Fußball

DFB-Elf in der Einzelkritik Löw mag's magisch, Kimmich gibt Giftzwerg

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Das Confed-Cup-Team ist zwar nur temporär, die Freude über den Titel trübt das aber nicht.

(Foto: picture alliance / Ivan Sekretar)

Mit Glück, viel Kampfgeist und am Ende doch drei Spielern des FC Bayern schlägt die DFB-Elf die Chilenen und gewinnt den Confed Cup. Joshua Kimmich legt sich mit Arturo Vidal an - der Bundestrainer ist dennoch verzückt.

Jetzt gehen sie auseinander und werden sich nie wiedersehen. Nein, das stimmt natürlich nicht. Aber das deutsche Confed-Cup-Projekt währte nur einen Sommer, in der Aufstellung der vergangenen Wochen werden sie tatsächlich nie wieder zusammenspielen. Und sie gehen immerhin als Sieger. Mit 1:0 (1:0) hat das, was in diesen erfrischenden Tagen in Russland unter "deutsche Fußball-Nationalmannschaft" firmierte, am Sonntagabend das Endspiel des Konföderationenpokals gegen Chile gewonnen. Vor 57.268 Zuschauern im Krestowski-Stadion war es Lars Stindl, der nach 20 Minuten das einzige und somit entscheidende Tor erzielte.

Was bleibt, das hatte der Bundestrainer bereits vor der Partie gesagt - und zur Sicherheit hinterher noch einmal: "Es gibt keine Verlierer." Sein Plan sei es gewesen, in Abwesenheit fast aller Weltmeister von 2014 und vieler anderer etablierter Spieler, denen eine Chance zu geben, die sonst keine bekommen. "Wir wollten Alternativen schaffen, das war das höchste Ziel. Und das haben wir geschafft." Es hat ja wirklich ganz gut geklappt, Löw gab sich gar keine Mühe, seinen Stolz zu verbergen. Warum auch? "So ein Finale hat etwas Magisches. Viele Spieler standen noch in keinem Finale, das werden sie ihr Leben lang nicht vergessen." Nun aber ist es vorbei, und so sprach Torhüter Marc André ter Stegen direkt nach dem Spiel von sich und seinen Kollegen schon in der Vergangenheitsform: "Ich bin stolz, Teil dieses Teams gewesen zu sein." Die deutschen Confed-Cup-Sieger in der Einzelkritik:

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Die Fifa sieht in ter Stegen den Mann des Finales. Muss man nicht unbedingt, finden wir.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Marc-André ter Stegen: Die Fifa ließ den 25 Jahre alten Torhüter des FC Barcelona zum Mann des Spiels wählen. Kann man machen. Muss man aber nicht. Unabhängig davon darf er nach seinem 14. Länderspiel mit der Gewissheit in den Urlaub fahren, sich in der Löw'schen Summer School den Status als Nummer zwei hinter Manuel Neuer erarbeitet zu haben. Verhinderte in der stürmischen Anfangsphase der Chilenen mehrmals einen Rückstand. Gleich nach fünf Minuten rettete er mit dem Fuß, nachdem Arturo Vidal, das ist der vom FC Bayern, den Ball aus fünf Metern aufs Tor geschossen hatte. Eine Viertelstunde später ließ er nach einem Schuss Vidals den Ball nur abklatschten und durfte sich glücklich wähnen, dass Alexis Sanchez damit nichts anfangen konnte. Ter Stegen hatte viel zu tun, allerdings war es an diesem Abend in St. Petersburg so, dass den Chilenen das Toreschießen nicht leicht vom Fuß ging. Gegen Ende der Partie wankte er unter dem Druck ein wenig, bolzte unbedrängt und wenig filigran den Ball ins Aus und leistete sich eine kleine Unsicherheit bei einem Schuss von Valencia, faustete aber in der Nachspielzeit einen Freistoß von Sanchez weg. Kurzum: "Es ist ein überragendes Gefühl. Jeder Spieler, der auf dem Platz gestanden hat, wollte das unbedingt erreichen. Ich freue mich sehr über den Titel."

