Fußball

DFB-Devise: "Rückwärts nimmer!" Löw hält Umbruch für "kompletten Blödsinn"

Alles soll besser werden, nicht aber unbedingt anders. Bundestrainer Joachim Löw verspricht für das Fußballspiel gegen Frankreich ein DFB-Team, das sich ordentlich reinhaut. WM war gestern - und Mesut Özil sei kein Thema mehr.

Jetzt ist es aber auch mal gut. Joachim Löw will wieder über Fußball sprechen. Am Donnerstag spielt die deutsche Nationalmannschaft in München (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) gegen den Weltmeister aus Frankreich. Es ist das erste Spiel in der neuen, vom Europäischen Verband Uefa erschaffenen Nations League. Und es ist das erste Spiel, seit sich die DFB-Elf vor mehr als zwei Monaten als Titelverteidiger bei der Weltmeisterschaft in Russland größtmöglich blamiert hatte und als Gruppenletzter in der Vorrunde ausgeschieden war. Seit Montagnachmittag üben die Spieler wieder gemeinsam unter seiner Anleitung. Der Bundestrainer will eine Aufbruchsstimmung erkannt haben und berichtete: "Es ist eine positive Ungeduld zu spüren, die Dinge wieder besser zu machen."

Jeder habe genügend Zeit gehabt, sich zu hinterfragen. "Ich habe einen großen Hang zur Selbstkritik bei den Spielern gespürt." Und für die Partie im mit seinen 68.000 Plätzen ausverkauften Stadion in Fröttmaning versprach er: "Man wird sehen, das sie Spieler gewillt sind, sich reinzuhauen." Die Leidenschaft und der Wille seien wieder da. Und wo waren sie in Russland? Vor einer Woche hatte Löw nach langem Schweigen öffentlich alle Schuld auf sich geladen, über die angekündigten "tiefgreifenden Veränderungen" sprach er nicht, eine echte Analyse des von maßloser Sorglosigkeit und Selbstüberschätzung geprägten Auftritts in Russland blieb aus.

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Eine Spaltung im Team? Soll es nicht geben.

(Foto: imago/MIS)

Viele Fragen sind nach wie vor unbeantwortet. Fragen nach der sportlichen Hilflosigkeit auf dem Rasen. Fragen nach seinem Lieblingsspieler Mesut Özil, der zurückgetreten war und Rassismus in der Führungsspitze des DFB und bei den Fans beklagt hatte. Fragen nach einer Spaltung der Mannschaft in "Kanaken" und "Kartoffeln", die es, glaubt man den Spielern, so nie gegeben hat.

Rückkehr Özils sei kein Thema

"Vorwärts immer, rückwärts nimmer!", lautet die Devise beim DFB. In der DDR hat das zwar letztlich nicht so gut funktioniert, aber man kann es ja mal versuchen. Löw sagte an diesem Mittwoch im Münchner Hotel Hilton am Park: "Zum Thema Özil ist soweit, glaube ich, alles gesagt." Noch immer habe er den Spieler telefonisch nicht erreicht, er werde es aber weiter versuchen. Eine Rückkehr Özils sei indes kein Thema: "Ich wüsste nicht, was man daran ändern sollte. Wenn ein Spieler so seinen Rücktritt erklärt, dann holt man ihn ja nicht acht Wochen später einfach zurück."

Und damit zurück zum Sport. Natürlich habe das mit dem Ballbesitzfußball bei der WM nicht so gut geklappt, und so werde sein Team künftig mehr Wert auf die Defensive legen. "Das Bewusstsein schaffen, dass wir das eigene Tor auf Teufel komm raus verteidigen müssen, ist schon mal eine wichtige Voraussetzung." Alles ändern werde er aber nicht, eine völlige Abkehr vom dominanten Stil sei aber falsch. "Das wäre kompletter Blödsinn, weil wir lange damit erfolgreich waren." Aber: Die Balance im Spiel müsse stimmen. "Wenn wir nach vorne spielen, müssen wir darauf achten, dass wir uns nicht mehr völlig öffnen." Und dann versprach er nochmals: "Die Spieler sind gewillt, ein völlig anderes Gesicht zu zeigen als bei der WM." Darum geht es ihnen bei der Nationalmannschaft, das hatten sie bereits am Dienstag deutlich gemacht. "Die WM ist aufgebarbeitet." So hatte DFB-Sprecher Jens Grittner die Pressekonferenz eröffnet. Die Spieler nahmen diese Vorlage gerne auf.

"Wir brauchen Erfahrung"

Es gehe darum, "die Vergangenheit ein bisschen abzuhaken", sagte Julian Brandt, der noch eher einer der Gewinner des WM-Debakels war. Bei seinen, stets sehr kurzen, Einwechselungen, hatte der junger Leverkusener Offensivspieler überzeugt. Und Thomas Müller vom FC Bayern sprach davon, dass der Bundestrainer in seiner so genannten Analyse ja alles erklärt habe, geradezu "sensationell, fast einmalig" sei das gewesen. Eine Einschätzung, die der Spieler mit den meisten Länderspielen im Kader außerhalb des DFB-Kosmos exklusiv hat.

Denn im Grunde ist alles geblieben, wie es war. Der Trainer ist derselbe, zumindest aber der gleiche. Das gilt auch für Manager Oliver Bierhoff. Die Korrekturen bei der Rekrutierung des Personals sind kosmetischer Natur. Im Aufgebot für die Partien gegen Frankreich und am Sonntag in Sinsheim gegen Peru, ein schnödes Testspiel (ebenfalls ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de), stehen 16 Spieler, die es in Russland nicht hinbekommen haben. Hinzu kommen mit dem Leverkusener Jonathan Tah, Leroy Sané von Manchester City und Nils Petersen vom SC Freiburg drei Akteure, die Löw kurz vor dem Turnier aus seiner Auswahl gestrichen hatte.

Die drei Neulinge sollen dann wohl für den proklamierten Neuanfang stehen: Thilo Kehrer, jüngst vom FC Schalke 04 zu Paris Saint-Germain gewechselt, Niko Schulz von der TSG Hoffenheim und der Leverkusener Kai Havertz. Aber auch sie dürfen nicht unbedingt darauf hoffen, gleich am Donnerstag gegen den Weltmeister spielen zu dürfen. Der Bundestrainer sagte nun: "Wenn jemand denkt, dass es nur mit jungen Spielern immer steil nach oben geht, der täuscht sich. Wir brauchen Erfahrung." Einen echten Umbruch wird es bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nicht geben. Immerhin hat der Bundestrainer erkannt: "Wir sind nicht so naiv, zu glauben, mit zwei, drei guten Spielen könnten wir das andere vergessen machen."

Quelle: ntv.de