Fußball

Rummenigge im Interview "Superliga wäre keine gute Entscheidung"

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Karl-Heinz Rummenigge sagt, er sei kein Freund der Setzliste.

(Foto: dpa)

Wenn es nach der Vorstellung von Karl-Heinz Rummenigge geht, soll es für die kommenden Jahre in der Champions League keine Veränderungen geben. Ein Vierteljahr nachdem die Reform für den Zyklus 2018 bis 2021 beschlossen worden ist, wird schon an die Jahre 2021 bis 2024 gedacht. Als Vorsitzender der Europäischen Club-Vereinigung (ECA) empfiehlt Rummenigge, den eingeschlagenen Weg für drei weitere Jahre fortzuführen. Darüber hinaus spricht der 61-Jährige im Interview über die Superliga, eine Setzliste, die Kritik an der Reform - und er hat eine Empfehlung für RB Leipzig.

Zur Person: Karl-Heinz Rummenigge
  • Karl-Heinz Rummenigge ist Vorsitzender der Europäischen Club-Vereinigung (ECA).
  • Der 61-Jährige leitet als Vorstandsvorsitzender auch den FC Bayern München.
  • In den 80er Jahren galt der gebürtige Lippstädter als einer der besten Spieler der Welt.
  • Mit der DFB-Auswahl wurde er 1980 Europameister.
  • In 310 Bundesliga-Spielen für den FC Bayern München (1974 - 1984) erzielte der Stürmer 162 Tore und liegt damit auf Rang elf der ewigen Torschützenliste.

Welche Reform-Ideen gibt es für den Zyklus 2021 bis 2024?
Karl-Heinz Rummenigge: Es wird natürlich innerhalb der europäischen Fußballfamilie diskutiert. Ich bin der Meinung, dass es sinnvoll wäre, die Champions League nach der Reform für 2018 bis 2021 einen weiteren Zyklus in diesem Format spielen zu lassen. Ich bin kein großer Freund davon, Dinge zu verändern, nur damit etwas verändert wird. Ich bin total überzeugt, dass das, was für 2018 bis 2021 als Reform verändert wurde, die Champions League besser und emotionaler machen wird. Aber wir werden das in einem demokratischen Prozess entscheiden.

Wie bewerten Sie mit ein paar Monaten Abstand die Reform für den Zyklus 2018 bis 2021?
Wir hatten vor kurzem ein ECA-Vorstandsmeeting in Madrid, bei dem uns die Uefa eine Studie vorgestellt hat, in der das ganze Thema noch einmal untersucht und mit Zahlen belegt wird. Diese Studie belegt faktisch, dass es eine absolut positive Reform ist. Es gibt mehr Geld für alle und das Teilnehmerfeld von 32 Startern ist erhalten geblieben. Es ist nach wie vor für jeden Meister aus Europa möglich, an der Champions League teilzunehmen, was vor allem für die kleinen Verbände wichtig war. Die Studie belegt außerdem, dass die größten Profiteure nicht Real Madrid, der FC Barcelona oder Bayern München sind.

Wer sind denn dann die Profiteure?
Die größten Profiteure sind eher Klubs aus dem Mittelfeld, aus Ländern mit weniger hohen TV-Einnahmen, wie Celtic Glasgow oder Ludogorets Razgrad. Grund hierfür ist die Tatsache, dass der Marketpool bei der Einnahmenverteilung nicht mehr zu 40 Prozent ins Gewicht fällt, sondern in der Champions League nur noch zu 15 Prozent und in der Europa League nur noch zu 25 Prozent. Das heißt, dass Klubs aus Ländern mit hohen TV-Einnahmen, wie beispielsweise die Engländer, diese TV-Einnahmen nicht mehr zu 40 Prozent selber erhalten, sondern nur noch zu 15 oder zu 25 Prozent, der Rest wird nach Leistung unter allen Teilnehmern verteilt.

Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, die Reichen werden durch die Reform immer reicher und die Armen ärmer?
Das ist faktisch falsch und polemisch. Die Geschwindigkeit der Entscheidung ist kritisch gesehen worden, die EPFL (der Verband europäischer Fußball-Profiligen) zeigte sich ein bisschen irritiert, dass sie trotz Versprechen der Uefa nicht sehr stark eingebunden war. Aber man muss auch korrekterweise sagen, dass es kein Liga-Thema, sondern ein Klub-Thema ist, denn die Klubs spielen in der Champions League.

