Fußball

Wer taugt für den DFB-Umbruch? "Löw brauchte ein Schreckenserlebnis"

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Löw hat auf das WM-Debakel gerade noch die richtigen Antworten gefunden.

(Foto: imago/Pressefoto Baumann)

Die Nations League hat den Job von Bundestrainer Joachim Löw gerettet. Das klingt einigermaßen bizarr, denn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft steigt nach dem WM-Fiasko nun auch noch aus dem Elitekreis dieses neu geschaffenen Wettbewerbs ab. Ein kolossales Seuchenjahr, das erfolgloseste in der fast einhundertelfjährigen Verbandsgeschichte. Dass Löw, der das Debakel als Trainer zu verantworten hat, noch immer im Amt ist, liegt eben genau daran. Denn auf das teilweise peinliche 0:3 gegen die Niederlande am 13. Oktober mit dem nuancierten "Weiter so" folgte tatsächlich ein klarer Umbruch. Unser n-tv.de-Taktikexperte Constantin Eckner von Spielverlagerung.de erklärt, wie der Bundestrainer die Mannschaft umgebaut hat.

n-tv.de: Das Länderspieljahr 2018 ist vorbei, Deutschland hat die Weltmeisterschaft grandios vergeigt und steigt nun auch noch aus dem Elitekreis der Nations League ab. War's das nun mit erstklassigem Fußball?

Constantin Eckner: Nein, natürlich nicht. Der Umbruch ist ja eingeleitet und kommt jetzt mehr und mehr zum Tragen. Tatsächlich ist es so, dass es dieses Schreckenserlebnis Mitte Oktober gegen die Niederlande gebraucht hat, damit Joachim Löw sich von seinem "Weiter so" mit leicht veränderten Vorzeichen nach dem WM-Debakel verabschiedet hat.

Die Analyse nach der Katastrophe in Russland fiel Ende August überraschend seicht aus. Hat es sich Löw zunächst zu einfach gemacht?

Kurz nach einem solchen Erlebnis fällt es einem doch natürlich schwer, die eigene Arbeit total ins Negative zu ziehen. Er hätte damit ja seine eigene Kompetenz angegriffen. Aus kommunikativer Sicht war es sogar wichtig, die Leistungen bei der WM nur in Ansätzen in Frage zu stellen. Sonst wären doch die Stimmen, die seinen Rücktritt fordern, noch lauter geworden. Und ich glaube sogar, dass Löw wirklich dachte, dass es nur an gewissen Stellschrauben gehakt hat. Er hat zum Beispiel immer wieder die fehlende Gier als Argument gebracht.

Ein schwaches Argument für eine doch sehr erfolgsverwöhnte Mannschaft?

Das denke ich schon. Ich bin überzeugt davon, dass jeder einzelne Weltmeister werden wollte. Und der Ansatz, der daraus gefolgt wäre, war mir auch zu optimistisch gedacht. Denn nur mit einer anderen Ansprache wären die Probleme nicht zu lösen gewesen. Denn es gab ja unübersehbar auch ein taktisches Problem. Aber das hat Löw unumwunden eingeräumt.

Welches Problem hat die Mannschaft denn mit sich rumgetragen? Immer wieder haben auch wir analysiert, dass Tempo und Tiefe fehlen. Aber was bedeutet das genau?

Die Lehren, die Löw zunächst gezogen hatte, waren nicht die richtigen. Er hatte vor allem darauf abgezielt, dass das Ballbesitzspiel nicht mehr funktionieren würde. Natürlich hat das Team in Russland unfassbar unnötige Gegentore kassiert. Das lag aber nicht an der Idee, möglichst viel Ballbesitz zu haben. Sondern daran, wie das gespielt wurde. Im Angriff zu behäbig und mit einer ganz schlechten Konterabsicherung. Die Folge daraus konnte also nicht sein, einfach nur defensiver zu spielen, so wie Löw es zunächst hat machen lassen. Das führte nur zu einer viel ängstlicheren Spielweise. Diese Analyse war sehr umstritten und er hat sie ja dann nach dem ersten Duell gegen die Niederlande gekippt.

Im ersten Spiel mit diesen ersten systemischen Veränderungen gab's aber gegen Weltmeister Frankreich immerhin ein 0:0.

Die Partie war nicht das Problem. Sie war sogar erfreulich. Denn Deutschland und Frankreich sind sich annähernd auf Augenhöhe begegnet. Was auch daran lag, dass die DFB-Elf nicht gezwungen war, das Spiel zu machen. Gegen Peru und im Nations-League-Hinspiel gegen die Niederlande sah es schon wieder anders aus. Da funktionierte der Ansatz nicht mehr. Die deutsche Mannschaft war wieder gezwungen, offensiver zu spielen, mit mehr Risiko. Gegen Peru ging das gerade noch gut, gegen die Niederlande dann völlig daneben. Und Löw hat erkannt oder erkennen müssen, dass er dringend etwas Neues finden muss.

Und gefunden hat er dann endlich den längst geforderten Umbruch?

