Fußball

Der alte FC Bayern zerbricht Ohne Herz und Verstand

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Drei, die den FC Bayern geprägt haben.

(Foto: imago/HJS)

Der FC Bayern ist zum 1. Juli auf sich allein gestellt. Denn der FC Bayern war, solange die meisten von uns denken können, die erfolgreiche Symbiose von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Nun sind beide bald offiziell weg, für den Klub ist das hoch spannend.

Bis zu diesem Dienstagmorgen hatte man ja eher das Gefühl, dass Julian Nagelsmann derjenige ist, der beim FC Bayern das schwierigste Erbe antreten wird. Einen Trainer zu ersetzen, der in knapp anderthalb Jahren als Chef sieben Titel erhamstern konnte, das war bis zu diesem Dienstagmorgen, nach gängigem Menschenverstand, die denkbar größte Herausforderung im deutschen Fußball. Vielleicht sogar noch eine Kategorie größer. Doch was dann geschah, das verzwergt die Challenge (der englischaffine Karl-Heinz Rummenigge wird dieses Wort mögen) für den jungen Trainer von RB Leipzig doch immens. Denn der genannten Karl-Heinz Rummenigge hat an diesem Dienstagvormittag ein Papier unterschrieben, das ihn zum 30. Juni aus der Verantwortung lässt.

Man muss sich das einmal vorstellen: Karl-Heinz Rummenigge wird mit Beginn der neuen Saison, sie startet am 1. Juli, nicht mehr für die Geschicke des deutschen Rekordmeisters verantwortlich sein. Um mal ganz kurz das Ressort zu wechseln: Mit dem freiwilligen Rückzug des 65-Jährigen verliert der FC Bayern nun auch noch seinen Verstand, nachdem er bereits vor eineinhalb Jahren sein Herz verloren hatte, sein Herz mit Namen Uli Hoeneß. Die bisweilen unkontrollierte Emotion (Hoeneß) und die souveräne Rationalität (Rummenigge) haben den Klub über Jahrzehnte hinweg zu dem gemacht, was er ist: zur gnadenlos erfolgreichen Weltmarke. Robust gegen alle Widerstände. Wenn es darauf ankam, dann hielten sie zusammen, Rummenigge und Hoeneß, die eine Beziehung zueinander pflegen, die für Außenstehende nicht sehr leicht zu durchschauen ist. Am besten zu beschreiben mit: Freund-Feind.

Tja, und nun, nun sind sie weg. Zumindest offiziell. Dass Hoeneß im Klub noch deutlich mehr Einfluss hat, als es sein Amt als Ehrenpräsident hergibt, das ist allzu offensichtlich. Zu detailreich weiß er über Interna zu berichten. Im Doppelpass, wenn es um Vertragsgespräche mit David Alaba geht (beziehungsweise ging) oder auch als RTL-Experte, wenn er über Thomas Müllers Bereitschaft zum DFB-Comeback plaudert. Und das Hasan Salihamidžić den so absurden Machtkampf um die Kadergestaltung mit Trainer Hansi Flick intern ziemlich unbeschadet überstanden hat, soll auch an Hoeneß liegen, der als der Ziehvater des nicht immer unumstrittenen Sportvorstands gilt. Wie es für Rummenigge weitergeht? Ob er auch noch ein Dankeschön-Amt in München bekommt? Darüber wird an diesem Dienstag nicht gesprochen. Also auch nicht über den DFB, der ja noch einen Präsidenten sucht. Aber Rummenigge hatte das ja bereits ausgeschlossen. Belassen wir es (vorerst) dabei.

Wohin steuert der FC Bayern

Spannender ist ja ohnehin die Frage, wohin der FC Bayern nun steuert, nun, wo er auf sich selbst gelassen ist. Denn so streitbar die beiden mächtigsten Alphatiere im deutschen Fußball als Typen gewesen sein mögen, so unstreitbar ist: In den vergangenen 30 Jahren war niemand mehr der FC Bayern als Rummenigge und Hoeneß. Sie waren die unüberwindbaren Wächter des Vereins, parierten alle Angriffe. In der Art nicht immer souverän (Stichwort: Sponsorendeal mit Unrechtsstaat Katar), nicht immer galant, nicht immer höflich (Stichwort: Pressevernichtungskonferenz), aber stets erfolgreich. Wirtschaftlich und sportlich. Auch in unruhigen Zeiten. Nun ist mal wieder so eine. Nicht nur wegen der Corona-Pandemie. Der Fußball steht vor vielen neuen Herausforderungen. Vor Bedrohungen wie der (vorübergehend mal abgeschmetterten) Super League, vor dem Expansions-Wahnsinn der FIFA, vor einer weiteren Entfremdung von den Fans. Dass Rummenigge den Zeitpunkt für seinen Rückzug jetzt für geeigneter hält als zum Jahreswechsel, das liegt dann womöglich doch nicht nur daran, dass jetzt das Geschäftsjahr endet.