Karl-Heinz Rummenigge

"Die größten Profiteure sind eher Klubs aus dem Mittelfeld, aus Ländern mit weniger hohen TV-Einnahmen, wie Celtic Glasgow oder Ludogorets Razgrad", sagt Rummenigge.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Unabhängig von Änderungen wird der Status quo aber mehr und mehr zementiert...
Das alte Format hatte ein ganz großes Problem. Kein finanzielles, aber ein sportliches. Nach dem vierten, spätestens nach dem fünften Spieltag steht fest, wer Gruppenerster und Gruppenzweiter wird. Manchmal geht es in einigen Gruppen noch darum, wer qualifiziert sich für die Europa League und wer scheidet aus, mehr Spannung ist meistens nicht mehr gegeben. Das Zuschauerinteresse wurde dann geringer. Dann ist es doch klar, dass bei der Uefa die Roten Lampen angehen. Man muss dann reagieren, um das Interesse am Wettbewerb hochzuhalten. Was man mit kleinen Änderungen reguliert hat, waren im Nachhinein gute Entscheidungen. Alle Meister können sich weiterhin qualifizieren. Aber es ist auch klar, dass die Klubs der Big-Five-Ligen, wozu glücklicherweise auch die Bundesliga zählt, ein höheres Interesse in der Fußball-Welt hervorrufen als das vielleicht beim Meister aus einem kleinen Verband der Fall ist. Dem wird mit vier fixen Startern aus den vier besten Verbänden Rechnung getragen.

Welche Reformideen gibt es für den neuen Zyklus, für 2021 bis 2024?
Es gibt innerhalb der Klubs unterschiedliche Standpunkte: Reduzieren auf 24 Teilnehmer in der Champions League, erhöhen auf 48. Man kann sich leicht vorstellen, wer für 48 ist und wer 24 präferiert. Wenn man diese zwei gegensätzlichen Initiativen sieht, dann wäre der logische Kompromiss, bei 32 zu bleiben. Was die Geldverteilung betrifft, würde ich empfehlen, für den nächsten Zyklus jetzt noch keine Entscheidung zu fällen, weil wir noch gar nicht wissen, was auf dem Tisch liegt, was es zu verteilen gibt.

Was erwarten Sie bei den Einnahmen?
Ich habe es bisher noch nicht erlebt, dass die Einnahmen gefallen sind. Aber man kann dazu heute auch keine seriöse Prognose abgeben.

Müsste der FC Bayern nicht auch zu dem Lager der Klubs zählen, die lieber 24 Teilnehmer an der Champions League hätten?
Ich habe mich klar zum Status Quo mit 32 Teilnehmern bekannt. 48 - ich bin kein Freund der Quantität, das ist bei Welt- und Europameisterschaften zumindest in Deutschland auch zu recht negativ gesehen worden. Aber ich verstehe auch die mittleren und kleineren Klubs, die nicht noch weniger Startplätze haben wollen. Deshalb finde ich 32 weiter sinnvoll.

Aleksander Ceferin

Präsident Aleksander Ceferin soll für mehr Stabilität bei der Uefa sorgen.

(Foto: Martial Trezzini/KEYSTONE/dpa)

Was könnte für den Zyklus 2021 bis 2024 noch zum Thema werden?
Es ist der Wunsch der Uefa mit Präsident Aleksander Ceferin, Stabilität in die europäische Fußballfamilie zu bringen. Für die Uefa ist die Gewissheit wichtig, dass das Thema einer europäischen Superliga damit vom Tisch wäre. Ich mache da keinen Hehl draus: Ich bin kein Freund der Superliga. Das wäre vielleicht ein großes Geschäft für die großen Klubs, aber ich glaube nicht, dass es eine gute Entscheidung für den europäischen Fußball wäre. Wir haben jetzt eine Situation im Fußball, in der man miteinander harmonisch und loyal umgeht und in der alle ganz gut leben. Ich empfehle, so etwas nicht in Frage zu stellen.

Glauben Sie, dass das Thema Superliga wieder auf den Tisch kommt?
Ich glaube, wenn die Klubs der ECA mit der Uefa eine gemeinsame Linie finden, wird das nicht der Fall sein. Dann wird es die Superliga nicht geben. Ich habe den Eindruck, dass speziell die großen Klubs mit diesem Thema sehr verantwortungsvoll umgehen.

Wie ist es aus ECA-Sicht um die Europa League bestellt?
Es ist mir ein besonderer Wunsch, die Europa League, die sich gut entwickelt hat, in den nächsten Zyklen so weiter zu entwickeln, dass sie von der Qualität und von den Einnahmen noch ein Stück näher an die Champions League herankommt. Das wird schwierig, aber wenn alle in Europa gemeinsam daran arbeiten, gibt es die Chance, dass das gelingen kann.

