Fußball

Rassismus, Risse, Widersprüche Der DFB zwischen "Kanaken" und "Kartoffeln"

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Was ist da los im DFB-Team? Bundestrainer Joachim Löw muss zusätzlich zu seiner WM-Analyse mögliche Spaltungen erklären.

(Foto: imago/ActionPictures)

Was ist los im DFB-Team: Die deutsche Fußball-Nationalelf scheint gespalten. DFB-Chef Reinhard Grindel will davon nichts wissen. Ilkay Gündogan schon. Mit Rassismus habe das aber nichts zu tun. Und der Bundestrainer schweigt. Noch.

Der Bundestrainer schweigt, der Präsident ist ahnungslos und die Fans fragen sich: "Was ist da los bei euch?" Nicht nur die Fans. Denn nach den jüngsten Meldungen über "Kanaken"-Sprüche in der Kabine, Risse in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und vermeintlichen Rassismus in der Führungsetage sieht kaum noch jemand durch, was in der Elite-Abteilung des DFB vor sich geht. Nachdem Joachim Löw die Spitzen der DFL und des DFB über die Details seiner WM-Analyse informiert hat, erfährt heute auch die Öffentlichkeit, welche Lehren er aus dem blamablen Vorrunden-Aus in Russland zieht.

Für Löw kommt zum Unzeitpunkt, dass nach dem Rücktrittsschreiben von Mesut Özil nun rund um den DFB erneut eine Rassismus-Debatte aufkeimt. Dabei hat er sich bisher nicht einmal zu Özils schallendem Abgang geäußert. Ein Problem ist für den Bundestrainer auch, dass die Debatte nicht die Führungsetage des Verbandes betrifft, sondern das Nationalteam - sein Team. Plötzlich ist nicht mehr nur von einem tiefen Graben zwischen den Weltmeistern und Confed-Cup-Siegern, sondern von einem kulturellen Riss in der Nationalmannschaft die Rede.

Mehr noch: Unter Berufung auf Insider berichtete der "Spiegel" von rassistischen Sprüchen unter den DFB-Spielern. Demnach fallen hin und wieder die Ausdrücke "Kanaken" und "Kartoffeln" - je nach Hautfarbe, Freizeitaktivität oder sonstigen Kriterien für derlei Koseworte, die verletzend sein können. Diese Entwicklung ist bedenklich. Während Löw auch hierzu bislang erfolgreich schweigt, wiegelt sein Boss ab.

Podolski und Gündogan führen Grindel vor

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Laut Ex-DFB-Kicker Lukas Podolski bezeichneten sich einzelne Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft je nach Herkunft als "Kanaken" oder "Kartoffeln".

(Foto: imago/MIS)

"Ich glaube, dass das, was dort steht, übertrieben ist", sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel am Montag. Doch wie verlässlich ist diese Einschätzung eines Mannes, der noch vor anderthalb Wochen im Interview mit der "Bild"-Zeitung einräumte, "während der WM nicht nah genug an der Mannschaft gewesen" zu sein? Immerhin hat er ein Treffen mit dem Mannschaftsrat vor dem Länderspiel gegen Frankreich am 6. September anberaumt. "Dann werde ich mal hören."

Dabei muss er sich nicht anderthalb Wochen gedulden. Ein ehemaliger und ein aktueller Nationalspieler haben über den Umgangston in der DFB-Elf geplaudert. Den kulturellen Graben im Team gibt es mindestens seit zwei Jahren, als der DFB noch mit dem Slogan "Vive la Mannschaft" warb. "Ausdrücke wie 'Kanaken' und 'Kartoffeln' fielen auch schon bei der EM 2016", sagte Lukas Podolski der "Bild"-Zeitung. Von Rassismus will er indes nichts wissen. "Jeder von uns weiß dabei, dass es als Flachs gemeint ist." Deutschland sei "ein Multi-Kulti-Land, und wie auf der Straße werden auch in der Nationalmannschaft ein paar lockere Sprüche untereinander gemacht".

Ähnlich fragwürdig argumentiert Ilkay Gündogan. Für den wegen der Causa Erdogate heftig gescholtenen Spieler ist es "völlig normal, dass man sich hier oder da mal ein bisschen im positiven Sinne aufzieht", sagte er der Funke-Mediengruppe und betonte wie Podolski: "Das war immer nur als Spaß zu verstehen und hatte definitiv nichts mit Rassismus zu tun."

Widersprüchliche Selbstdarstellung

Trotz dieses eigentümlichen Spaß-Faktors möchte die sportliche Leitung genauer auf das Mannschaftsgefüge schauen. Manager Oliver Bierhoff sagte der "Bild"-Zeitung: "Wir wissen, dass wir uns in Zukunft dem Thema intensiv widmen müssen." Diese Aussage, Löws Schweigen und Grindels Ahnungslosigkeit lassen das einst glänzende Aushängeschild des DFB matt erscheinen. Bereits vor dem WM-Debakel hatte es Spaltungsgerüchte über das Team gegeben, das unter dem Slogan "#zsmmn" gen Russland reiste. Wie bei dem absurden Motto fehlten während des Turniers auch innerhalb der Mannschaft die Bindeglieder.

Damals beteuerte Kapitän Manuel Neuer: "Es gibt keine Gruppen, hier die Weltmeister, hier Confed-Cup-Sieger." Dies zu glauben fällt schwer. Sollte es tatsächlich keine Gruppenbildung zwischen Jung und Alt gegeben haben, so gibt es doch offensichtlich eine Spaltung in den Köpfen der Spieler - eine Trennung zwischen "Kanaken" und "Kartoffeln". Das macht es keineswegs besser. Ein Verband, der sich stets über jegliche Zweifel erhaben darstellt und gegen Rassismus engagieren will, sollte solche Kategorisierungen nicht dulden.

Interessant an der neuen Debatte ist, dass Özil in seinem Rücktrittsschreiben lediglich Grindel und andere DFB-Führungspersonen "zuvor verborgener rassistischer Tendenzen" bezichtigte, die nach Erdogate zutage gekommen seien. Rassismus unter Kollegen nannte er nicht. Möglicherweise findet er die "KaKa"-Zuweisungen wie Gündogan "völlig normal". Nach der Debatte um die Erdogan-Affäre und Özils Anfeindungen gegen Grindel bemühte sich dieser jüngst, die neuen Wogen zu glätten. "Ich habe es nicht erlebt, dass es in der Mannschaft verschiedene Gruppen gibt." Wie belastbar seine Einschätzungen sind, haben Podolski und Gündogan demonstriert. Und Löw? Seiner Glaubwürdigkeit täte es gut, wenn er sich nicht in derlei Widersprüchen verstrickt. Dazu genügt es nicht, zu schweigen. Als Trainer ist es seine Aufgabe, alle Spieler zu einen - und den Fans zu erklären, was in seinem Team los ist.

Quelle: n-tv.de

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