Fußball

"Erobern, nicht verteidigen" Kuntz kümmert sich nicht nur um den Titel

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Gute Laune hatte U21-Bundestrainer Stefan Kuntz schon vor dem EM-Auftakt - danach war das Lächeln des Ex-Profis noch breiter.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Mit einem überzeugenden Erfolg startet die deutsche U21-Nationalmannschaft in die Fußball-EM. Bundestrainer Stefan Kuntz führt den Titelverteidiger weiter überaus erfolgreich. Mit viel Humor, Leichtigkeit aber vor allem harter Arbeit will der gelernte Polizist zum dritten Mal Europameister werden.

Gut gelaunt ist Stefan Kuntz eigentlich immer. Nach dem Auftakterfolg der deutschen U21-Nationalmannschaft gegen Dänemark aber noch etwas mehr als sonst: "Ich weiß, dass ich mich auf die Jungs verlassen kann", diktiert er am späten Montagabend nach dem gelungenen Start in die Fußball-Europameisterschaft in die Mikrophone der Journalisten. Er spricht von "Bolzplatzmentalität" und "großem Vertrauen", das er in die Mannschaft habe. Typisch Stefan Kuntz, der einfach ein Händchen dafür hat, mit einer Generation von deutschen Nachwuchsspielern umzugehen, die vielleicht die vorerst letzte Goldene ist.

Kuntz weiß das und fordert auch deshalb den Turniersieg. "Wir wollen den Titel nicht verteidigen, sondern erobern", ist ein Kernsatz der Kuntzschen Strategie. Klingt ein wenig nach Joachim Löw, der mit einem ähnlichen Vorhaben bei der WM 2018 krachend scheiterte. Kuntz scheint dagegen - wieder mal - den richtigen Spirit in seinem Team entwickelt zu haben.

Doch wie schafft er das, woran andere große Trainer oft scheitern? "Wir haben immer einen Matchplan, aber wir lassen auch drauflos spielen. Die Jungs entscheiden selbst fast alles auf dem Platz", erklärte der 57-Jährige nach dem souveränen 3:1 im italienischen Udine. Kuntz lässt laufen und die Spieler danken es ihm. Den ehemaligen Profi des 1.FC Kaiserslautern umgibt nicht die - wenn auch mittlerweile arg angekratzte - weltmeisterliche Aura eines Löw. Er ist auch kein Taktikfuchs wie Josep Guardiola und kein Motivator wie Jürgen Klopp. Kuntz ist ein Kümmerer, ein Geschichtenerzähler. Er überfordert seine jungen Spieler nicht mit zu vielen taktischen Vorgaben und Ernährungsplänen. "Ich möchte auch ein Gegengewicht zu den Vereinstrainern sein", hat er mir zum Beginn seiner Dienstzeit mal gesagt.

Kümmerer Kuntz sorgt für Wohlfühloase

"Die Spieler sollen sich wohlfühlen, wenn sie zur Nationalmannschaft kommen, den Alltagsstress vergessen". Kuntz gibt "seinen Jungs" das Gefühl, einen väterlichen Freund an der Seite zu haben, das schafft Teamgeist und sorgt für totale Identifikation. "Wir waren Freunde, noch nie habe ich solch einen Teamspirit erlebt wie in dieser Truppe", sagt auch heute noch Maximilian Arnold, der Kapitän des Europameister-Jahrgangs 2017. Kuntz nimmt alle mit. Auf und neben dem Platz.

Als während einer Trainingseinheit bei der EM vor zwei Jahren einem Kameramann das Stativ umfiel, eilte der Cheftrainer persönlich vorbei und stellte es wieder auf. Als ich nach einem wenig erfolgreichen Journalistenkick im Rahmen des Turniers mit einem eher provisorischen Gipsverband vor dem Teamhotel auftauchte, schickte Kuntz seine medizinische Abteilung vorbei. "Schaut Euch das mal bitte an", sagte er zu seinen Medizinern. Das war wenige Stunde vor dem EM-Finale, eine Zeit also, in der Trainer gemeinhin ganz andere Sorgen haben, als Sportverletzungen der mitgereisten Journaille.

Kuntz der Kümmerer ist da. Jederzeit und für jeden. Wer nun aber glaubt, der U21-Trainer sei nur ein "Gute-Laune-Onkel", täuscht sich gewaltig. "Der Trainer verlangt viel, sehr viel", sagte Doppeltorschütze Marco Richter nach dem 3:1 gegen Dänemark. Doch irgendwie fällt das bei diesem Stefan Kuntz gar nicht so auf, möchte man hinzufügen. Dabei ist körperliche Fitness für ihn Grundvoraussetzung. "Widerstandsfähigkeit" nennt der Ex-Bundesligatorschützenkönig das. Geistige Frische ist für ihn "die Waffe im Kopf". Um physisch wie psychisch voll da zu sein, setzt auch Kuntz auf moderne Methoden, arbeitet akribisch mit den beiden Co-Trainern Daniel Niedzkowski und Antonio di Salvo.

