Fußball

100. Geburtstag von Weisweiler "Sag dem Alten, er kann mich mal!"

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Beste Freunde waren Hennes Weisweiler und er nie, dennoch sagte Günter Netzer: "Weisweiler ist der beste Trainer, den man sich wünschen kann."

(Foto: imago sportfotodienst)

Heute wäre Hennes Weisweiler 100 Jahre alt geworden. Der legendäre Meistertrainer von Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln hat auch als Ausbilder Generationen an Trainern geprägt. Als Coach war er einer der Größten - als Spieler fand er sich selbst nicht besonders talentiert.

Der große Trainer Hennes Weisweiler hat auch große Sätze über die Fußball-Bundesliga gesagt: "Wer sich in dieses Geschäft begibt, muss aufhören zu träumen. Selbstverständlich muss der Mensch träumen. Aber das soll er bitte nachts tun. Das gilt auch für Fußballprofis. Wobei ich allerdings hinzufügen muss: Die sollen nachts lieber schlafen!" Als er Gladbach damals Richtung Barcelona verließ, meinte er zum Abschied: "Die Borussia wird wieder Meister, das wird auch der Udo Lattek nicht verhindern können." Und so kam es schließlich auch.

Hennes Weisweiler bezeichnete sich in seiner aktiven Zeit als Fußballer selbst als "Klopper". Andere nannten ihn auch "Der Holzer". Und als ein Journalist fragte, was er denn für ein Spielertyp gewesen sei, meinte der Meistertrainer: "Ich war ein Mittelding zwischen Luggi Müller und Berti Vogts." Daraufhin soll Luggi Müller gesagt haben: "Das muss ja fürchterlich gewesen sein."

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Mit dem 1. FC Köln holte Weisweiler 1978 seine vierte deutsche Meisterschaft.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Von Sepp Herberger war Hennes Weisweiler zu seinem Nachfolger an der Kölner Sporthochschule auserkoren worden. Das bedeutete auch, dass der Weltmeistertrainer ein besonderes Auge auf ihn warf. Man könnte auch sagen: Er schaute sehr genau hin. Und als eines Abends Weisweiler verbotenerweise eine Freundin mit auf die Stube brachte, zischte ihm Herberger am nächsten Morgen zu: "Bringen Sie Ihre Frauengeschichte in Ordnung!"

"Wenn der dich nicht mochte ..."

Die harte Hand der Führung übernahm Weisweiler gleich mit, als er später Herberger beerbte. Bundesliga-Coach Uwe Klimaschefski wusste da eine spezielle Geschichte zu erzählen: "Ein fantastischer Trainer, aber als Mensch unberechenbar. Wenn der dich nicht mochte, aus welchem Grund auch immer, dann hat er dich fertiggemacht. Gyula Lorant, einer aus der ungarischen Wundermannschaft von 1954 und später ein Weltklassetrainer, wagte es einmal, Hennes an der Taktiktafel zu korrigieren. Weisweiler hat Lorant daraufhin durch die Prüfung fallen lassen." Weisweilers Motto an der Sporthochschule: "Wir dürfen es im Fußball nicht so weit kommen lassen, dass die Praktiker aussterben. Mit einer Eins in Mathematik und einer weiteren Eins in Chemie, aber mit einer Fünf in Sport kann niemand Sportler ausbilden."

So konsequent und unnachgiebig er als Trainer sein konnte, so pointiert und lustig war er in seinen Anmerkungen: "Das Leben ist ja manchmal komisch. Ich habe schon Bekannte auf der Straße nicht gegrüßt, weil ich sie nicht erkannte; dafür grüßte ich Unbekannte, von denen ich annahm, ich müsse sie kennen. Ich hoffe nur, die Leute tauschen sich untereinander mal aus." Auch schön sein Satz über die "Herren Poeten" (Ernst Happel) von der Presse: "Manchem Journalisten möchte man mitunter zwar für seine Erscheinung, nicht aber unbedingt für sein Erscheinen danken."

Sonnenbrille bedeutet: Gefahr im Verzug

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Seine ersten drei Meistertitel gewann Weisweiler 1970, 1971 und 1975 mit Borussia Mönchengladbach.

