Fußball

Pro & Kontra Müllers Abrechnung - oder: Mimimi!

Nix mehr mit

Nix mehr mit "Gaudibursch" - Thomas Müller ist knatschig.

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Es rumpelt weiter im Dunstkreis des DFB. Nachdem Joachim Löw die Nationalelf-Karriere von Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller mit dem Dampfhammer beendet hat, kochen die Emotionen hoch. Und Müller rechnet in einem knapp zweiminütigen Video bei "Twitter" mit dem Bundestrainer ab. Die Meinungen darüber, ob Müllers Rundumschlag angebracht ist oder nicht, gehen auseinander. Auch in unserer Redaktion wird das Pro und Kontra von Löws Entscheidung und Müllers Abrechnung diskutiert.

Ja, Müller hat völlig recht mit seinem Statement
Von Julia Hollnagel

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Das abgesägte Trio: Hummels, Müller und Boateng (v.l.)

(Foto: imago/DeFodi)

Boateng und Hummels reagieren, wie man es von medienerfahrenen Nationalspielern erwartet: Professionell, mit kühler Zurückhaltung, die zwar die Enttäuschung erahnen lässt, aber keinesfalls das Handeln des DFB infrage stellt. Anders Thomas Müller. Der Profi des FC Bayern wendet sich mit einem authentischen und ehrlichen Selfie-Video an die Öffentlichkeit. "Die Art und Weise, wie das Ganze abgelaufen ist, macht mich sauer", erklärt er darin ganz offen. Die Enttäuschung, aber vor allem der Schock, der auch am Tag danach noch tief sitzt, ist echt. Das ist keine PR-Masche, kein vorgefertigtes Statement, das er abliest. Und genau das ist toll.

Thomas Müller fühlt sich von Joachim Löw hintergangen. Besonders stößt ihm auf, dass bereits kurz nachdem er von der "plötzlichen Entscheidung des Bundestrainers" erfahren hat, "vorgefertigte Statements seitens des DFB und des DFB-Präsidenten an die Presse rausgegeben werden". Das heißt: Es war von langer Hand geplant, Müller abzusägen. Er aber erfährt es nur kurz vor allen anderen. Das ist, als ob man erst zwei Minuten bevor der Chef in großer Runde die Entlassung aufgrund mangelhafter Leistungen verkündet, selbst von der Kündigung erfährt. Kurz gesagt und für jeden nachvollziehbar: ein ziemlich bescheidenes Gefühl.

Kein Wunder, dass da ein Geschmäckle zurückbleibt. Ganz Gentleman umschreibt es Müller als "kein guter Stil" - tatsächlich ist es aber eine Frechheit. Und es ist nicht nur eine Frechheit, weil der Betroffene eben Thomas Müller heißt, sondern es wäre genauso bei jedem anderen Spieler, ja bei jedem anderen Sportler unzumutbar. Was Müller also mit seinen Äußerungen deutlich macht, ist kein "Mimimi", kein "beleidigte Leberwurst spielen" des Ex-Nationalstürmers, sondern vielmehr eine sehr authentische Art und Weise, dem DFB die Grenzen aufzuzeigen. Statt gute Miene zum bösen Spiel zu machen, holt er zum Gegenangriff aus - und stellt deutlich klar, dass ihm weder die Option zum eigenen Rücktritt noch die Zeit gelassen wurde, diese ruhmlose Entlassung zu verarbeiten, bevor er sich mit der Öffentlichkeit herumschlagen musste.

Was irgendwie nicht richtig passt und Müller bitter aufstößt: "die suggerierte Endgültigkeit". Klar, mit 29 ist ein Spieler kein Jungspund und mit Sicherheit auch kein Nachwuchstalent mehr - er muss aber auch noch lange nicht ausgemustert werden, wie viele vor ihm zeigten. Er selbst ist durchaus der Ansicht, dass er noch in der Lage ist, auf Topniveau Fußball zu spielen - wie er zuletzt mit dem FC Bayern im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach bewies.