Antonio Rüdiger: Anders als beim 4:1 im Halbfinale gegen Mexiko verteidigte der 24 Jahre alte Verteidiger der AS Roma in seinem 17. Länderspiel und seiner vierten Partie bei dieser Mini-WM am rechten Ende der Dreierkette - weil der Kollege Mustafi nun diesen Job übernahm. Er, also Rüdiger, ist einer, der den rustikalen Einsatz nicht scheut, auch wenn das bisweilen ein wenig ungelenk wirkt. Aber in diesem Endspiel waren sein Einsatz und sein Kampfgeist durchaus gefragt - vor allem setzte er seine Fähigkeiten zielführend und letztlich mit Erfolg ein. Das musste er auch, versuchten es die Chilenen doch meist über seine Seite. Er klärte gleich zu Beginn des Spiels einen Schuss von Charles Aranguiz und bewahrte seine Mannschaft vor dem frühen Rückstand, den sie ja unbedingt verhindern wollte, nachdem Chile beim 1:1 in der Vorrunde nach sechs Minuten in Führung gegangen war.

Shkodran Mustafi: Der 25 Jahre alte Innenverteidiger und erste Bebraner in der seit 131 Jahren währenden Geschichte des FC Arsenal war als einziger neu ins Team gekommen, nachdem er nach seinem Fehler im Gruppenspiel gegen Chile gleich zweimal hatte aussetzen müssen. Statt seiner saß nun Benjamin Henrichs wieder auf der Bank. In seinem 19. Länderspiel kam Mustafi die Aufgabe zu, als zentraler Mann in der Dreierabwehrkette diese zu organisieren. Ein Job, den er durchaus schätzt, wie er in der Vorrunde in Sotschi gesagt hatte. Das ist gut, denn er hatte zu tun, erledigte seine Aufgabe bis auf einige Wackler zu Beginn meist souverän, mit viel Hingabe, sehr stark beim Kopfball und mitunter, wie kurz vor der Pause, mit einer Kung-Fu-Einlage, um doch noch an den Ball zu kommen. Fazit: Er wuchs mit seinen Aufgaben. Und der Nordhesse ist jetzt einer von nur drei Menschen in Deutschland, die sich Weltmeister UND Confed-Cup-Sieger nennen dürfen ohne zu lügen.

Matthias Ginter: Das gilt auch für den 23 Jahre alten Dortmunder, der in Brasilien ebenfalls dabei war, auch wenn er nicht gespielt hat. Er darf für sich reklamieren, ein starkes Turnier in Russland absolviert zu haben, bei vier der fünf Partien war er vom Anfang bis zum Ende dabei. In seinem 14. Länderspiel verteidigte er links in der Dreierkette. Er machte seine Sache, meist gegen den nicht gerade langsamen Sanchez vom FC Arsenal, sehr ordentlich und vor allem deutlich besser als beim ersten Aufeinandertreffen in Kasan. Ginter profitierte dabei von seiner Kopfballstärke, seinem guten Stellungsspiel und auch ein wenig davon, dass die Gegner meist den Weg über die andere Seite wählten. Aber dort wartete ja Rüdiger, was für die Chilenen auch nicht besser war.

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Entpuppte sich als richtiger Giftzwerg: Joshua Kimmich.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Joshua Kimmich: Nachdem Löw ihn gegen Mexiko aushilfsweise in die Dreierkette beordert hatte, durfte der 22 Jahre alte Münchner in seinem 20. Länderspiel wieder auf der rechten Seite ran. Er stand somit in allen fünf Partien in Russland in der Startelf - neben ihm taten das noch die Kollegen Sebastian Rudy, der ist gleich dran, und Julian Draxler. Ansonsten war Kimmich gegen stürmische Chilenen doch sehr in der Defensive gebunden - und entwickelte sich zunehmend zur Heißkiste des Spiels. Erst beschimpfte er sich mit Jean Beausejour, nach einer knappen Stunde hatte er ein Scharmützel mit Vidal - beide sahen für diese Einlage unter Klubkollegen die Gelbe Karte. Ansonsten lässt sich ohne Übertreibung konstatieren, dass dieser Kimmich das Beste noch vor sich hat und ganz bestimmt - wenn nicht etwas Außerplanmäßiges geschieht - im kommenden Jahr mit zur WM nach Russland fährt. So sehr er sich auch als Giftzwerg gerierte, so sehr steckt schon jetzt in ihm einer, der vorangeht, sich vor nichts fürchtet - und richtig, richtig gut Fußball spielt. Er ist unser Mann des Spiels, nimm das Fifa! Das Fazit desjenigen, der als einziger jede der 450 Minuten in Russland spielte: "Vor dem Turnier hat niemand mit uns gerechnet. Wir haben alle überrascht mit einer jungen Mannschaft. Wir haben die Kontinentalmeister alle geschlagen - auch Chile. Da sieht man, dass es uns sehr viel bedeutet. Wir haben uns von Spiel zu Spiel entwickelt. Heute war nicht alles gut, aber kämpferisch war das allererste Sahne."

