Fußball

Nils Petersen im Interview "Süchtig nach Toren, Siegen und Spielen"

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Seit 2015 spielt Nils Petersen schon für Freiburg.

(Foto: imago images/ULMER Pressebildagentur)

Nils Petersen genießt beim SC Freiburg Legendenstatus. Mit 94 Toren in 205 wettbewerbsübergreifenden Einsätzen ist er Rekordtorjäger des Fußball-Bundesligisten. Im Interview spricht der 32-Jährige über seine Zukunft, die Europa-Ambitionen des Klubs - und erzählt, was er an Max Kruse mag.

Herr Petersen, erst einmal Glückwunsch zum Klassenerhalt, das kann man bei 34 Punkten und sagenhaften 13 Punkten Abstand zum Relegationsrang doch so sagen, oder?

Nils Petersen: Es ist immer schwierig, das so früh zu bestätigen. Aber man sollte andererseits auch nicht übertreiben: es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn da noch etwas anbrennt. Erst wenn es endgültig ist, kann man es aber wirklich annehmen, denn es ist schon so viel passiert im Fußball. Andererseits: wenn wir uns das noch wegnehmen lassen würden, hätten wir es auch richtig verdient.

Der SC Freiburg steht derzeit auf Rang neun, vor Werder, Gladbach, Köln … Wohin geht der Weg? Was ist noch drin?

Es macht schon Spaß, diese Tabellenkonstellation zu erleben und in der ersten Tabellenhälfte dabei zu sein. Wir hatten ja auch schon eine andere Phase mit acht Punkten nach zehn Spielen, wo wir ausschließlich nach hinten geguckt haben und die letzten drei Plätze ganz genau im Blick hatten. Daher ist es im Moment schön und es macht uns auch stolz, Mannschaften wie Gladbach hinter uns zu lassen, weil es nicht selbstverständlich ist. Mit den letzten beiden Niederlagen sind wir natürlich unzufrieden, auf der anderen Seite wissen wir die 34 Punkte, die wir haben, zu schätzen. Diese würden sich andere Teams, die nicht viel schlechter sind als wir, aber sie nicht haben, sicher wünschen.

Sie haben vor der Saison einige wichtige Stützen verloren - Alexander Schwolow, Robin Koch, Luca Waldschmidt - wie haben sie es hinbekommen, trotzdem so souverän dazustehen?

Zur Person

Nils Petersen (*1988) steht seit 2015 beim SC Freiburg unter Vertrag. Er begann seine Karriere bei Germania Halberstadt, spielte für Carl Zeiss Jena und Energie Cottbus, ehe er 2011 zum FC Bayern wechselte. Richtig durchsetzen konnte sich Petersen dort nicht, war an Werder Bremen ausgeliehen, bevor er 2013 ganz an die Weser wechselte. Er absolvierte zwei Länderspiele, mit dem U21-Team gewann er 2016 die Olympische Silbermedaille.

Wir hatten erst einen schwierigen Start. Da wurde auch über die fehlenden Spieler diskutiert. Man muss aber bedenken, dass zum Beispiel mit Baptiste Santamaria und Ermedin Demirovic Spieler zu uns kamen, die noch nicht die allergrößte Bundesliga-Erfahrung hatten und sich daher erst einmal eingewöhnen mussten. Von Spiel zu Spiel, von Woche zu Woche wurde es in Richtung der Mitte der ersten Halbserie besser. Wir haben uns mehr auf die Basics konzentriert und durch Erfolgserlebnisse kam es auch zum Wendepunkt.

Ich erinnere mich an das Spiel gegen Mainz, wo gar nichts ging, aber dann kam die Partie in Augsburg, bei der wir den Schalter umgelegt haben. Wir haben insgesamt mehr Mentalität an den Tag gelegt und dem Gegner gezeigt, dass es gegen uns nicht leicht wird. Und dann kamen diese fünf Siege am Stück. Und so schön auch mal Unentschieden sind, solch eine Serie bringt einen natürlich brutal nach vorn, sie katapultiert einen in eine andere Tabellensphäre. Das war schön. Davon zehren wir noch ein bisschen. Fußballerisch haben wir noch viel Potenzial nach oben. Aber das ist bei aller Kritik auch gut zu wissen. Wir sind uns bewusst, dass wir noch nicht am Limit spielen und noch besser werden können.

Die UEFA Europa Conference League, die man über Platz sechs der Liga erreichen kann, wäre doch noch was? Oder sehen Sie das wie Max Kruse, der keine Lust darauf hat und sagte, dass er den neuen Wettbewerb sowieso nicht kennt?

