Fußball

Bremen erinnert sich an 2019 Schafft Werder ein zweites BVB-Wunder?

Werder Bremen will die Bundesliga-Tabelle für ein Spiel vergessen und mit einem Pokal-Erfolg über Borussia Dortmund die sportliche Kehrtwende einleiten. Ein Erfolg vor genau einem Jahr macht Hoffnung - Haaland, Sancho und Co. werden diese aber wohl schnell im Keim ersticken.

Ein kurzer Zahlenvergleich reicht eigentlich schon, um zu wissen, wie die Chancen stehen im DFB-Pokalachtelfinale zwischen Werder Bremen und Borussia Dortmund (20.45 Uhr/ARD und im Liveticker auf ntv.de): In den drei Spielen der Rückrunde der Fußball-Bundesliga schoss Dortmund 15 Tore und fuhr dabei die volle Punktzahl ein. Auf dem Tor-Konto von Bremen stehen magere zwei Treffer. Das muss man so kompliziert ausdrücken, denn die zwei Törchen haben die Grün-Weißen nicht einmal selbst erzielt, sondern die Gegner aus Düsseldorf und Augsburg. Überhaupt trafen die Werderaner in den vergangenen sieben Spielen nur ein einziges Mal selbst ins Netz. Kaum eine andere Profimannschaft in Deutschland ist derzeit so überragend in Form wie Dortmund, kaum eine andere schwächelt so sehr wie Bremen.

Man kann den David-gegen-Goliath-Vergleich auch an zwei Namen festmachen: Erling Haaland und Jadon Sancho. Der neue norwegische Star-Stürmer des BVB hat allein sieben Tore in der Rückrunde erzielt - und kam dabei sogar zweimal nur als Joker zum Einsatz. Wirbelwind Sancho kommt diese Saison auf zwölf Treffer und 13 Assists in 18 Spielen. Bei Werder liest sich die Sturm-Statistik ernüchternd: Claudio Pizarro, kein Tor, keine Vorlage; Johannes Eggestein, ein Tor, keine Vorlage; Josh Sargent, zwei Tore, zwei Vorlagen. Und diejenigen Offensivakteure, die in der Hinrunde noch konstanter trafen, Milot Rashica (sieben Tore) und Yuya Osako (vier Tore), sind außer Form oder verletzt (Niclas Füllkrug). Neuzugang Davie Selke überzeugte weder im ersten Spiel noch in den vergangenen Monaten bei Hertha BSC.

"Wir müssen leiden"

Aber die beiden Dortmunder Haaland und Sancho stehen vor allem für Bock auf Fußball. Wo dieser in Bremen abgeblieben ist, fragen sich Werder-Fans, -Verantwortliche und -Spieler unisono. Die Grün-Weißen treten derzeit meist auf wie verängstige und lustlose Schafe auf dem Osterdeich. Und wie Werders Wackelabwehr gegen diese Dortmunder torgierigen Jungspunde bestehen soll, wird Bremens Trainer Florian Kohfeldt bis zum Anpfiff Kopfschmerzen bereiten. "Wir werden auf dem Platz leiden müssen", prophezeite er. Bezüglich der vielen Ausnahmekönner im BVB-Kader fügte er an: "Es ist deutlich schwerer geworden, gegen sie in die Ballzirkulation zu kommen. Wir müssen gewisse Dinge in ihrem Spiel akzeptieren."

Klingt nach einer vorzeitigen Aufgabe Davids gegen Goliath, in Bremen glaub niemand so richtig an den Erfolg. "Wir sind der krasse Außenseiter", sagte Kohfeldt, "Dortmund ist derzeit in einem absoluten Flow. Wir nicht so." Man müsse probieren, "mutig zu spielen", so der Werder-Coach. Es sei auch mal "etwas Positives", wenn niemand etwas erwarte, fügte der Bremer Sportchef Frank Baumann an. Nur ganz dezent - wenn überhaupt - wagen die Werderaner also Hoffnung zu schüren.

Das war von genau einem Jahr anders, der Glaube verhalf der Elf von der Weser zu einem wichtigen Comeback-Triumph. Am 5. Februar 2019. lief die 108. Minute des Pokal-Achtelfinals und die strauchelnden Bremer lagen mit 1:2 bei der übermächtigen Borussia aus Dortmund hinten. Kevin Möhwald spielte einen halbgefährlichen Ball in Richtung Fünfmeterraum, Axel Witsel fälschte ab - und dann trat der eingesprungene Claudio Pizarro auf den Plan. Der damals 40-Jährige hüpfte wie ein Jungspund in den zur Flanke gewordenen Pass. Mit einer komplizierten Bewegung nahm er den Ball mit dem rechten Fuß gleichzeitig an und mit, drehte sich um die eigene Achse und den Torhüter. Noch bevor die Kugel den Boden berührte, streichelte der Peruaner sie - immer noch mit dem rechten Fuß - über die Linie zum 2:2.

Wann zerstört Haaland Werders Hoffnung?

Werder gewann mit 7:5 im Elfmeterschießen in Dortmund, zog in die Runde der letzten acht Mannschaften ein - und blieb nach dem Sieg in der Bundesliga in den nächsten neun Spielen ungeschlagen und sammelte dabei 19 Punkte. Das wirkt in der derzeitigen Situation schier unmöglich. Aber auch eine kleine Initialzündung hofft man im Norden vielleicht trotzdem: "Der Pokal gibt auch immer wieder die Möglichkeit, dass Mannschaften, die nicht so gut darstehen, ein Highlight setzen und sich behaupten", sagte Kohfeldt. "Ganz Deutschland erwartet einen souveränen Sieg der Dortmunder. Es geht aber darum, mutig zu sein und Dortmund zu ärgern. Und dann können wir auch Dinge aus diesem Spiel mitnehmen."

Kohfeldts Aussagen klingen aber, als würde schon die Abwendung einer Schmach für eine kleine Kehrtwende reichen. Angesichts der Form der Borussia ist das wohl eine realistische Einschätzung. Die Offensiv-Power um Haaland und Sancho kann derzeit niemand in Deutschland aufhalten, außer dem Ex-Bremer Thomas Delaney stehen Trainer Lucien Favre alle Spieler zu Verfügung. Sportdirektor Michael Zorc gab sich in der "Waz" dementsprechend Siegessicher: "Wir fahren dahin, um zu gewinnen." Auch Nationalspieler Emre Can könnte zu seiner ersten Partie für die Schwarz-Gelben kommen und das an akutem Selbstvertrauensmangel leidende Werder-Mittelfeld um Maximilian Eggestein, Davy Klaasen und Nuri Sahin vor gehörige Probleme stellen.

"Keiner muss die Bundesligatabelle im Kopf haben, die Anspannung in einem solchen K.-o.-Spiel ist eine ganz andere", hofft Kohfeldt daher nur ganz leise und zaghaft bei der Pressekonferenz. Einmal die elende Bundesligamisere vergessen, das wünschen sich die Spieler und Fans an der Weser. Bis Goliath Haaland zum ersten Mal trifft, könnte der Wunsch auch kurz in Erfüllung gehen.

Quelle: ntv.de