Aber dazu müsste man der Champions League Geld wegnehmen...
Die Champions League leistet ja schon hohe Solidaritätszahlungen an die Europa League, diese wurden ja nun nochmal um einen dreistelligen Millionenbetrag erhöht. Die Solidaritätszahlungen zu Gunsten der Europa League waren nie höher als heute, Sie sind in den letzten Jahren um starke 224 Prozent gestiegen. Es gibt immer den Willen der Solidarität und den gilt es auch aufrechtzuerhalten. Es muss am Ende des Tages aber auch so sein, dass die, die viel leisten, auch dementsprechend partizipieren. In diesem Spannungsfeld lebt man sowohl im Fußball als auch in der Gesellschaft ganz allgemein.

Wie könnte man die Europa League voranbringen? Durch eine Reduzierung des Teilnehmerfeldes von aktuell 48 Teams?
Ich würde nicht empfehlen, das Starterfeld zu verkleinern, aber man sollte Mittel finden, um die Europa League noch attraktiver zu gestalten. Der Sieger der Europa League ist ja seit neuestem für die Teilnahme zur darauffolgenden Champions-League-Saison qualifiziert. Vielleicht kann man noch weitere Reize schaffen, beispielsweise, dass auch der Zweite oder vielleicht der Dritte noch in die Champions League dürfen. Mit Anreizen für die Klubs steigt auch die Qualität des Wettbewerbs - und damit steigen auch die Einnahmen. Das muss ein Ziel von Uefa und ECA sein. Man muss die Europa League aufpeppen, entwickeln und auf ein höheres Niveau stellen.

Der FC Bayern trifft im Champions-League-Viertelfinale auf Real. Vor einem Jahr haben Sie mal über eine Setzliste gesprochen. Wäre das wieder so ein Fall, wo Sie eine solche Setzliste befürworten würden? Ist das ein Thema für 2021 bis 2024?
Als ich vor einem Jahr davon gesprochen habe, habe ich bedauert, dass mit Juventus Turin eine der besten Mannschaften Europas gegen uns sehr früh im Achtelfinale ausgeschieden ist. Uns hätte es angesichts des 0:2-Rückstands (am Ende gewann Bayern 4:2) auch treffen können. Da habe ich ein Stück Mitgefühl mit Juventus. Ich bin heute kein Freund der Setzliste. Aber der Fußball ist die einzige Sportart, bei der es keine Setzliste gibt. Offensichtlich ist es im Fußball anders als beim Eishockey oder Tennis auch nicht gewünscht, man will diesen Thrill haben, dass Real Madrid gegen den FC Barcelona oder Bayern München gegen Borussia Dortmund im Viertelfinale aufeinandertreffen können. Das ist möglicherweise nicht das Beste für die Klubs, aber der Zuschauer will diesen Nervenkitzel haben.

Sie haben wiederholt Anpassungen des Fußballkalenders gefordert. Wie sind da die Signale?
Es gab vergangene Woche eine Sitzung bei der Fifa zu Klub-Angelegenheiten und da ist unter anderem über einen Vorschlag der ECA diskutiert worden. Wir befürworten eine Arbeitsgruppe innerhalb der Fifa, die sich mit dem Kalender intensiv auseinandersetzt. Wir Klubs wollen keinen Vorteil, aber die Belastung der Spieler ist uns ein Anliegen. Unsere Spieler haben fast 70 Spiele pro Jahr und ich glaube es ist der Zeitpunkt gekommen, dass wir einfach Ruhepausen und Zeit für Regeneration für die Spieler schaffen müssen. Alle klagen immer mehr über Verletzungen und die Spieler werden immer mehr ausgepresst. Dem muss auch die Fifa Rechnung tragen. Die Spieler müssen mal wieder zum Atmen kommen. Ein Ansatz wäre, dass man aus den vier Fifa-Abstellfenstern vielleicht nur noch zwei Fenster macht und dort dann jeweils vier Spiele absolviert. Das hätte für die Trainer der Nationalmannschaften zudem den Vorteil, dass sie die Spieler länger am Stück bei sich haben und auch einmal taktische Dinge einstudieren können. Am Ende des Tages könnte es ein Vorteil für alle sein.

Wie sehen Sie als ECA-Vorsitzender den Fall von Red Bull Salzburg und RB Leipzig, die beide von Red Bull unterstützt werden. Könnten beide Klubs im Falle einer Qualifikation in der Champions League spielen, was ja rege diskutiert wurde?
Eine Mannschaft hat ja eine ganze Saison dafür gekämpft. Das wäre ja schon fatal und würde ich sehr bedauern. Ich würde Leipzig empfehlen, schon jetzt im Vorfeld mit der Uefa die Dinge statutarisch zu besprechen. So findet man hoffentlich eine Lösung des Problems.

Mit Karl-Heinz Rummenigge sprach Christian Kunz (dpa)

Quelle: ntv.de

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