Fußball

Revolutiönchen, wenn überhaupt Wie Joachim Löw das WM-Desaster abhakt

Joachim Löw analysiert das Vorrundenaus bei der Fußball-WM. Wie selbstkritisch war das? Bleibt Mesut Özil ein Thema? Was ändert sich wirklich? Und warum sollte jetzt alles besser werden?

Wie selbstkritisch war die Analyse?

Da saß er, der Bundestrainer. Eine umfassende Aufarbeitung des Debakels der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland hatte Joachim Löw angekündigt. Vor allem aber gab er sich im Presseraum des Münchener Stadions 68 Tage nach dem Aus reumütig und gestand gravierende Irrtümer ein. "Mein allergrößter Fehler war, dass ich geglaubt habe, dass wir mit unserem dominanten Stil durch die Vorrunde kommen." Mehr noch: "Ich wollte das auf die Spitze treiben, das perfektionieren. Da war ich fast arrogant. Da gibt es nichts zu beschönigen", rundete er den ersten Gang des selbstkritischen Mehr-Gänge-Menüs ab. Er trug seinen Monolog konzentriert, mit ruhiger Stimme vor. Als "absoluten Tiefschlag" bezeichnete Löw das Vorrundenaus in Russland. Er räumte ein, er und das DFB-Team hätten "zu Recht die Quittung bekommen" hätten. Er habe es versäumt, in der Mannschaft "Feuer und Leidenschaft" zu entfachen - und betonte, dass die Debatte um Mesut Özil (siehe unten) "kein Alibi" für die Blamage sei. Das ist alles richtig. Nur ist das keine tiefgehende Analyse. Dass der Mannschaft in Russland Leidenschaft und taktische Flexibilität gefehlt haben, war: offensichtlich.

Als Löw zum Abschluss gelobte, künftig "nicht mehr volles Risiko einzufordern", pflichtete ihm Manager Oliver Bierhoff nickend bei. Auch er gab sich vor dem Tribunal geläutert - wenn auch weniger persönlich. Einschätzungen wie "wir sind selbstgefällig aufgetreten", "wir waren nachlässig" oder "wir haben geglaubt, dass das ein Selbstläufer ist" erwecken den Eindruck, dass Bierhoff weiter stark in der Kategorie "Die Mannschaft" denkt. Das ehrt ihn als Teamplayer, hätte in der Ich-Perspektive allerdings mehr Aufrichtigkeit vermittelt. Apropos "Die Mannschaft": Bierhoff kündigte an, den vielfach kritisierten DFB-Slogan "zu analysieren und zu hinterfragen, nachdem ich mit verschiedenen Stakeholdern gesprochen habe". Sagte der Mann, der versicherte, sich um mehr Nähe zu den Fans zu kümmern. Und es klang irgendwie mehr nach "Weiter so" als nach Neuanfang. Dass Bierhoff auch Selbstkritik kann, bewies er dann doch noch: "Ich ärgere mich, dass ich gewisse Entwicklungen und Muster unterschätzt und nicht konsequent genug eingegriffen habe", sagte er zum Vorwurf der Arroganz. Allein: Es ändert sich nicht viel. Der Trainer bleibt, der Manager bleibt - und auch ein Großteil des Personals auf dem Spielfeld. Eine Revolution ist das nicht, im Grunde nicht einmal ein Revolutiönchen.

Was ändert sich wirklich?

Bei aller Selbstkritik, bei aller Analyse: Der Bundestrainer weiß, dass er nicht die Zeit für einen echten Neuaufbau hat. Der Auftakt der Nations League in München am 6. September gegen Weltmeister Frankreich darf kein Debakel werden, sonst steht irgendwann auch Löw in Frage. Also setzt er weniger auf Experimente als vielmehr auf Spieler, von denen er glaubt, dass er ihnen vertrauen kann. Und so stehen 17 Spieler, die bei der WM dabei waren, auch jetzt wieder im Kader. Darunter sind um Kapitän Manuel Neuer sieben Weltmeister von 2014. Sie werden ihre Leistung wieder abrufen, hofft Löw. "Ich weiß, welche Qualität sie haben."  Im SMS-Austausch will er eine Jetzt-erst-recht-Stimmung ausgemacht haben.

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Höre ich richtig? Leroy Sané ist wieder dabei.

(Foto: imago/PA Images)

Immerhin hat er drei Neulinge und drei Rückkehrer eingeladen (siehe Übersicht unten): Leroy Sané, Jonathan Tah und Nils Petersen hatte Löw noch aus dem endgültigen WM-Kader geschmissen. Der just zu Paris Saint-Germain gewechselte Innenverteidiger Thilo Kehrer, der 19 Jahre alte Kai Havertz von Bayer 04 Leverkusen sowie Linksverteidiger Nico Schulz von der TSG Hoffenheim dürfen erstmals vorspielen. Es sei ein "guter Mix" aus Erfahrung und jungen, hungrigen Spielern, sagte Löw. Die Mannschaft solle beweisen, dass sie flexibel auf den Gegner reagieren kann - und eben nicht stumpf am vielgescholtenen Ballbesitzfußball festhält, erklärte Löw. Er ist sich sicher, dass seine Mannschaft Leidenschaft und Einsatz zeigen werde. Neben den Mittelfeldspielern Sami Khedira und Sebastian Rudy, die Löw nicht nominiert hat, wird noch jemand auf der Bank am Spielfeldrand fehlen: Ko-Trainer Thomas Schneider soll künftig die Scouting-Abteilung des DFB leiten. Dessen bisheriger Chef Urs Siegenthaler bekommt eine andere Aufgabe. Weiter bei den Länderspielen an Löws Seite ist Assistent Oliver Sorg.

