Fußball

Nicht nur Werner wieder in Form Schreiender Perfektionist beflügelt Chelsea

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Hat beim FC Chelsea in kurzer Zeit viel verändert: Thomas Tuchel.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Eine gewaltige Transferoffensive im Sommer soll den FC Chelsea wieder zur englischen Fußballmeisterschaft bringen. Die Erfolge bleiben aber aus. Nun steht Thomas Tuchel an der Seitenlinie und mischt mit einem deutschen Trio die "Blues" und die Liga auf.

Für einen Angreifer sind 1000 Minuten ohne Tor eine verdammt lange Zeit. Mit jeder frustrierenden Sekunde nimmt das Selbstvertrauen ab. Analysiert dann noch die teils unerbittliche britische Presse jede vergebene Chance und tauft den Stürmer "German Chancentod", ist es besonders hart. Als Timo Werner zum FC Chelsea kam, eilte ihm sein Ruf voraus. Die Erwartungen an den 24-Jährigen waren groß. Vielleicht zu groß. In seinen 25 Premier-League-Spielen traf er zu nur fünf Mal das Tor. Erst kürzlich gegen Newcastle United konnte Werner seine quälende 100-Tage-Flaute beenden.

In Werners torloser Zeit hat sich für Chelsea einiges verändert. Eine Saison, die im Sommer mit viel Euphorie begann, drohte im Winter im grauen tabellarischen Mittelmaß zu versinken. Nachdem die West-Londoner zwischenzeitlich auf Platz zehn abgerutscht waren, musste Mitte Januar Vereinsikone Frank Lampard als Trainer gehen. Seither hat der bei PSG geschasste Thomas Tuchel an der Stamford Bridge das Sagen. Mit 13 von 15 möglichen Punkten ist Chelsea seitdem die formstärkste Mannschaft der Premier League nach Josep Guardiolas Manchester City. Auch wenn die ganz große Generalprobe gegen eine Top-Sechs-Mannschaft noch fehlt.

Stabilität im Star-Ensemble

Unter Tuchel sind die Londoner bisher ungeschlagen und kassierten in sechs Partien lediglich ein einziges Gegentor. Das ist das Ergebnis seiner ersten Amtshandlung. Zuallererst stabilisierte der 47-Jährige die Defensive der Londoner. Die fehleranfällige Viererkette wurde von Tuchel auf eine Dreierkette umgestellt, die nun häufig Antonio Rüdiger zentral organisiert.

Der deutsche Nationalspieler erklärt in der "Sport Bild", wie sich das Spiel unter Tuchel verändert hat. Die Umstellung in der Abwehr "bedeutet nicht, dass wir damit nur defensiv denken". Mit hohem und aggressivem Pressing wird der Gegner in seiner Hälfte gehalten. Folglich werden gegnerische Mannschaften zu langen, hohen Bällen gezwungen. Das macht Rüdiger und Co. das Verteidigen deutlich einfacher: "Gerade in Luft-Duellen sind wir besonders stark."

Die Defensive war auch die Problemzone der West-Londoner. Ihre Stärke liegt in der Offensive. Chelsea galt im Sommer als eines der spannendsten Fußball-Projekte Europas. Klubinhaber Roman Abramowitsch setzte (mal wieder) zur großen Transferoffensive an. Trotz Pandemie wurden 250 Millionen Euro in den Kader investiert. Ziel war es, den inzwischen gewaltig gewordenen Abstand zu den Liverpools und Man Citys der Liga zu verkürzen und an vergangene (Meister-)Jahre anzuknüpfen.

So konnte Tuchels Vorgänger Lampard mit einer der talentiertesten Offensivreihen Europas arbeiten. Neben den Deutschen Kai Havertz und Werner wurden auch Linksverteidiger Ben Chilwell (50,2 Mio. Euro) und Flügelstürmer Hakim Ziyech für 40 Mio. Euro gekauft, auf den auch die Bayern ein Blick geworfen hatten.

Zusätzlich zu den Neuankömmlingen sind da aber noch die (Jung-)Profis mit einem immensen Potenzial, die schon vorher an der Stamford Bridge waren. Mit dem 20-jährigen Callum Hudson-Odoi, dem 23-jährigen Mittelstürmer Tammy Abraham und dem 22-jährigen Mason Mount spielt dort bereits die Zukunft der "Three Lions". Der 24-jährige Werner wirkt dagegen fast schon alt. Auch ein talentierter alter BVB-Bekannter Tuchels, Christian Pulisic, gehört zum Kader.

Taktisch hat der Neu-Coach nun in der Offensive ein paar Dinge verändert. Anders als Lampard beharrt er nicht auf einer festen 4-3-3-Grundformation, sondern schafft mit seiner defensiven Dreierkette mehr Möglichkeiten im Angriff. Die Folge: Die "Blues" sind unter Tuchel deutlich unberechenbarer geworden. Mount, ein Lieblingsspieler von Ex-Trainer Lampard, lobte nach dem 1:0-Erfolg über Mourinhos Tottenham, dass sie im Training viele Formationen einstudieren und so kein Gegner wisse, mit was er es zu tun bekommt.

Zwischen Detailverliebtheit und Brüllen

Zudem scheint das deutsche Trio unter dem 47-Jährigen so langsam aufzublühen. Werner agiert wieder zentraler, kann seine Geschwindigkeit dadurch mehr ausspielen und hat seine besagte Torflaute beendet. Der etwas jüngere Havertz wird wohl noch Anlaufzeit brauchen. Tuchel ist sich aber sicher, dass der Nationalspieler noch "voll einschlagen wird". Zuletzt spielte er bei Lampard unregelmäßig, unter Tuchel ist er verletzt gewesen. Auch Rüdiger hat sich von seinen Wechselabsichten verabschiedet.

"Es ist kein Geheimnis, dass es Gespräche mit PSG gab", erzählt der 27-Jährige der "Sport Bild". Bei Chelsea ausgemustert, fürchtete er um seinen Platz bei der Nationalmannschaft. Ausgerechnet Tuchel wollte ihn nach Paris locken. Jetzt arbeiten sie stattdessen in London zusammen. Ein Gewinn für beide und durch die neugewonnene Führungsrolle auch für Bundestrainer Joachim Löw.

Die Tuchel-Elf marschiert in der Tabelle munter weiter nach oben und hat immerhin schon den Vorjahresmeister Liverpool von Jürgen Klopp überholt, der von Platz sechs aus um Europa kämpft. Erstmals seit November steht Chelsea damit wieder auf einem der Champions-League-Plätze. Der Rückstand auf Spitzenreiter City liegt aber immer noch bei 14 Punkten.

Wie der Ex-PSG-Trainer das so schnell geschafft hat? "Wer Tuchel kennt, der weiß: Er ist ein Mann, der nichts dem Zufall überlässt", holt Rüdiger in der "Sport Bild" aus: "Er arbeitet sehr detailliert, Tuchel ist ein Taktik-Fuchs. Das hat er uns vermittelt, obwohl wir nur wenig Zeit und nur ein paar Meetings hatten." Beim torlosen Timo Werner musste ein anderes, viel simpleres Mittel her: "Es hat mir geholfen, dass mich jemand auf Deutsch anschreien kann", sagte der Stürmer.

Quelle: ntv.de