"Nur 80 Zentimeter zwischen Schulter klopfen und Arschtritt"

Dabei moderiert Kuntz und gibt auch seinen engsten Vertrauten viele Freiräume: "Jeder hat Stärken und die müssen wir bündeln", hat er mal zu mir gesagt, "ich muss nicht überall der Erste sein". Kuntz selbst muss und will sich nichts mehr beweisen, dafür hat er selbst schon zu viel erlebt. "Im Fußball liegen 80 Zentimeter zwischen Schulter klopfen und Arschtritt", hat er nach dem Titelgewinn 2017 zu Protokoll gegeben. Und "Arschtritte" gab es einige für den Trainer Stefan Kuntz. Dass er es überhaupt noch mal auf die Trainerbank geschafft hat, ist rational nicht zu erklären. Zwölf Jahre lagen 2016 zwischen seinem letzten und dem aktuellen Engagement als Bankangestellter.

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Timo Latsch mit Stefan Kuntz bei der U21-EM 2017 in Polen.

Aus dem Fußball raus war Stefan Kuntz dennoch nie. Er studierte Sportmanagement, war Manager in Koblenz und Bochum, später Vorstandsvorsitzender des 1.FC Kaiserslautern. Er selbst hat Dutzende Trainer kommen und gehen sehen. Als Spieler hatte er eh alle Höhen und Tiefen erlebt: Abstiegskampf in Bochum und Bielefeld, Meister und Pokalsieger mit dem 1.FC Kaiserslautern, Fußballer des Jahres 1991 und Europameister 1996. Als Kuntz vor drei Jahren zum U21-Bundestrainer berufen wurde, schüttelte die Fachwelt den Kopf. Zu lange hatte er auf keiner Trainerbank mehr gesessen, zuletzt mit überaus mauen Ergebnissen den dauertaumelnden 1.FC Kaiserslautern geführt. Und Kuntz´ Ausbeute als Cheftrainer liest sich wie die eines Gescheiterten. Nach Anfangserfolgen bei seinem Heimverein Borussia Neunkirchen und dem Karlsruher SC wurde er bei Waldhof Mannheim und LR Ahlen, Anfang der 2000er Jahre tatsächlich beides Zweitligisten, wegen Erfolglosigkeit gefeuert. Beim SV Waldhof verlor er sechs seiner letzten acht Spiele, in Ahlen verantwortete Kuntz einst das Ausscheiden aus dem DFB-Pokal aus, indem er einen vierten Nicht-EU-Ausländer eingewechselt hatte - was damals verboten war. In Ostwestfalen schütteln sie heute noch den Kopf, wenn sie den Namen Stefan Kuntz hören.

Und jetzt sollte eben dieser die besten deutschen Nachwuchsspieler trainieren? Die Weltmeister von morgen basteln? Vielleicht, so unkten manche Kollegen, war seine Berufung auch nur ein Dankeschön von DFB-Manager Oliver Bierhoff. Nur weil Stefan Kuntz im EM-Finale von 1996 ausgewechselt wurde, konnte Bierhoff mit dem Golden Goal gegen Tschechien Geschichte schreiben. Auch seine eigene. Was auch immer die Verantwortlichen beim DFB von Kuntz überzeugt hat: Nach dessen ebenso erfolgreichem Vorgänger Horst Hrubesch, der den Nachwuchs 2016 zu Silber bei den Olympischen Spielen in Rio geführt hatte, ist Kuntz der zweite Glücksgriff nacheinander. Der Chef des wichtigsten Nachwuchsteams des DFB kümmert sich. Um seine Spieler, um den Erfolg - um alles.

Timo Latsch ist Sportmoderator und Reporter bei n-tv. Dort berichtet seit zehn Jahren über sportliche Großevents. Stefan Kuntz kennt er noch aus seiner Zeit als Radioreporter, als Latsch für Radio Siegen kommentierte und Kuntz den Karlsruher SC trainierte. Später liefen sich die beiden wieder über den Weg, als Latsch für n-tv Spiele der U21 live kommentierte. Sein größter sportlicher Erfolg ist die Teilnahme an einem international besetzten Journalistenkick im Rahmen der U21-EM 2017. Für die deutsche Nationalmannschaft endete das Turnier mit dem Titel, für Timo Latsch dagegen mit einem gebrochenen Arm.

Quelle: n-tv.de

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