Fußball

Rücktrittsforderung nach Razzia Niersbach ist nur noch DFB-Boss auf Zeit

Als Krisenmanager enttäuscht DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in der WM-Affäre um 6,7 Millionen Euro. Seit seiner irritierenden Pressekonferenz gilt er nur noch als Boss auf Zeit. Die Steuerrazzia dürfte die Nachfolgediskussion im DFB intensivieren.

Der Parkplatz des DFB-Präsidenten blieb heute leer. Während in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes die Ermittler von Frankfurter Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung in einem Großeinsatz Akten rund um die WM 2006 sichteten und beschlagnahmten, weilte Wolfgang Niersbach daheim in Dreieich. Schließlich waren die Fahnder auch bei ihm zu Hause vorstellig geworden, wie auch in den Wohnsitzen seines Vorgängers Theo Zwanziger und des damaligen Generalsekretärs Horst R. Schmidt. Der Verdacht der Staatsanwaltschaft lautet: "Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall." Dafür drohen bis zu zehn Jahre Haft.

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Der Parkplatz des DFB-Präsidenten wird bislang von Wolfgang Niersbach genutzt. Völlig offen ist, wie lange noch.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Franz Beckenbauer, als Chef des WM-Bewerbungs- und später auch des Organisationskomitees eine Schlüsselfigur der Affäre, blieb von den Untersuchungen wohl nur aus einem Grund verschont: Er hat seinen Wohnsitz in Österreich und war für die Ermittler damit nicht so einfach greifbar wie Niersbach, Zwanziger und Schmidt. Gleiches dürfte für Fedor Radmann gelten. Beckenbauers engster Berater und ebenfalls Mitglied des WM-OK ist in der Schweiz gemeldet.

Unstrittig ist aber: Den in der Affäre bislang - von Zwanziger abgesehen - primär durch Nebelkerzen und Zeitspiel aufgefallenen WM-Organisatoren wurde das Heft des Handelns beim Aufklären der schweren Vorwürfe nun entrissen.

Präsident auf Zeit

Während Zwanziger trotz der Razzia in seinem Wohnhaus demonstrativ bekräftigte, er wisse, "dass er keine Konsequenzen zu befürchten" habe, schwieg Niersbach. Der DFB-Präsident ist das einzige OK-Mitglied, das ein wichtiges Amt zu verlieren hat, nun steht er noch mehr unter Druck. Der war seit seiner irritierenden Pressekonferenz am 22. Oktober ohnehin gewaltig, nachdem der 64-Jährige bei seinem Aufklärungsversuch vor allem mit Unwissenheit glänzte, sich in Widersprüche verstrickte, mehr Fragen als Antworten aufwarf und sich als Krisenmanager schlicht überfordert zeigte. Anschließend wurde er von seinem Vorgänger Zwanziger auch noch öffentlich der "Lüge" bezichtigt.

  Seitdem galt Niersbach als Präsident auf Zeit. Nur noch im Amt, bis die - völlig offenen - Ergebnisse der internen DFB-Untersuchung vorliegen. Einerseits, um einen Nachfolger nicht zu beschädigen. Andererseits aber wohl auch, um keinen Nachfolger zu bestimmen, der dann durch die Untersuchungsergebnisse womöglich belastet wird. Das ganze Ausmaß der Affäre lässt sich noch immer nicht abschätzen.

Erst am Sonntag hatte DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock einen vorübergehenden Rückzug von Niersbach abgelehnt. "Dass Niersbach sein Amt ruhen lassen soll, beantworte ich mit einem klaren Nein. Er soll mit uns diesen Weg der Aufklärung gehen. Das machen wir im Einvernehmen und mit großem Vertrauen", sagte Sandrock im Bezahlsender Sky, betonte jedoch: "Wenn die Dinge aufgeklärt sind, muss man sich die Frage stellen, wie es weitergeht." Einen Zeithorizont konnte oder wollte Sandrock nicht nennen.

"Richtiger Weg, Licht ins Dunkel zu bringen"

Durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hat der DFB die Aufklärung der Affäre nun nicht länger selbst in der Hand. Ein vorzeitiges Aus von Niersbach als DFB-Präsident scheint immer wahrscheinlicher, es sind schon Sportfunktionäre, Politiker und Wirtschaftsbosse für sehr viel weniger zurückgetreten. Hinter den Kulissen sollen nach Berichten des Nachrichtenmagazins "Spiegel" und "Kicker" schon vor der Razzia die Beratungen über einen Nachfolger begonnen haben. Gehandelt werden dabei neben Sandrock auch Ligapräsident Reinhard Rauball, DFB-Vizepräsident Rainer Koch und DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel.

Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag, begrüßte derweil die Razzia: "Die staatlichen Ermittler haben den Zugriff zu allen Unterlagen beim DFB. Es ist der richtige Weg, Licht ins Dunkel zu bringen." Durch staatliche Ermittlungen bestehe jetzt eine echte Chance, die Sachlage zu klären, meinte die SPD-Politikerin.

Der für den Sport zuständige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) kommentierte die staatsanwaltlichen Ermittlungen nicht, sagte aber: "Auch für den DFB und alle seine Funktionäre gilt die Unschuldsvermutung." Deutliche Wort fand hingegen Özcan Mutlu, sportpolitischer Sprecher der Grünen. "In den letzten zwei bis drei Wochen ist vom DFB-Präsidenten nichts beigetragen worden, das der Aufklärung dieses Skandals nutzt", sagte er dem Sport-Informations-Dienst: "Darum gibt es schon eine Konsequenz, die er selbst ziehen müsste. Wenn er diese Konsequenz nicht zieht, dann müssen sich der DFB und die Landesverbände fragen, ob so ein Präsident noch tragbar ist."

Im Sportausschuss steht die WM-Affäre am Mittwoch auf der Tagesordnung. Mehr als eine Beratung des Themas wird dabei aber nicht herauskommen können. Sowohl Niersbach als auch der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) sind zu dieser Sitzung eingeladen worden. Beide haben abgesagt.

Quelle: ntv.de, cwo/dpa

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