Ist das Thema Özil jetzt abgehakt?

Eher nicht. Der Bundestrainer zeigte sich enttäuscht, dass Mesut Özil ihn vor seinem Rücktritt nicht angerufen habe, sondern nur der Berater. Er habe, beteuerte Löw, mehrmals vergeblich versucht, ihn telefonisch und per SMS zu erreichen. Das klang nach einem Vorwurf und war auch so gemeint. Es ist erstaunlich, dass die beiden bislang nicht miteinander geredet haben. Dabei hatte Löw betont, immer noch nah dran an der Mannschaft zu sein. War Özil nicht über Jahre sein Schlüsselspieler, der seit der WM 2010 bis zum 2:1 im zweiten Gruppenspiel in Russland gegen Schweden stets in der Startelf stand?

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"Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen": Mesut Özil.

(Foto: imago/PA Images)

Der Bundestrainer aber räumte lediglich ein, dass er die Dynamik rund um die Erdogan-Fotos unterschätzt habe. Und er betonte, in seiner Mannschaft gebe es keinen Rassismus. Das hatten schon Kapitän Manuel Neuer, Thomas Müller und Toni Kroos gesagt. Löw ging Özil direkt an: "Mit seinem Vorwurf über Rassismus hat Mesut ganz einfach auch überzogen. Es gab nie in der Mannschaft auch nur einen Ansatz von Rassismus, keinen Ansatz von rassistischen Äußerungen." Auch Manager Bierhoff wies den Vorwurf des Rassismus "in der Nationalmannschaft und dem DFB klar zurück". Nur: Özil hat das nie behauptet. Er hatte in seiner dreiteiligen Erklärung von rassistischen Anfeindungen der Fans gesprochen. Und er hatte Verbandspräsident Reinhard Grindel kritisiert: "Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen." Die Frage ist nun: Verstehen sie es nicht? Oder wollen sie es bewusst nicht verstehen?

Warum sollte jetzt alles besser werden?

Gute Frage, nächste Frage. Im Grunde war die Rekord-DFB-PK die 108-minütige Variante jener Parole, die Löw schon direkt nach dem "Fiasco Mexicano" zum WM-Start ausgegeben hatte. Tenor: "Wir werden das schaffen." Nur: Wie genau, blieb erneut erstaunlich offen. Ja, Löw war bei seiner Analyse selbstkritisch, er ist ja auch der sportlich Hauptverantwortliche für das Desaster. Und ja, es gibt die - angesichts der beschränkten Alternativen - erwartet moderaten personellen Änderungen im DFB-Kader und erste Schritte zu Verjüngung und Auffrischung. Aber nein, die große Revolution wird es nicht geben. Im Prinzip wird, von Özil abgesehen, nach der WM dieselbe Mannschaft mit demselben Trainer auflaufen wie beim WM-Fiasko, nur mit um eine flexible Sicherheitskomponente erweiterter Taktik. Dass Ko-Trainer Thomas Schneider nun Chefscout wird, darf als Kosmetik verbucht werden. Am inneren Zirkel ändert sich nichts, selbst der seit der EM 2016 immer wieder kritisierte Löw-Intimus Siegenthaler werkelt weiter.

Ein wenig untergegangen ist beim Abtragen des WM-Scherbenhaufens und der Özil-Debatte allerdings, dass Löws Elf nicht erst in Russland geschwächelt und Balance-Probleme zwischen Abwehr und Angriff offenbart hatte. Nach dem WM-Qualifikations-Rekord waren dem deutschen Spiel Zielstrebigkeit, Gier und Selbstvertrauen abhandengekommen. Löw hatte vor der WM monatelang Zeit, gegenzusteuern. Schon vor Mexiko gab es laute Weckrufe gegeben, die offenbar an der Löw'schen Hybris abprallten. Hätten Mats Hummels und Jonas Hector im letzten WM-Test gegen den Weltranglisten-67. Saudi-Arabien nicht in letzter Minute das 2:2 verhindert, wären Löws Weltmeister mit sechs sieglosen Spielen zum Projekt WM-Titelverteidigung gereist. Von seinen jüngsten neun Spielen hat die DFB-Elf nur zwei gewonnen, dank Zittersiegen gegen Saudi-Arabien und Schweden. Die bisher letzte überzeugende Leistung ist aus dem März gegen Spanien überliefert, als man erst schwindlig kombiniert wurde und dann, davon herausgefordert, mit einem Weltklasse-Gegner auf Augenhöhe kickte.

Der wartet mit Frankreich auch in München zum Start in die Nations League - und muss als Blaupause für einen erfolgreichen Neustart dienen. Das Frustrierende bei den Franzosen war ja, dass sie so viel Potenzial haben und damit so wenig Fußball gespielt haben. Das Team von Didier Deschamps wollte bei der WM nicht dominieren und brillieren wie Löw, sondern Weltmeister werden. Das hat bekanntlich geklappt.

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Quelle: n-tv.de

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