Fußball

Der Spielabbruch wird so zur Mär Traut euch endlich!

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Gemeinsam setzten die Bayern und die Hoffenheimer ein starkes Zeichen gegen den Hass einiger Fans.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Die Fußballer des FC Bayern und der TSG Hoffenheim vereinbaren einen Nichtangriffspakt. Sie setzen ein Zeichen gegen den Hass, der sich gegen Mäzen Dietmar Hopp richtet. Es ist ein starkes Zeichen, aber eben auch nur eine Sicherheitsvariante. Das ist fatal.

Sie wollten nicht über Fußball reden. Sie taten es aber doch. Sie sprachen nämlich auch davon, wie stark ihre Leistung gewesen sei. Und dass die Aktion der Fans ihnen einiges kaputt gemacht habe. All das, was die Spieler und Verantwortlichen des FC Bayern nach dem Fan-Skandal von Sinsheim sagten, stimmt. Sie stellten sich in bemerkenswerter Klarheit gegen die unsäglichen Beleidigungen aus dem Münchner Block gegen Mäzen Dietmar Hopp, der in sehr vielen Fanszenen zur Hassfigur geworden ist. Nicht unbedingt als Mensch, sondern als Symbol für den Kommerz, der den Sport immer mehr bestimmt. Die Fußballer des FC Bayern und der TSG Hoffenheim, deren Aufstieg und Erfolg nur durch Hopps starkes Investment möglich war, setzten ein einmaliges Zeichen in der Bundesliga, daddelten das Spiel per Nichtangriffspakt zu Ende.

Dafür gab es Applaus. Dafür gab es Anerkennung. Und wer wäre man, würde man in den Tenor jener nicht mit einstimmen, das Übernehmen von, ja, auch gesellschaftspolitischer Verantwortung der Spieler zu loben. So etwas hatte es, was der eigentlich noch viel größere Skandal ist, noch nie gegeben. Nicht bei Fadenkreuz-Plakaten gegen Hopp. Nicht bei rassistischen Anfeindungen, die in vielen deutschen Stadien nach wie vor einen festen Platz haben.

Aber sind wir mal ehrlich: Der sportliche Nichtangriffspakt von Sinsheim, die aufrichtige - daran besteht absolut kein Zweifel - Ablehnung der stumpfen Diffamierung ist nicht mehr als eine Sicherheitsvariante. Ein Abbruch der Begegnung wäre die richtige Entscheidung gewesen. Nicht gemessen an den Regularien, da hat Schiedsrichter Christian Dingert alles richtig gemacht. Nein, gemessen an der Moral. Aber der Mut, die Moral an die erste Stelle zu heben, der fehlt. Und das ist ausdrücklich kein Vorwurf an den FC Bayern.

Was wäre denn passiert, wenn die Münchner vom Feld gegangen wären? Wenn sie das Spiel abgebrochen hätten? Hätte der DFB das Spiel mit 3:0 für Hoffenheim gewertet? Ja, vielleicht. Angesichts des in dieser Saison so engen Titelkampfs könnte so ein Urteil entscheidenden Einfluss haben. So haben sich auch die Herthaner aus Berlin beim von rassistischen Anfeindungen gegen Jordan Torunarigha überschatteten DFB-Pokalspiel beim FC Schalke 04 nicht für einen Spielabbruch entschieden. Als die Vorfälle bekannt wurden, führte das Team, damals noch von Jürgen Klinsmann betreut, mit 2:0. Wenn dann im Nachgang erklärt wird, dass man (die Spieler) bereit gewesen wäre, das Feld zu verlassen und das Spiel so zu beenden, dann ist das ehrenhaft und bestimmt auch ehrlich gemeint. Aber: WARUM macht es niemand?

Starke Zeichen gibt's, das stärkste fehlt

Die Antwort ist: Der Fußball wird maximal vom Kommerz geleitet. Das Geld bestimmt die Spielregeln. Und darin liegt auch die Krux der ganzen Sache. Während in der unerschöpflichen Profitgier alles zur Münze gemacht wird - wie zersplittet ist denn zum Beispiel bitte der TV-Markt? - hadern viele Fanszenen damit, dass ein erfolgreiches Abschneiden ihres Klubs zunehmend davon abhängig wird, ob sich ein Gönner findet, wie spendabel und wie zuverlässig er ist. Und das egal in welcher Liga. Natürlich darf man das kritisieren. Natürlich darf man das auch richtig sch... finden. Aber bei der Wahl der Mittel des Protests, diese Verantwortung liegt bei jedem Einzelnen, darf es keine maximale Hemmungslosigkeit geben. Von Maskierten gezeigte Fadenkreuz-Plakate gegen Hopp in Mönchengladbach, ein paar Tage nachdem ein Rechtsradikaler in Hanau neun ihm fremde Menschen, seine Mutter und sich selbst erschossen hatte? Das ist an Dummheit und an Verantwortungslosigkeit nicht zu überbieten. Und es ist leider kein Einzelfall.

An diesem Samstag richtete sich die Wut gleich in mehreren Stadien gegen Hopp. Wie die "FAZ" berichtet, waren beim Zweitliga-Spiel zwischen Darmstadt und Heidenheim Plakate zu sehen. In der Bundesliga wurde die Partie zwischen Borussia Dortmund und dem SC Freiburg unterbrochen. In Köln, wo der FC Schalke 04 zu Gast war, wurde die zweite Halbzeit wegen Schmähungen verspätet angepfiffen. Diese kollektive, offenbar ja abgesprochene Aktion der unterschiedlichen Fan-Gruppen gegen Hopp richtet sich im Grundsatz gegen die vom DFB wiedereingeführte Kollektivstrafe. So waren die Fans von Borussia Dortmund gerade aufgrund von Beleidigungen gegen den Mäzen mit einem Auswärtsbann belegt worden.

Beim Europa-League-Spiel in Frankfurt kam es während einer Schweigeminute für die Hanauer Opfer des Rechtsterrors zu Zwischenrufen. Was folgte war ein starkes Zeichen: 47.000 Menschen, zumindest die meisten von ihnen, brüllten "Nazis raus". Auch das Zeichen von Hoffenheim war sehr stark. Das stärkste allerdings war es nicht. Traut euch endlich! Und brecht ein Spiel ab. Sonst wird das Bekenntnis zur Farce.

Quelle: ntv.de