Starcoch war völlig ahnungslosMourinhos urplötzliche Notfall-Idee stürzt Real Madrid in die "Schande"

Benfica Lissabon und Star-Trainer José Mourinho stehen ganz kurz vor dem Aus. Dann aber wird es in der Champions League gegen Real Madrid dramatisch - und es gibt ein unfassbares Happy End.
Eigentlich sollte das Spiel längst vorbei sein. Aber die Fußballer von Real Madrid hatten sich etwas zu raubeinig erwiesen. Zwei von ihnen, Raul Asencio und Rodrygo, sahen in der Nachspielzeit jeweils Gelb-Rot. Schiedsrichter Davide Massa registrierte das genau und passte die Extrazeit an. Statt fünf Minuten gab's acht. Mit verheerenden Folgen für die Königlichen. Und einem unglaublichen Happyend für die Heimfußballer von Benfica Lissabon (4:2). Die Mannschaft von Starcoach José Mourino, in der Champions League in dieser Saison kaum auf der Höhe, rettete sich gerade noch so in die Playoffs, als letztes Team. Und schubste ganz nebenbei auch Real noch aus den Top acht. Das Superteam aus Spanien muss ebenfalls noch zwei Extraspiele bestreiten.
Die letzten Minuten dieser Partie waren mit die spektakulärsten, die es in der jüngeren Geschichte der Königsklasse gegeben hatte. Die beiden Platzverweise waren lediglich der Türöffner für ein ganz großes Finale, in dem Benficas Torwart Anatoliy Trubin zum Protagonisten wurde. Nicht etwa, weil er seine Mannschaft mit einer gigantischen Parade vor dem Remis rettete, sondern weil er den Treffer erzielte, der die Portugiesen im Wettbewerb hielt. Nach einem Freistoß aus dem Halbfeld war der 24-Jährige mit dem Kopf zur Stelle. Er drückte den Ball so wuchtig Richtung Real-Tor, dass deren Starkeeper Thibaut Courtois chancenlos war.
Mourinho wusste gar nicht, was Phase ist
Danach eskalierte ein ganzes Stadion. Die Fans konnten nicht fassen, was sie sahen. Trubin konnte es nicht glauben, seine Mitspieler ebenfalls nicht. Und auch Mourinho schüttelte sich die Freude über seinen Coup aus dem Leib. Denn es war ja seine Anweisung, der Trubin gefolgt war. Sie kam aus der Not heraus und hat eine kuriose Vorgeschichte. Denn wenige Momente vor der gigantischen Erlösung sah es so aus, als wüsste der Startrainer gar nicht, dass seine Mannschaft noch ein viertes Tor brauche, um sich Platz 24 über das Torverhältnis zu sichern. "Das ganze Stadion wusste es, der Präsident wusste es, nur Mourinho, der eigentlich auf alles eine Antwort hat, wusste es nicht", sagte Ex-Mourinho-Schützling Sami Khedira als Experte am DAZN-Mikrofon. "Aber dann hatte er es erkannt. Das ist der Special One, einfach ein großartiger Trainer. Ich freue mich für ihn persönlich."
Tatsächlich wirkte es so, als schien keiner der beiden Mannschaften in der Schlussphase so richtig klar zu sein, wie ihre tabellarische Situation beim Stand von 3:2 exakt aussieht. Doch der Trainerstab und die Profis von Lissabon bekamen im letzten Moment einen Hinweis. "Ich hatte keine Ahnung, ob das 3:2 reichen würde, ich hatte keinen Anhaltspunkt", gab Mourinho zu. Seine Teamkollegen hätten auf dem Platz plötzlich "eine eins" gezeigt, erklärte Trubin, "aber ich habe es nicht verstanden. Alle sagten mir, ich solle mich beeilen." Das tat er. Und traf.
Doch woher kam der plötzliche Gedankenblitz, alles ganz anders zu machen? "Als ich die letzten Wechsel gemacht habe, hieß es, wir sind durch, nur absichern“, berichtete Mourinho. "Dann ein paar Sekunden später erfahre ich, wir brauchen noch eins. Aber da kann ich nicht mehr wechseln. Wir haben den Lucky Punch bekommen mit dem Standard." Und dann sei es eben so gewesen: "Wir wussten, dass wir es schaffen können. Wir wussten, dass der große Kerl dazu in der Lage ist."
Real-Stars sind fassungslos
Und der große Kerl wusste nach dem "verrückten Moment" hernach gar nicht wohin mit sich. "Ich bin es nicht gewohnt, zu treffen. Ich bin 24 Jahre alt und das war das erste Mal." Mourinho, der einst mit Real große Erfolge erzielt hatte, jubelte zunächst Arm in Arm mit einem Balljungen und brüllte dann etwas auf die Tribüne. Vor dem Trubin-Tor hatten für Lissabon Andreas Schjelderup per Doppelpack und Evangelos Pavlidis mit einem Foulelfmeter getroffen. Für Real war Kylian Mbappé doppelt erfolgreich gewesen. "Ein Sieg gegen Real Madrid hat immer eine große Bedeutung", feierte Mourinho: "Dieser Sieg ist historisch, aus wirtschaftlicher Sicht wichtig und aus Prestige-Sicht noch wichtiger. Das Tor hätte fast das ganze Stadion zum Einsturz gebracht.
Die Laune bei den Königlichen war angesichts des anstehenden Extrawegs mächtig gedämpft. Jude Bellingham war nach der Pleite völlig ratlos: "Ich weiß nicht so wirklich, was ich denken soll, aber wir machen einen schlechten Eindruck. Es fühlt sich schrecklich an, auf diese Art und Weise zu verlieren." Drastisch wurde in der Wortwahl der aufgebrachte Mbappé: "Es ist keine Frage der Qualität, keine Frage der Taktik. Es geht darum, mehr Gier zu entwickeln als der Gegner. Man konnte nicht sehen, dass wir um unser Leben spielen. Das ist nicht das Verhalten von Champions." Diese Niederlage und das Verpassen der direkten Qualifikation sei "eine Schande", betonte der Superstar.
Auch die spanischen Medien war entsetzt über das Ende des Abends. Die Zeitung "AS" schrieb nach einem außergewöhnlichen Champions-League-Abend vom "Totalschaden in Lissabon", das königliche Hausblatt "Marca" von einer "schwarzen Nacht", die Benficas Profis völlig konträr in Erinnerung behalten werden.