Es ist Müller zu wünschen, dass er diesen undankbaren Abschied ins Gegenteil verkehrt und mit einer Portion Trotz noch motivierter aufspielt, sich wieder interessant macht und bei einem Angebot von Löw vielleicht sogar dankend ablehnt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit sollte aber nicht Müllers bewundernswert ehrliche Art stehen, sondern vielmehr die Unprofessionalität und Unsportlichkeit des DFB. Wie auch schon im Fall Mesut Özil lassen die zwischenmenschliche und die öffentliche Kommunikation viel Luft nach oben. Das muss sich niemand gefallen lassen.

Nein, Müller, jammer nicht rum!
Von Dominik Möller

Die Abrechnung zeigt das wahre Ich des 29-jährigen Oberbayern. Sein Ego ist zu groß für einen fairen Kampf um die besten Plätze. Und das macht er mit seiner Abrechnung deutlich. "Ich habe kein Verständnis für die suggerierte Endgültigkeit dieser Entscheidung", sagt Müller in seiner Videobotschaft. Er sei ebenso wie Boateng und Hummels nach wie vor in der Lage, auf Top-Niveau Fußball zu spielen. Beweise für diese steile These bleibt er allerdings zunehmend schuldig. In der aktuellen Saison hat Müller bislang nur fünf Mal getroffen. Nicht zwingend ein überzeugender Wert für einen Weltklasse-Stürmer.

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Was Müller richtig gut kann: lamentieren.

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Klar, Müller hat den Fans der Nationalmannschaft viele große Momente beschert. Zehn WM-Tore in 16 Spielen - eine Riesenquote. Bei einem Blick in die Statistik fällt aber ebenfalls auf: So grandios seine Bilanz bei Weltmeisterschaften ist, so überschaubar ist sie auf vielen anderen Ebenen. In seinen elf EM-Auftritten glänzte er vor dem Tor vor allem damit, es nicht zu treffen. Das Gros seiner 38 Nationalmannschaftstore erzielte er in Qualifikationsspielen – gegen, so ehrlich muss man sein,  nicht die stärksten Gegner auf diesem Planeten. Natürlich hat Müller mit seinen 21 Quali-Treffern maßgeblichen Anteil an den Endrundenteilnahmen der DFB-Elf. Aber: Ein ganz Großer liefert auch bei den Turnieren selbst. Und nicht nur im Vorfeld.

Mit seiner weinerlichen Twitter-Abrechnung versucht Müller vor allem, sich selbst in den Olymp des DFB zu befördern. Er stellt sich mit seinem Mimimi über alle, die wirklich Großes im Dress des DFB geleistet haben oder noch leisten. Müller ist kein Anführer wie Bastian Schweinsteiger, kein Knipser wie Miroslav Klose und kein Stratege wie Toni Kroos. Worauf wir uns allerdings einigen können: Müller ist mehr, als es die nackten Zahlen belegen. Er war und ist ein Typ für die Fans. Auch wenn er sich selbst manchmal ein wenig zu witzig findet. Der 29-Jährige ist ein Spieler, der im DFB-Dress viele Sympathien auf sich vereinigen konnte. Tenor: "Er ist zwar ein Bazi, aber eigentlich ganz okay".

Ja, er ist 2014 Weltmeister geworden. Aber wenn die Vergangenheit die einzig akzeptierte Währung ist, läuft irgendwas falsch. Wer zur DFB-Elite gehören will, muss Leistung bringen. Ein Prinzip, das auch Löw langsam begreift. Es ist schön, wenn aus Weggefährten Freunde werden. Aber Fußball ist eben nicht nur Romantik, sondern in erster Linie ein Geschäft.

  • Ja, wir wollen Emotionen.
  • Ja, wir wollen die Besten sehen.
  • Ja, wir wollen gemeinsam Erfolge feiern.

Es tut manchmal weh, der Realität ins Auge zu sehen. Aber wer wie Müller im Zorn zur beleidigten Leberwurst wird, hat seinen Kredit verspielt. Und zwar dauerhaft!

Haben erstmal keinen Redebedarf mehr: Joachim Löw und Thomas Müller

Ist Thomas Müller eine beleidigte oberbayerische Leberwurst?

Quelle: n-tv.de