(Foto: imago/WEREK)

Wolfgang Kleff kann stundenlang über seinen ehemaligen Trainer erzählen. Für die Spieler sei immer höchster Alarm gewesen, so der Ex-Gladbach-Keeper, wenn Weisweiler eine Sonnenbrille trug. Dann habe er zumeist schlechte Laune gehabt. Wahrscheinlich, weil er den Abend vorher wieder etwas zu tief ins Glas geschaut hatte. Weisweiler gab Udo Lattek für das Training am Morgen danach mal folgenden Tipp mit auf den Weg: "Wenn du auf den Platz rausgehst und die Mannschaft aufstellst, muss der Wind gegen die Spieler kommen, damit die dich nicht riechen können." Eines Tages hatte der Coach wieder einmal eine Sonnenbrille auf, so Kleff, doch um den Platz herum lag über einen Meter Schnee, es war kalt und diesig. Weisweiler trug eine kurze Hose. Als ihn ein Spieler vorsichtig auf seine unpassende Kleidung angesprochen habe, wäre er fuchsteufelswild geworden und hätte den Zeugwart zur Schnecke gemacht, was er ihm denn da für einen Unsinn rausgelegt hätte.

Zu Günter Netzer hätte der Weisweiler bekanntermaßen eine regelrechte Hassliebe gehabt, meint Kleff: "Wenn der Günter mal wieder seine Zerrung hatte, gab es verschiedene Versionen Weisweilers. ›Weißte was, fahr zwei Wochen nach Gran Canaria‹ hieß es, wenn Hennes den erneuten Versuch machte, ohne ihn auszukommen. Kaum dass der Günter weg war, da hat der Weisweiler uns heiß gemacht, als ginge es um alles. Wenn er aber den Netzer nötig hatte, hat er alles versucht, um den wieder gesundzusprechen." Weisweilers Lieblingsspieler Berti Vogts musste häufig zwischen ihm und Günter Netzer vermitteln. Das lief dann ungefähr folgendermaßen ab. Weisweiler: "Sagen Sie dem Langen, er spielt nicht!" Wenige Minuten später kam Vogts von Netzer zurück und übermittelte dem Trainer: "Sag dem Alten, er kann mich mal!"

Das "Trainer-Alt" mit mehr Inhalt

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Mit Berti Vogts kam Weisweiler hervorragend zurecht, mit Johan Cruyff eher weniger. Deswegen endete sein Job beim FC Barcelona auch bereits nach einer Saison.

(Foto: imago/Horstmüller)

I rgendwann im Jahr 1972 ging es dann mit den beiden nicht mehr weiter, wie Netzer in seiner ganz eigenen, immer sehr höflichen Art sagte: "Weisweiler ist der beste Trainer, den man sich wünschen kann. Aber wir kommen immer wieder an den Punkt, wo ein Arrangement nicht mehr möglich ist." Und so kam es am Ende der Spielzeit 1972/73 zum finalen und unvergesslichen Höhepunkt zwischen den beiden, als Netzer sich im Pokalfinale gegen den 1. FC Köln erst selbst einwechselte und dann auch noch das entscheidende Tor ins Netz der Kölner hämmerte.

Erstaunlich war nur, dass zuvor auch keine Versöhnungsbierchen mehr zwischen Netzer und Weisweiler geholfen hatten. Schließlich gab es bei den Gladbachern eine schöne Tradition zwischen dem Coach und seinen Profis. Im Trainingslager im Parkhotel Süchteln erlaubte Weisweiler seinen Spielern vor dem Zubettgehen stets noch ein Glas Bier. Weisweiler bestellte immer ein Alt. Ein besonderes. Denn während die Gläser der Spieler 0,2 Liter fassten, gingen in das Glas des legendären Übungsleiters 0,3 Liter hinein. Bis heute kann man im Parkhotel deshalb ein sogenanntes "Trainer-Alt" bestellen. Hennes Weisweiler starb am 5. Juli 1983 in Aesch bei Birmensdorf in der Schweiz. Heute wäre 100 Jahre alt geworden.

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Quelle: ntv.de