das zu akzeptieren, doch es ist schwierig. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mehr Spielminuten erwartet."

Es gärt in der Kabine, die sich laut einem Bericht der nicht immer vertrauenswürdigen, aber stets meinungsstarken "Sport Bild" langsam gegen den Trainer wendet. Von einer "Zerreißprobe" ist dort zu lesen. Es wird an die Rauswürfe von Carlo Ancelotti und Niko Kovac erinnert. Noch mit einem "so weit ist es noch nicht"-Zusatz. Aber es gärt. Wie auch das Resümee vermuten lässt. Die Fehler, heißt es dort, suche die "mächtigste Kabine der Liga" bei Nagelsmann und nicht bei sich.

Was Nagelsmann vorgeworfen wird

Es soll nicht nur um das modebewusste Auftreten des 35-Jährigen, nicht nur um seine Beziehung zu einer "Bild"-Redakteurin gehen, wie es schon am Montag im "Kicker" angedeutet wurde, sondern vielmehr auch um taktische Erwägungen, Einwechslungen und die Rotation, die im Mannschaftskreis für "Kopfschütteln" gesorgt haben soll. Zu einer Effizienzkrise, die Chancenverwertung lag zuletzt nur noch bei 10,5 Prozent, gesellen sich also Kaderprobleme und Zweifel an der Menschenführung des Trainers.

Neben Gravenberch soll auch Nationalspieler Jamal Musiala zu den Unzufriedenen gehören. Auch er will mehr Spielzeit und weiß zudem, so schreibt der "Kicker", die mächtigen Entscheider Salihamidžić und den Technischen Direktor Marco Neppe hinter sich. Salihamidžić selbst steht ebenfalls unter Druck. Der hatte nach dem Abgang von Lewandowski auf den Transfer einer klassischen Nummer Neun verzichtet und auf den Flügelstürmer Mané gesetzt. Auch, weil die Bayern sich nicht mit Erling Haaland handelseinig wurden. Inmitten der Renaissance der klassischen Stürmer ging Bayern den Bayern-Weg. Zum Start ist es ein holpriger. Einer, der sie aktuell zu einer in diesem Jahrtausend beinahe beispiellosen Sieglos-Serie geführt hat.

Zu allem Überfluss kommen nun noch die Corona-Infektionen von Kapitän Manuel Neuer und Leon Goretzka hinzu. Das ist im Jahr 2022 natürlich alles weitaus weniger dramatisch als noch im Vorjahr. Doch die Gefahr einer längeren Ausfallzeit ist gegeben. Bereits am kommenden Freitag geht es gegen Bayer Leverkusen. Alles andere als ein Sieg würde die Debatte nur weiter befeuern. Jeder Ausfall wiegt schwer in dieser Situation.

Thomas Müller schaut in den Sonnenuntergang

So bleibt die Frage: Wie können die Bayern aus dieser beinahe schon als historisch zu bezeichnenden Krise gestärkt hervorgehen? Am Trainer festhalten, ihm Zeit geben und sich nicht auf die mit großer Freude geführten Debatten einlassen, rät Ralf Rangnick. Der Mann, der Nagelsmann einst nach Leipzig lotste, sieht die Bayern weiter auf Kurs. Anders als die ewig aufgeregten Experten setzt er auf Geduld. Eine beinahe verlorene Eigenschaft im Fußball.

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"Er hat ja letztes Jahr und zu Beginn der Saison schon bewiesen, dass er die Mannschaft nicht nur führen, sondern mit ihr auch begeisternden Fußball spielen lassen kann", sagte der Nationaltrainer Österreichs der "Bild"-Zeitung: "Nach dem Abgang von Robert Lewandowski braucht es nun mal ein bisschen Zeit." Ein anderes Spielsystem, andere Wege zum Tor und etliche neue Spieler. Zeit erscheint da keine so schlechte Idee.

Urgestein Thomas Müller hat noch eine ganz andere Idee. Auf dem sozialen Netzwerk LinkedIn klickte der Nationalspieler neulich mal wieder "Gefällt mir". Ein Motivationsspruch hatte es ihm angetan. Dort hieß es auf einem romantischen Bild mit Sonnenuntergang: "Sei so positiv, dass negative Menschen nicht um dich herum sein wollen." Das Leben kann so einfach sein. Jetzt müssen noch die Resultate stimmen. Dann wird die Staatskrise schnell beendet sein und Müller wieder auf deutlich positivere Menschen treffen.

(Dieser Artikel wurde am Donnerstag, 22. September 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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