Sebastian Rudy: Fünftes Spiel bei diesem Konföderationenpokal, fünfter Einsatz - und seit Samstag ist der 27 Jahre alte nun Ex-Hoffenheimer Angestellter des FC Bayern. In seinem 20. Länderspiel war es seine Aufgabe, als defensiverer Part der Doppelsechs vor der Abwehr für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Das gelang ihm mit seiner unaufgeregten und schlauen Art, den Takt zu bestimmen, die Bälle im Mittelfeld zwischen Abwehr und Angriff zu verteilen und die Übersicht zu bewahren, ganz vorzüglich. Grätschte nach etwa 70 Minuten in allerletzter Sekunde in einen Torschuss von Sanchez und den Chilenen dabei auch ein wenig um. Er war dann auch ganz zufrieden: "Ein megageiles Gefühl. Wir haben uns das verdient und ein starkes Turnier gespielt. Wir waren eine Einheit. So sind wir aufgetreten, und deshalb haben wir gewonnen." Auch der Bundestrainer war voll des Lobes: "Wie er das macht, das ist schon klasse. Er ist als Organisator und für die Struktur unseres Spiels sehr wichtig."

Leon Goretzka: Gegen Mexiko war es für den 22 Jahre alten Bochumer in Diensten des FC Schalke 04 ja nicht ganz so schlecht gelaufen, und so durfte er auch in diesem Endspiel als offensiver Teil der Doppelsechs auflaufen. Auch er zählt zu den größeren Profiteuren dieses Confed Cups. In seinem neunten Länderspiel vergab er, kurz bevor der serbische Schiedsrichter Milorad Mazic zur Pause pfiff, die Chance zum 2:0 für die DFB-Elf, als er aus sechs Metern frei vor Claudio Bravo daran scheiterte, dass Chiles Torhüter sich nicht so einfach tunneln lassen wollte. Sagen wir es so: Er stach nicht so heraus wie im Halbfinale, harmonierte aber gut mit Rudy und darf davon ausgehen, auch nach Ende des Projekts wieder eingeladen zu werden. Für die fünf Minute der Nachspielzeit wechselte Löw in aus und brachte mit Niklas Süle einen Innenverteidiger, der wie Rudy seit Samstag beim FC Bayern unter Vertrag steht. Für den 22 Jahre alten nun Ex-Hoffenheimer war es das sechste Länderspiel und der vierte Einsatz beim Confed Cup.

Jonas Hector: Apropos Dreierkette - die wird im Defensivfall durch die beiden Außenspieler ergänzt. Und da die Chilenen besonders und wie angekündigt in der Anfangsphase mächtig Druck machten, taten Hector auf der linken und Kimmich auf der rechten Seite genau das. Der 27 Jahre alte Kölner hatte in seinem 33 Länderspiel (Schnapszahl, Alaaf!) wie alle viel damit zu tun, die Chilenen im Schach zu halten und Ordnung ins eigene Spiel zu bekommen. Das gelang ihm auch bisweilen, insgesamt war es aber nicht sein stärkster Auftritt, dafür verlor er zu viele Zweikämpfe. Aber er darf sich eh sicher sein, auch in Zukunft wieder eingeladen zu werden - so viele passionierte und zuverlässige Linksverteidiger stehen dem Bundestrainer schließlich nicht zur Verfügung. Abgesehen davon: Der Hector ist schon ein Guter.

