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Bundesliga-Check: BVB Mit Klopp 2.0 zurück zur Echten Liebe

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Viele BVB-Fans träumen von der Rückkehr des Klopp-Fußballs. Peter Bosz könnte dafür sorgen.

(Foto: Imago/dpa/Collage: n-tv.de)

Die Testspiele offenbaren mitunter große Probleme, der Boulevard funkt SOS, zwei Superstars sorgen für Unruhe - die Ära Peter Bosz bei Borussia Dortmund startet holprig. Doch der Neue kommt mit einem guten Ruf und einer Vision.

Nur mal angenommen, es hätte diese klitzekleinen Meinungsunterschiede zwischen Thomas Tuchel auf der einen und Aki Watzke, Reinhard Rauball, Michael Zorc, Marcel Schmelzer, Nuri Sahin, dem Rest der Pizzafreunde im Kader, Maskottchen Emma und dem Greenkeeper auf der anderen Seite nicht gegeben. Angenommen, Tuchel ginge an diesem Wochenende in seine dritte Saison beim BVB: Die Meisterschaft wäre das logische Ziel.

Vor zwei Jahren holten die Dortmunder so viele Punkte wie noch nie zuvor ein Vizemeister, im Vorjahr fuhren sie trotz Verletzungsmisere, trotz Attentat auf den Mannschaftsbus, trotz Führungsstreit, trotz alledem die direkte Champions-League-Qualifikation ein - und am Ende sogar mal wieder mit einer Trophäe im Gepäck zum Borsigplatz. Nun aber hat Sportdirektor Michael Zorc mit dem Trainerwechsel zu Peter Bosz eine schöne neue Begründung für seine altbekannte Tiefstapelei gefunden, der BVB fahre "sein eigenes Rennen" und begebe sich auch in dieser Saison nicht auf Bayern-Jagd. Allerdings hat er das Cockpit einem Typen "wie Guardiola" (Everton-Trainer und Landsmann Ronald Koeman) übergeben, der immer die höchsten Ansprüche an sich und sein Team stellt. Bosz steht für Risiko, Vollgas, für "Voetbal Total". Umso wichtiger, dass die Spieler komplett bei der Sache sind und mitziehen – doch ausgerechnet jetzt hat es der BVB mit mehr Nebenkriegsschauplätzen zu kämpfen als Sarah Huckabee Sanders.

Was gibt's Neues?

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Das entnehmen Sie bitte dem "Sport-Tag", Ihrer Twitter-Timeline oder am besten gleich den Instagram-Accounts der BVB-Spieler. Wir kommen nicht mehr mit. Früher feierten die Fans den Kinderriegel aus Mats Hummels und Neven Subotic, heute schütteln sie den Kopf über den Kindergarten, den Ousmane Dembélé und Pierre-Emerick Aubameyang veranstalten. Der Gabuner Torschützenkönig hat inmitten der Unruhe nicht Besseres zu tun, als launig mit Milan-Fans zu chatten ("Ich will ja zu Milan, aber die haben sich nicht bemüht"), was natürlich aufgeregte Schlagzeilen produziert, auch wenn Michael Zorc einem Wechsel einen rund 100 Millionen Euro teuren Riegel vorgeschoben hat. Aber auszuschließen ist beim BVB gar nichts, seit Ousmane Dembélé sich des "Trennungs-Trends des Jahres" (Men's Health 2016) Ghosting bedient, um seinen Transfer nach Barcelona zu erzwingen. Nebenbei bemerkt ein fragwürdiges Mittel, denn DASS Dembélé ganz dringend wechseln möchte, haben die Dortmunder Bosse wohl schon verstanden, als der Franzose auf Anrufe noch geantwortet hat. Wenn der Streik eine Art von Druck erzeugen soll – dann hätte er 2016 vielleicht keinen Fünfjahresvertrag unterzeichnen sollen. Betrachtet man Dembélés Fähigkeiten, sein Potenzial und die finanziellen Entwicklungen auf dem Transfermarkt, könnte Michael Zorc den Stürmer wohl zur Not auch die nächsten Monate in dessen Wohnung versauern lassen und in der Winterpause trotzdem noch die eine oder andere Fantastilliarde mit ihm verdienen.

Auf wen kommt es an?

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Er kommt mit Vorschusslorbeeren: Peter Bosz.

(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Nur mit "Geduld und Kreativität" könne man den Bayern langfristig beikommen, das sagte Vereinsboss Hans-Joachim Watzke 2014. Anfang voriger Saison, als die Mannschaft mit Ach und Krach ein 3:3 in Ingolstadt erkämpfte, beruhigte er die anspruchsvolle Dortmunder Presse: "In ein, zwei Jahren haben wir eine richtig starke Mannschaft. Auch die Meistermannschaft von 2011 und 2012 hat Zeit gebraucht". Nun liegt es also an Peter Bosz, die Versprechen seines Chefs zu erfüllen. Die BVB-Verantwortlichen lobten bei der Vorstellung des Niederländers vor allem die Art, wie er spielen lässt – der offensive Stil, an Johan Cruyff geschult, der auf totale Dominanz hinauslaufen soll. "Der Trainer möchte nicht, dass der Gegner so lange den Ball hat", so drückte es Kapitän Marcel Schmelzer nach den ersten Trainingseinheiten aus. Das klingt nach Guardiola. Mit einer Prise Klopp: Innerhalb von fünf Sekunden sollen Bosz' Spieler einen verlorenen Ball wieder in die eigenen Reihen zurückholen, eine laufintensive Taktik, die Löwsche "högschde Konzentration" erfordert – und Gefahren birgt. Passt nur einer nicht richtig auf, entstehen riesige Räume für den Gegner, weil der BVB extrem hoch stehen wird.

