Fußball

Inter-Stürmer braucht EL-Titel "Luka-King" stellt Ronaldo in den Schatten

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Romelu Lukaku will Inter Mailand unbedingt zum Europa-League-Titel schießen.

(Foto: REUTERS)

Romelu Lukaku reißt mit seinen Toren einen europäischen Rekord nach dem anderen ein. Selbst Inter-Legende Ronaldo zittert schon. Jetzt will der bullige Belgier mit seinem Mailänder Team die Europa League gewinnen - denn der letzte Titel ist für Star und Mannschaft quälend lange her.

Nur einen Tag nachdem sein Ex-Klub Manchester United im Halbfinale der Europa League gleich einen Haufen guter Chancen liegen ließ, zeigte Romelu Lukaku, wie man es macht: Für Inter Mailand - im Sommer 2019 wechselte er aus England in die Serie A - erzielte er zwei Treffer im zweiten Halbfinale und leitete einen weiteren ein. Der belgische Stürmer bezeugt dieses Jahr, dass Manchester mit seinem Verkauf einen großen Fehler begangen hat - und dass er in die Riege der besten Stürmer der Welt gehört.

Die italienische Zeitung "La Gazzetta dello Sport" schenkte dem 27-Jährigen vor dem Halbfinale gegen Schachtjor Donezk drei Tage in Folge ihre Titelseite. An Megastürmer Robert Lewandowski vom FC Bayern München, der 55 Tore in allen Pflichtspielen dieses Jahr erzielt hat, kommt "Luka-King", wie die Zeitung ihn taufte, zwar nicht heran. Aber schließlich liegt der Inter-Sturmtank mit seinen 33 Treffern noch vor Lionel Messi, Raheem Sterling, Kylian Mbappé und Pierre-Emerick Aubameyang. Und er schrieb im Halbfinale direkt wieder Schlagzeilen, als er zum ersten Spieler überhaupt wurde, der in zehn aufeinander folgenden Europa-League-Spielen traf. Ein Tor im Finale gegen den FC Sevilla (21 Uhr bei RTL und im Liveticker auf ntv.de) ist damit fast vorprogrammiert.

"Wie ein American-Football-Spieler"

Wie stark Lukaku derzeit spielt, kann am besten die Abwehrreihe Bayer Leverkusens erzählen. Extrem wuchtig und bullig, dabei trotzdem schnell und wendig, stellte der Belgier Bayers Edmond Tapsoba und Jonathan Tah im Viertelfinale vor so große Probleme, dass er bei den Zuschauern fast Mitleid für die beiden Leverkusener erzeugte. Immer wieder schirmte er den Ball mit seinem robusten 1,91-Meter-und-93-Kilo-Körper ab, drehte sich dann um den jeweiligen Verteidiger und kam stets zum Abschluss oder passte weiter. Im Fallen traf er schließlich zum zwischenzeitlichen 2:0. Eine Art Ein-Mann-Büffelherde. Eine nicht aufzuhaltende Naturgewalt, robust wie kein anderer Top-Stürmer in Europa. "Es ist unmöglich, so eine Mauer zu verteidigen", sagte damals Lukas Hradecky über den Torjäger.

Dank Lukaku zog Inter nicht nur ins EL-Finale ein (er schoss dabei als erster Mailand-Spieler in sieben aufeinander folgenden europäischen Spielen jeweils mindestens ein Tor, was keiner der Inter-Legenden wie Ronaldo, Diego Milito oder Samuel Eto'o gelang), sondern schloss die Serie A zum ersten Mal seit zehn Jahren auf einem der ersten beiden Plätze ab. Besonders in den großen Partien trumpfte er auf, knipste zweimal gegen den AC Mailand und Neapel und natürlich im Achtel-, -Viertel- und -Halbfinale der Europa League. Und das, obwohl der Belgier die Saison über mehrmals von gegnerischen Anhängern rassistisch beleidigt wurde.

Mit dem trotz seiner Körpermaße flinken und technisch starken Lukaku können die Italiener ein aggressives Pressing spielen, das gegnerische Mannschaften immer wieder in Verlegenheit bringt und schnelle Gegenstöße erlaubt. "Romelu ist ein untypischer Fußballer", sagt Inter-Coach Antonio Conte über seinen Stürmer: "Er agiert als Mittelpunkt, kann aber auch von der Mitte des Spielfeldes aus angreifen, wie ein American-Football-Spieler." Im ersten europäischen Endspiel für Conte soll der bullige Belgier Inter nun zum ersten Titel seit 2011 büffeln. Finalgegner Sevilla wird gewarnt sein.

Lukaku wie Ronaldo

Seit dem Restart der Serie A befindet sich Lukaku in besonders bestechender Form: Sechs Treffer erzielte er in elf Liga-Spielen. Ende Juli stellte er mit seinem 15. Auswärtstor einen Uralt-Rekord von Inter Mailand aus dem Jahr 1949/50 ein. Nicht mal dem großen Ronaldo Ende der 1990er gelang dies. Und trifft der bullige Sturmtank tatsächlich im Finale, egalisiert er den 34-Tore-Saison-Rekord der brasilianischen Legende aus der Inter-Saison 1997/98. Es war damals passenderweise auch Ronaldos erste Spielzeit für die Italiener, in der Il Fenomeno mit den Nerazzurri gleich den Uefa-Cup gewann.

Selbst Arrigo Sacchi, Ex-Trainer des Stadtrivalen AC Mailand, erkannte in Bezug auf den Stürmer und seinen kongenialen Sturmpartner Lautaro Martinez: "Lukaku und Lautaro bilden derzeit vielleicht die beste Sturmpartnerschaft auf der Welt." Dass der Belgier Tore schießt, ist aber nichts Neues. Die Statistiken zeigen, dass er einer der konstantesten Stürmer Europas ist. In seinen letzten sieben Saisons in England traf der 27-Jährige immer zweistellig und hat derzeit einen Platz auf der Liste der 20 besten Premier-League-Torschützen aller Zeiten.

"Du denkst, du fliegst"

Dennoch wurde Lukaku in England immer wieder hinterfragt. Trotz eines guten ersten Jahres bei Manchester United (16 Tore und sieben Vorlagen in 34 Premier-League-Spielen) wurde er nach nur zwölf Treffern in der Saison 2018/19 gegangen. Eine bittere Pille für den Manchester United, der nun dabei zuschauen muss, wie der Belgier aufblüht und die Europa League dominiert. Eine weitere Pointe: Neben Lukaku stehen mit Alexis Sánchez, Ashley Young (beide ebenfalls Inter), Ander Herrera und Ángel Di María (beide PSG) vier weitere Ex-United-Spieler in einem europäischen Finale.

Lukaku, der nun bereits mit Real Madrid als Ersatz für Karim Benzema in Verbindung gebracht wird, gelang 2009 mit nur 16 Jahren das erste Highlight im Profi-Fußball. Damals erzielte er seinen ersten Treffer für RSC Anderlecht und beschrieb das Tor fast philosophisch: "Du denkst in dem Moment, du fliegst und kannst es mit der ganzen Welt aufnehmen." Er schoss in jener Saison noch 14 weitere Treffer und gewann die belgische Meisterschaft. Seitdem folgten keine weiteren Titel für die Ein-Mann-Büffelherde. Das soll sich heute Abend ändern, wenn Lukaku wieder Rekorde brechen und fliegen will.

Quelle: ntv.de