Tatsächlich stürzt der Verein ja jetzt nicht in ein schwarzes Loch. Die Übergabe der Amtsgeschäfte mit seinem Nachfolger Oliver Kahn laufen längst. Und offenbar so gut, dass sich Deutschlands Titan nun auch bereit fühlt, den mächtigsten Verein als Funktionär vor Einschlägen zu bewahren. Kahn, Salihamidžić und Präsident Herbert Hainer, das sind nun also die Männer, die Münchens wertvollste Ware in eine erfolgreiche und stabile Zukunft führen wollen. Ob ihnen das gelingt? Spannende Frage. Keine Antwort (zumindest nicht aktuell). Hainer ist als Präsident bislang eher blass geblieben. Hatte durchaus charmante Interviews gegeben, aber etwas gesagt, das Wucht hat, das auf Durchsetzungsstärke hindeutet, auf Meinungshoheit? Eher nicht. Dass er sich künftig in die Mixed Zone der Allianz Arena verirren wird, um dort unberechenbare Rundumschläge in alle Richtungen zu verteilen? Nahezu unvorstellbar. Immerhin gilt der Betriebswirt als enger Vertrauter von Hoeneß. Womöglich dreht sich auch einfach das Rollenverständnis: der Präsident, künftig der Verstand, nicht mehr das Herz.

Verdammt viele Aufgaben

Das wäre dann Kahn. Der neue Klubchef. Die zarte Erinnerung an sein impulsives Tun als Titan würde emotionale Ausbrüche (positiv ebenso wie andersrum) zumindest authentisch wirken lassen. Allerdings hat er sich über die Jahre als erfolgreicher Geschäftsmann und kluger ZDF-Experte ein sehr seriöses Image erarbeitet. Dass er dabei durchaus unterhaltsam ist, konterkariert das nicht. Aber nach heißer Lava muss man beim Vulkan außer Dienst mittlerweile doch sehr, sehr, sehr lange suchen. Ob man fündig wird?

Bleibt noch Salihamidžić. Der hat sich im Zoff mit Flick extrem zurückgezogen. Interviews gibt er nur noch selten. Ob das so bleibt? Nun, er hat wichtigere Aufgaben. Die Kadergestaltung. Er muss sich beweisen. Zwar unter der schützenden Hand von Hoeneß, aber ohne die Expertise, das Geschick und das Netzwerk von Rummenigge. Er muss beweisen, dass er für den Verein ab jetzt unverzichtbarer ist, als Flick. Ohne Alaba, ohne Jérôme Boateng und Javi Martinez fehlt es der Mannschaft nicht nur an Qualität, sondern auch an viel Identifikation. Dann stehen da auch noch ein paar unangenehme Verhandlungen an, unter anderem mit Kingsley Coman oder aber Joshua Kimmich, die durchaus an mehr Gehalt interessiert sind. Außerdem lässt Robert Lewandowski mal wieder seinen Verbleib in München offen. Außerdem lässt Ersatztorwart Alexander Nübel immer wieder ausrichten, dass er endlich spielen möchte. Auch außerhalb von München. Wenn nötig. Kleiner Spoiler: Ist nötig, wegen Manuel Neuer. Man kennt die Geschichte.

Ja, der alte FC Bayern ist zerbrochen. Drei Doppel-Triple-Helden sind weg. Hermann Gerland, die gute Seele, ja ebenfalls. Und nun auch noch der zweite große Bauherr des Erfolgsmodells. Ob wirklich noch jemand glaubt, dass Trainer Julian Nagelsmann derjenige ist, der beim FC Bayern das schwierigste Erbe antreten wird?

Quelle: ntv.de

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