Lars Stindl: Es war sein drittes Tor im vierten Spiel bei diesem Confed Cup, nach zwei Fehlern gleich zu Beginn allerdings eins mit dem Schwierigkeitsgrad der Marke "Den-hätte-meine-Omma-mit-dem-Hut-gemacht". Der Treffer zählte dennoch. Damit darf er sich nun Konföderationenpokalsiegtorschütze nennen. Und schon im Gruppenspiel gegen Chile hatte er den Treffer zum 1:1 erzielt. Der 28 Jahre alte Mönchengladbacher hat dieses Turnier genutzt, um nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen und kommt jetzt auf immerhin sechs Länderspiele insgesamt. Oft genug hat der Bundestrainer betont, dass Stindl ein schlauer Spieler sei, der als hängende Spitze die Wege durch des Gegners Abwehr suche und auch finde. Mit seinem enormen Laufpensum gelang ihm das bisweilen auch in diesem Finale.

Julian Draxler: Das ist jetzt wahrscheinlich Geschmackssache, es soll aber Menschen geben, die von den vielen Übersteigern und Übersteigerversuchen des Kapitäns der deutschen Confed-Cup-Combo etwas genervt sind. Die Herren von der Fifa sind es nicht: Sie ließen ihn zum besten Spieler des Turniers wählen. Kann man machen. Muss man aber wirklich nicht. Auch in seinem 35. Länderspiel probierte es der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler von Paris Saint-Germain immer wieder. Ansonsten durfte er reklamieren, kurz vor der Pause die nicht allzu kleine Torchance des Kollegen Goretzka vorbereitet zu haben, indem er sich 30 Meter vor dem gegnerischen Tor den Ball schnappte und dann auf und davon ging. Das hatte er gut gemacht. In der 40. Minute war er zudem am besten Angriff seiner Mannschaft in der ersten Halbzeit beteiligt: Hector hatte Timo Werner auf die Reise geschickt, der legte links am Strafraum zurück auf Draxler, und der wiederum schoss den Ball aus 18 Metern direkt - am Tor vorbei. Definitiv für ihn spricht, dass er im Finale sein bestes Spiel machte, nach der Pause noch einmal richtig aufdrehte, sein Alleingang nach einer knappen Stunde war wirklich sehenswert. Und sonst so? "Unglaublich. Dafür, dass der Confed Cup so belächelt wurde, war ganz schön Feuer im Finale. Wir haben super gefightet und diesen Sieg auch verdient. Jeder Titel ist besonders, aber vor allem die Konstellation macht es besonders. Schließlich haben wir so noch nie zusammengespielt, deshalb ist es umso höher zu bewerten."

Timo Werner: In seinem sechsten Länderspiel konnte der 21 Jahre alte Leipziger gleich einmal nach 20 Minuten eine Torvorlage für sich verbuchen - nachdem Chiles Marcelo Diaz den Ball vertändelt oder Werner ihn ihm abgeluchst hatte, je nach Sichtweise. Jedenfalls sicherte er sich damit den Goldenen Schuh für den Spieler des Turniers mit den meisten Scorerpunkten, drei Tore hat er in Russland ja auch noch geschossen. Vor ihm hatten sich unter anderem Ronaldinho und Fernando Torres diesen Titel gesichert. Immer wieder rannte er raketenartig, mitunter als einzige Spitze etwas einsam, gegen die chilenische Abwehr an und sorgte so, wenn nicht für Gefahr, so doch für Entlastung. Er resümierte: "Es war ein hart erkämpfter Sieg. Gerade die zweite Halbzeit. Da wurde nicht mehr viel Fußball gespielt, sondern nur noch gekämpft. Ich bin sehr froh, dass es gereicht hat. Wir haben gezeigt, was in uns steckt, und jetzt können wir nur noch feiern." Nach 78 Minuten war der Druck der Chilenen so groß, dass der Bundestrainer ihn rausnahm und den 23 Jahre alten Emre Can vom FC Liverpool brachte. Ein guter Plan, in seinem 15. Länderspiel erledigte er seinen Job.

Quelle: n-tv.de

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