Wenn man international etwas mitnehmen kann, nimmt man alles mit. Gerade so ein Verein wie wir, der junge Talente verpflichten möchte, hat natürlich noch bessere Argumente, wenn er international vertreten ist. Da kann man dann auch zeigen, dass wir nicht nur ein beständiger Bundesliga-Klub sind, sondern auch mal international anklopfen. Das ist schon interessant. Ich kenne diesen Wettbewerb aber auch noch nicht genau. Ich musste ein bisschen schmunzeln, als Max das gesagt hat. Er ist auch einfach jemand, der sagt, was er denkt. Da ist er ganz ehrlich. Und das finde ich auch gut. Aber Max hat ja auch schon ein paar mehr internationale Spiele auf dem Buckel als ich oder wir. Daher kann er das auch eher so sagen.

Sie haben schon sieben Tore erzielt, mal als Joker, mal von Beginn an. Zuletzt hakte es aber ein bisschen mit weiteren Treffern. Was ist der Grund? Welche Rolle spielte die Teamleistung?

Ich schaue erstmal nur auf mich. In Bremen hatte ich zum Beispiel eine gute Torchance, da war ein bisschen Unvermögen im Spiel. Ansonsten bin ich nicht so oft in die Abschlussposition gekommen. Deswegen schaue ich, wo ich mich verbessern kann, wie ich mich in der Box verhalten kann, um wieder mehr Bälle magnetisch anzuziehen, um wieder in die Position zu kommen. Außerdem versuche ich, wieder mehr Bezug zum Spiel zu bekommen. Nicht nur, dass ich wegen meiner Tore wieder gefragt bin beim Trainer, sondern dass ich mich wieder besser verhalte gegen den Ball und allem, was dazugehört, um ein Mehrwert für die Mannschaft zu sein. Die letzten Spiele, bei denen wir nicht so gut in den Strafraum kamen, muss dann wenigstens die Präsenz da sein. Und da habe ich noch Potenzial nach oben.

Durch Corona hat sich auch im Fußball viel verändert. Die Fans fehlen und damit auch ein gewisser Druck. Positiv wie negativ. Sie haben vor Kurzem gesagt, dass sie Wettkampf-Spannung zu großen Teilen nun selbst erzeugen müssen, im Kopf. Fällt Ihnen das leichter als zum Beispiel den Teams, die tief unten drin stehen?

Das kommt auch immer etwas aufs Publikum an. Es gibt Vereine, da ist das Publikum zum Beispiel etwas unruhiger, wenn es nicht gut läuft. Da kann es auch ein angenehmeres Spielen sein ohne Zuschauer. Aber ist es auch spannend zu beobachten, dass Mannschaften wie Union Berlin ihre Spiele gewinnen, obwohl immer gesagt wurde, dass sie nur von ihren Fans leben. Auch bei uns war es ja so, dass gegnerische Teams ungern zu uns kamen, weil unsere Zuschauer unser Stadion in eine Festung verwandelten. Trotzdem stehen wir derzeit tabellarisch gut da. So sehr ich die Fans vermisse, so sehr freue ich mich auch darüber.

Wer weiß, vielleicht kommen die Fans dann in der neuen Saison ja passend zur UEFA Europa Conference League wieder?

Ja, das wäre natürlich ein schönes Event. Dann noch im neuen Stadion (schmunzelt). Wir würden die Fans jedenfalls wieder euphorisch in Empfang nehmen.

Wenn die Zuschauer irgendwann zurückkehren, wie wird das für Sie sein?

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Das Selbstverständnis vor sehr vielen Menschen zu spielen, das ich in den letzten Jahren vor der Corona-Pandemie hatte, ist ja jetzt erstmal weg. Als wir gegen Ende September gegen Wolfsburg vor 3000 Zuschauern gespielt haben, hatte ich auf einmal richtig Gänsehaut. Wie ist das wohl erst wieder, wenn dann 30.000 oder 40.000 da sind? Wenn ich von zu Hause aus losfahre und merke, der ganze Strom bewegt sich bergab Richtung Stadion ... Da treffen sich dann wieder Familien und Freunde, die den ganzen Tag herschenken, um uns anzufeuern. Das gibt dann nochmal mehr Kraft, dass man merkt, wofür man das eigentlich macht. Auf der einen Seite ist das alles natürlich unser Job, wir wollen damit Geld verdienen, erfolgreich sein und uns selbst damit pushen, aber auf der anderen Seite ist das Schönste an unserem Beruf zu merken: die Mädels und Jungs sind glücklich, weil wir gewonnen haben. Montags auf der Arbeit ist gute Stimmung, weil der SC gewonnen hat. Das ist schon cool. Das können nicht viele von sich behaupten, dass man für die Launen der Leute verantwortlich ist.