Schon in der Vorsaison kassierte Dortmund 40 Tore, nun arbeitet ein Assistenztrainer ausschließlich an der Stabilisierung der Defensive. In den Testspielen holperte es noch heftig, auch gegen unterklassige Gegner kassierte das Team zu einfache Gegentore. "Hilfeee! BVB-Stars kapieren Bosz nicht", schrieb die Zeitung mit den großen Buchstaben schon. Überfordert da einer die Spieler, so wie Roger Schmidt einst in Leverkusen oder gar Alexander Zorniger in Stuttgart? Der Kapitän beruhigt: "Es ist kein Hexenwerk, so ähnlich haben wir unter Klopp gespielt. Einige Automatismen müssen sich ändern." Anlaufschwierigkeiten sind für Bosz nichts Neues. Bei Ajax gewann er ganze zwei von sieben Testspielen, verpasste gegen Rostov die Qualifikation für die Champions League und holte nur vier Punkte aus den ersten drei Spielen – erst dann begann der Siegeszug bis auf Platz zwei der Liga und ins Europa-League-Finale. Es wird wohl wirklich Geduld brauchen.

Was fehlt?

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Schon wieder verletzt: Marco Reus.

(Foto: picture alliance / Arne Dedert/d)

Marco Reus, der in den vergangenen Jahren öfter verletzt war als die Gefühle von Pietro Lombardi. "Es ist ein vielleicht ein bisschen Kreuzband", sagte er an diesem tragisch-schönen 27. Mai, an dem er endlich seinen ersten Titel mit dem BVB gewinnen konnte. Das bisschen Kreuzband musste im Sommer operiert werden, erst 2018 steht der 28-Jährige wieder zur Verfügung. Da Ousmane Dembélé eher nicht als Ersatz zur Verfügung steht, könnte Christian Pulisic den nächsten Schritt in seiner atemberaubenden Entwicklung machen. Der 18-jährige US-Amerikaner sieht für sich "eine Chance, mich zu beweisen" – und sein Team als Titelkandidat. "Wir haben eine gute Chance, die Liga zu gewinnen." Der Kader gibt so große Töne selbst ohne Dembélé her: In der Innenverteidigung üben der erfahrene Ömer Toprak (aus Leverkusen für 12 Millionen Euro) und 1,93-Meter-Talent Dan-Axel Zagadou (ablösefrei von PSG) Druck auf Marc Bartra und Sokratis aus, Reus-Kopie Maximilian Philipp (aus Freiburg für 20 Millionen) steht für Tempo in der Offensive, Mario Götze geht als halber Neuzugang durch und der hochbegabte Mahmoud Dahoud (Gladbach/12 Millionen) soll das vakante Erbe von Ilkay Gündogan antreten. Auf seinen potenziellen Traumpartner Julian Weigl aber, so will es das traditionelle schwarz-gelbe Verletzungspech, muss Dahoud noch warten. Weigl trainiert nach seinem Sprunggelenksbruch schon wieder, kann aber frühestens im September wieder spielen. Hat hier jemand "Geduld!" gerufen?

Wie lautet das Saisonziel?

Abgesehen vom "eigenen Rennen", das Michael Zorc fahren möchte, macht der Sportdirektor ganz klare Vorgaben: direkte Qualifikation für die Champions League, überwintern in Europa, möglichst wieder nach Berlin. Das galt auch für Thomas Tuchel, der das Liga-Ziel im Februar nach einem 1:2 in Darmstadt aber plötzlich überdenken wollte - mit einer Spitze gegen die Vereinsführung: "Wir sind eben auch das, was wir gegen Darmstadt leisten. Ich dachte, das wäre intern schon angekommen." Watzke, für Ironie auf seine Kosten ungefähr so empfänglich wie Conan der Barbar, ließ über die Medien durchblicken, dass er die Ziele für nicht verhandelbar hält. Peter Bosz hat das Stand jetzt verinnerlicht, schrieb sich die direkte Qualifikation für die Königsklasse auf die Fahnen und gab ganz nebenbei noch ein Versprechen ab, das die Fans gerne hören werden: "Für mich ist das Wichtigste, dass wir gewinnen. Aber: Wenn ich ins Stadion gehe, möchte ich auch guten Fußball sehen."

Die Prognose von n-tv.de

"Von dem Moment an, in dem wir in die Gespräche eingestiegen sind, hatte ich gleich ein sehr gutes Gefühl", schmachtete Aki Watzke Richtung Peter Bosz. Aber bis auf Weiteres ist es Echte Liebe auf Probe, und vielleicht muss Peter Bosz nach dem ersten Flutlicht-Spiel in der Königsklasse seinem Chef noch ein paar beruhigende Worte mit ins Bett geben, frei nach Blümchens Klassiker: "Gib mir noch Zeit, ein kleines bisschen nur/Heute Nacht bin ich noch nicht so weit, bitte gib mir noch Zeit." Gut möglich, dass sogar eines der sekundären Saisonziele der Umstellung auf das System Bosz zum Opfer fällt, für eine andauernde Krise oder gar eine vorzeitige Trennung scheint der Kader aber zu gut besetzt, gerade wenn die Langzeitverletzten wieder zur Verfügung stehen. In der Liga sollte der BVB auf Platz 2 oder 3 landen.

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Quelle: n-tv.de

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