Nun, er hat in erster Linie ein System gefunden, das den vielen jüngeren, so tempostarken Spielern entgegenkommt. Gerade den drei von Löw aktuell bevorzugten Stürmern Leroy Sané, Timo Werner und Serge Gnabry. Es erinnert im Ansatz an das, was die Franzosen bei der WM praktizierten, auch wenn das System des Weltmeisters ausgereifter scheint. Die Variante 3-4-3 mit zwei defensiven Außenspielern ist ein System, was eine gute Balance zwischen Abwehr und Angriff haben kann. Das haben wir auch gestern gegen die Niederlande gesehen.

Aber...

… Es gibt kein perfektes System. Im 3-4-3 gibt es große Anfälligkeiten auf den Flügeln, wenn die Außenspieler mal vorrücken. Hinzu kommen zwei Mittelfeldspieler, die viel Raum abdecken und daher gut aufeinander abgestimmt sein müssen. Gegen Russland hat das mit Kai Havertz und Joshua Kimmich gut funktioniert. Allerdings auch, weil die Sbornaja nicht bedrohlich war. Kimmich hat den Russen den Druck genommen, Havertz hatte alle Freiheiten. Gegen starke Gegner wird das so nicht funktionieren. Da wird Löw dann eher nicht auf die Lösung mit einem Sechser (Kimmich) und einem Zehner (Havertz) setzen, sondern auf zwei Sechser. Mit Toni Kroos als tiefer stehendem Takt- und Passgeber. So wie gestern gesehen.

Auf Toni Kroos zu setzen, klingt jetzt nicht wirklich nach einem Problem.

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Kroos kann und muss ein Schlüsselspieler in Löws System bleiben.

(Foto: dpa)

Löw hat das Problem der Balance. Er bringt oft Ballbesitzspieler im Mittelfeld. Dadurch wird das Spiel langsamer und potenziell ungefährlicher. Gerade wenn der Gegner tief steht und die Räume zustellt. Dann entsteht die Problematik, dass die Stürmer vom Spiel abgeschnitten sind.

Also könnte Kroos auch ein Opfer des personellen Umbruchs werden?

Nein, sicher nicht. Er ist nicht nur immer noch der beste Passspieler, den wir in Deutschland haben, sondern auch einer der spielintelligentesten Fußballer in ganz Europa. Nicht umsonst war das Spiel bei der WM auf ihn zugeschnitten. Löw braucht Kroos, denn der weiß genau, was Löw will. Er ist einer dieser Spieler, die die Ideen des Trainers auf den Rasen bringen. Ihn als General auf dem Feld zu haben, schadet keiner Mannschaft. Auf seine Erfahrung aus zahlreichen Endspielen kann die DFB-Elf ebenso wenig verzichten, wie auf die Autorität, die er in der Kabine und auf dem Platz ausstrahlt. Er kann die Mannschaft führen, ebenso wie Manuel Neuer.

Der steht allerdings wie viele andere alternde Weltmeister in der Kritik. Gehört zu einem Umbruch zum Beispiel auch ein Wechsel auf der Torhüterposition?

Marc-André ter Stegen könnte bald nachrücken. Er ist absolut auf Augenhöhe mit Neuer. Neuer mag vielleicht der leicht bessere klassische Torhüter sein, aber das macht ter Stegen mit unglaublichen Reflexen wett. Und was das Spiel mit dem Ball angeht, gehören beide zur absoluten Spitzenklasse international. Dennoch glaube ich, dass ein Torhüterwechsel nicht zu einem Umbruch gehören muss. Neuer hat auch dank seiner Verdienste eine ungeheure Autorität, die beim Neuaufbau eines Teams wichtig sein kann.

Löw wird ja oft vorgeworfen, zu lange an Spielern wegen ihrer Verdienste festzuhalten. Ist die alte Weltmeistergeneration noch tauglich für den Umbruch? Oder muss der radikale Cut her?

Es muss natürlich das Leistungsprinzip gelten. Sich aber einfach von allen Spielern über 28 Jahre zu trennen, so nominierst du keinen Kader. Einen Marco Reus nicht mehr aufzustellen wäre ja grob fahrlässig. Er ist der beste deutsche Offensivspieler. Kroos, Neuer und Mats Hummels spielen immer noch auf Top-Level, werden regelmäßig auf höchstem Niveau gefordert. Und Jérôme Boateng könnte das auch, wenn er nicht so oft verletzt wäre. Das Zusammenstellen einer Nationalmannschaft unterscheidet sich eben auch von einem Verein. Da spielt die aktuelle Form eine ebenso große Rolle wie die Leistungen der vergangenen Monate innerhalb des Auswahlteams.

Was ist mit Thomas Müller, der am Montagabend sein 100. Länderspiel für Deutschland gemacht hat? Er sucht ja schon länger nach seiner Form.

Thomas Müller ist natürlich ein schwieriges Beispiel. Er hat zuletzt beim FC Bayern nicht mehr überzeugt und nun erneut auch in der Nationalmannschaft nicht. Da spricht viel mehr dafür, dass er aussortiert wird. Oder zumindest noch mehr ins zweite Glied rückt.