Sie sind vor Kurzem 32 geworden. Ihr Vertrag läuft noch bis Sommer 2022. Hängen Sie noch ein Jahr beim SC Freiburg dran? Oder wie geht es für sie weiter, weiß man da schon was?

Nein, das weiß man noch nicht. Klar, ich bin 33,5, wenn der Vertrag ausläuft und ich bin Realist. Ich will selbst wissen und spüren, dass ich noch das Niveau habe für diese Liga und diese Mannschaft und merken, dass ich der Mannschaft noch helfen kann. Ich würde nicht verlängern, um zu sagen, ich verdiene noch ein weiteres Jahr Geld. Darum geht es mir nicht. Ich will Erfolg haben. Man ist ja süchtig nach Toren, nach Siegen und auch nach Spielen. Und wenn ich merke, es reicht nicht so ganz, dann versuche ich am Finger zu ziehen und noch mehr zu machen. Aber wenn ich merke, es reicht gar nicht mehr, dann bin ich der Letzte, der nicht ehrlich wäre. Aber ich hoffe, dass ich noch lange das Niveau habe, diesen Traumberuf ausüben zu können.

Wollen Sie denn in der Bundesliga aufhören, egal wann das nun genau sein sollte, oder können Sie sich auch vorstellen, noch einmal den Gang zum Beispiel in die 3. Liga anzutreten zum Abschluss?

Witzigerweise habe ich ja immer noch kein Drittliga-Tor, obwohl ich dort 17 Spiele gemacht habe. Das wäre ja auch noch eine Chance (lacht). Aber der SC Freiburg II steigt ja vielleicht auch auf, dann könnte ich auch noch 3. Liga spielen. Aber im Ernst: Ich liebe den Fußball zu sehr, um jetzt seriös sagen zu können, dass ich nach meiner Bundesliga-Zeit sicher aufhöre. Schließlich gibt es auch unterhalb der Bundesliga tollen Fußball und volle Stadien. Wenn ich da an meine Heimat denke: Magdeburg, Halle, dazu meine Ex-Vereine Jena und Cottbus. Man soll niemals nie sagen. Die Tür möchte ich mir auch nicht verschließen.

Sie sind einer von elf Stars im Team von Maik Franz beim Arche-Cup 2021. Wie sind Sie dazu gekommen?

Der Arche-Cup 2021

88 Fußball-Stars haben sich unter Federführung der Initiatoren Maik Franz und Sami Allagui zusammengetan, um Geld für benachteiligte Kinder zu sammeln. Hierzu haben Franz und Allagui ein Klick-Turnier aus dem Boden gestampft, das seinesgleichen sucht. Acht Teams, jeweils gespickt mit elf Stars - wie Neymar, Manuel Neuer, Mesut Özil, Xavi und vielen anderen - treten wie bei einer Fußball-WM in einem K.-o.-System gegeneinander an und sammeln Klicks für den guten Zweck.

Die Erlöse aus dem Turnier kommen der Arche zugute, die sich gegen Kinderarmut und soziale Benachteiligung in Deutschland, Polen und der Schweiz engagiert.

Maik hat mich kontaktiert. Wir sind uns vor vielen Jahren bei Germania Halberstadt begegnet, für die wir ja beide gespielt haben und haben uns auch später auf Benefizveranstaltungen getroffen. Auch zum FC Magdeburg habe ich einen Bezug. Wir kennen uns schon länger.

Ihr Arche-Cup-Team ist ja gespickt mit einigen Hochkarätern, zum Beispiel Neymar …

Oh, das wusste ich noch gar nicht, dass er dabei ist. Maik und ich haben vor ein paar Tagen telefoniert, da stand das noch nicht fest. Wir haben tatsächlich einige Namen, die vorzeigbar sind.

Welches Trikot lassen Sie versteigern?

Das mache ich mit Maik noch genauer aus. Ich habe ihm aber schon ein schwarzes aus dieser Saison geschickt, weil es mein Lieblingstrikot ist. Aber man könnte ja auch noch ein Spezialtrikot auspacken für diese Aktion. Wenn ich jetzt die Namen so höre, die mitmachen, dann ändere ich das vielleicht nochmal (lacht).

Wie intensiv sind Sie denn auf Social Media unterwegs?

In der Hinsicht bin ich Mitläufer. Ich habe soziale Kanäle, bin bei Instagram und Facebook, aber ich verbringe nicht den ganzen Tag am Handy, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Aber ich hab's und benutze es auch.

Mit Nils Petersen sprach Chris Rohdenburg

Quelle: ntv.de, sport.de

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