Wer wird die Nationalmannschaft in den kommenden Jahren prägen? Kai Havertz? Ihm wird bereits zugetraut, das Kreativvakuum nach Mesut Özil zu füllen.

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Havertz kann die Zukunft in der DFB-Elf sein.

(Foto: AP)

Er ist schon ein anderer Spieler. Was Mesut Özil auszeichnet, ist ein super Gespür für Situationen. Er hat eine fantastische Spielübersicht. Lücken finden, die kein anderer sieht, das kann er besser als jeder andere. Havertz dagegen ist bei der Verbindung von Passspiel und Dribbling stärker. Gerade das ist dem deutschen Spiel in den vergangenen Jahren abhandengekommen. Havertz kann nicht nur den guten Pass hinter die Abwehr spielen, sondern er kann sich auch im Dribbling befreien und gegnerische Reihen durchbrechen. Deshalb ist die Personalie gerade so interessant für Löw. So einen offensiven Mittelfeldspieler wünscht man sich. Er ist ein Typ wie Kevin de Bruyne. Ein Offensivzweikämpfer mit Technik, Pass und Abschluss. Havertz ist zudem der Beste der ganz jungen Generation, also der Jahrgänge ab1997, die auf dem absoluten Top-Niveau ein bisschen unterbesetzt scheint.

Nach dem Rücktritt von Özil haben wir im Interview auch über Leroy Sané und dessen Rolle in der DFB-Elf gesprochen. Damals haben Sie gesagt, Sané sei noch nicht bereit gewesen für eine tragende Rolle in der Nationalmannschaft. Ist er es jetzt?

Die Vorzeichen bei Sané haben sich geändert. Wir haben damals noch unter dem Eindruck des alten Systems gesprochen. Sané hat aber bei Manchester City, einer Mannschaft die auch auf Ballbesitz spielt, eine Struktur gefunden, um zur Geltung zu kommen. Die Mannschaft rückt nach rechts, hat so Sanés Seite freigemacht. Dann bekommt er einen langen Verlagerungsball und hat viel Platz, um ins Duell zu gehen. Er braucht viel Raum für seine Spielweise. Nun entwickelt sich das DFB-Spiel genau in diese Richtung. Es wird vertikaler und tempolastiger gespielt. Mehr Direktangriffe, mehr Bälle in die Spitze. Das System, wie es jetzt gespielt wird, ist wie gemacht für ihn, Werner, Reus oder Gnabry. Sané ist aber definitiv der Spieler mit dem besten rohen Talent, das hat er gegen die Niederlande einmal mehr bewiesen. Diese Entwicklung war vor der WM so nicht absehbar, deswegen kann man Löws Entscheidung von damals immer noch nachvollziehen.

Ein Name fällt beim Neuaufbau gar nicht mehr, der des Weltmeistermachers Mario Götze. Ist seine Zeit im DFB-Team vorbei?

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Zu ist die DFB-Tür für Götze nicht, sie muss allerdings erst wieder weit geöffnet werden.

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Nein, wenn er wieder richtig in Form kommt, ist er ein sehr interessanter Spieler für Löw. Sowohl für die Variante Ballbesitz, als auch Konter. Götze hat aufgrund seiner überragenden Technik immer eine Lösung, wenn er den Ball am Fuß führt. Aber aktuell kann Löw ihn natürlich kaum nominieren, dafür sitzt Götze noch zu oft auf der Bank beim BVB.

Mit welchen Herausforderungen geht Löw ins Jahr 2019?

Neben dem Druck in der EM-Qualifikation muss er sich für zwei Probleme eine Lösung überlegen: Wie findet die Mannschaft die richtige Balance gegen tiefstehende Gegner? Und: Wie kann sich die Mannschaft gegen Ballbesitz behaupten und schnelle Umschaltsituationen schaffen? Genau dafür steht die deutsche Offensive aktuell.

Wo steht Löw mit seinem Ansatz? Ist er international Vorreiter? Oder erfolgreicher Nachahmer?

Nationaltrainer sind grundsätzlich immer anders zu bewerten als all die Klubtrainer, die täglich mit ihrer Mannschaft arbeiten können. Löws Ansatz ist nichts Neues und wird in einer offensiveren Form zum Beispiel von Belgien oder auch von der TSG Hoffenheim praktiziert. Internationale Maßstäbe setzen aktuell vor allem Josep Guardiola mit Man City und Maurizio Sarri vom FC Chelsea mit ihren Ansätzen im Positions- und Ballbesitzspiel. Mit Abstrichen gehören auch Jürgen Klopp mit seinem Pressing beim FC Liverpool, Pablo Machín mit seinem Sinn für Balance beim FC Sevilla und Belgiens Roberto Martínez mit seinem Gespür für offensive Durchschlagskraft dazu.

Mit Constantin Eckner sprach Tobias Nordmann.

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Quelle: n-tv.de

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