Fußball

Der BVB stolpert immer weiter Vielleicht lag es ja gar nicht an Favre

Kurz vor dem Jahreswechsel sollte alles besser werden bei Borussia Dortmund. Neuer Trainer, neues Glück, neuer Erfolg. Doch die Rechnung geht nicht auf, das Team hat sich aus dem Titelkampf in der Fußball-Bundesliga verabschiedet. Trainer Edin Terzic ist vielleicht doch kein neuer Klopp.

Julian Brandt war ein Matchwinner der Partie Bayer Leverkusen gegen Borussia Dortmund. Ausgerechnet bei seinem Ex-Klub erzielte der Offensivspieler nach 366 Tagen endlich mal wieder ein Tor. Es war das zum zwischenzeitlichen Ausgleich, als er aus etwa 20 Metern Entfernung einfach mal abzog und ins rechte Eck traf. Bayer-Keeper Lukas Hradecky war dran, aber machtlos. An der 1:2 (0:1)-Niederlage seines BVB konnte Brandt damit aber nichts ändern. Und er war eigentlich auch der einzige, den man auf schwarzgelber Seite lobend hervorheben konnte.

Das zeigt schon: Beim BVB liegt einiges im Argen. Es ist gar der Trainer selbst, der beim Fußball-Bundesligisten die Mentalitätsfrage stellt. "Qualität ist das Ergebnis von Talent plus Mentalität. Wir haben uns zu sehr auf das Talent verlassen und uns zu wenig gewehrt", sagte Edin Terzic. Der Auftritt seiner Mannschaft war - wieder einmal - enttäuschend. Neben zu wenig Gegenwehr und mangelnder Mentalität muss sie sich Weiteres vorwerfen lassen. "Der Auftritt heute war disziplinlos, herzlos und charakterlos", urteilte Ex-Profi Dietmar Hamann als Sky-Experte. "Das war mir über 90 Minuten zu wenig."

Zu wenig. Mal wieder. Deswegen ist die Borussia aus Dortmund nach der Hinrunde nur Vierter. Zehn Punkte fehlen bereits auf den FC Bayern. Sechs Niederlagen gab es in dieser Saison bereits - zu viele für einen Verein, der ein Dauerabo auf die Teilnahme an der Champions League haben will. Und auch jedes Jahr wieder (un)heimlich auf die Meisterschaft schielt. Die Mentalitäts-Frage, in Dortmund verhasst, sollte eigentlich geklärt sein. Dem so oft zaudernd wirkenden Lucien Favre hatten sie nicht mehr zugetraut, dem Kader die Gewinnermentalität zu vermitteln, die es für einen seriösen Angriff auf den vor Mentalität platzenden FC Bayern braucht.

Aufwärts geht es nicht

Mitte Dezember 2020 gab es deswegen einen Cut, nach der 1:5-Pleite gegen den VfB Stuttgart musste Lucien Favre gehen. Sein Co-Trainer wurde zum neuen Chef und soll bis zum Saisonende bleiben. Alles wird besser, lautete die einhellige Medien-Meinung. Vom eher lahmen Favre hin zum jungen Coach, der gar Züge von Jürgen Klopp hat. Das wollten zumindest wohlwollende Berichterstatter erkennen, mindestens an der Explosivität und dem Engagement an der Seitenlinie. Die Geschichte wäre ja auch zu schön, endlich ein zweiter Klopp. Dem Trainer, dem sie beim BVB noch immer nachweinen, an den einfach niemand herankommen kann. Auf der Beliebtheitsskala nicht, an Erfolgen gemessen schon erst recht nicht.

Zwar konnte die Terzic-Truppe gegen RB Leipzig siegen und damit einem gewichtigen Konkurrenten die Punkte klauen, aber so richtig aufwärts geht es nicht. Im Gegenteil, der BVB wankt im relativen Mittelmaß, nicht einmal gegen den 1. FSV Mainz 05, der mitten im Abstiegskampf steckt, gelang ein Sieg (1:1). "Wir haben uns zuletzt schwergetan, leichtfüßig zu spielen, Ideen zu entwickeln, kreativ zu sein. Als läge alles unter Mehltau begraben", hatte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke Anfang des Jahres dem "Kicker" gesagt. Noch haben die Dortmunder offenbar keine Schaufel gefunden.

Lag es also womöglich gar nicht an Favre? Aufwärts geht es mindestens gemessen an Punkten und Tabellenplätzen jedenfalls nicht, seitdem der Schweizer weg ist. Dabei hatten die Profis Terzic sogar schon wenige Tage nach dem Amtsantritt des Neu-Chefs gelobt: "Wir haben mehr Spirit auf dem Platz. Wir geben Gas, wir machen immer noch nicht alles richtig. Ohne Trainingseinheiten kann man nicht direkt alles rausbringen, was wir zuvor an Kinderkrankheiten im Spiel hatten", unterbrach Mats Hummels bei DAZN seine bemerkenswerte Tirade nach dem 1:2 gegen Union Berlin kurz für ein Trainerlob.

"Wir haben Fortschritte gemacht"

Roman Bürki sah später, nach einem kurzen Zwischenspurt in Liga und Pokal, viel Gutes: "Wir haben Fortschritte gemacht in den letzten Tagen und Wochen, was das System und das Positionsspiel angeht. Wir laufen nicht wild umher, sondern haben klare Aufgaben auf dem Platz. Jeder weiß, was er zu tun hat", verkündete der Torwart gegenüber der "WAZ". Man zeige wieder "guten Fußball. Man sieht, dass wir einen Plan haben." Gegen tiefstehende Gegner habe der BVB überdies "weniger Mühe". Das, was Bürki und Hummels diktierten, ist kaum verhohlene Kritik an Favre, der seinen hochveranlagten Stars all dies demnach nicht mitgeben konnte.

Und doch: Die so spielfreudige Offensive mit ihren ganzen Megatalenten kommt weiter nicht in Schwung. Marco Reus - am vergangenen Wochenende hatte er noch einen Elfmeter verschossen, - spielte gegen Leverkusen ab ins Nirgendwo, Erling Haaland kam nicht zur Entfaltung, Jadon Sanchos Motor stockt seit Längerem, auch die Euphorie um Jude Bellingham und um Wunderkind Youssoufa Moukoko ist abgeflaut. Und die so sichere Abwehr bröckelt weiter.

Mats Hummels etwa ließ sich von Bayer gleich mehrfach überrumpeln - und erklärte sich via Instagram selbst zum Sündenbock: "Um uns dann mit einem sehr unnötigen Gegentor, bei dem ich leider auch ganz falsch verteidigt habe, das Spiel doch noch ganz aus der Hand zu geben." Das Spiel sei "ein Rückschlag der weh tut...". Auch Reus quittierte am Ende einen "enttäuschenden Abend für uns". Mal wieder. Die Punkte sind mal wieder weg und hört man den Dortmundern zu, dann hat sich das gute Gefühl auch schon wieder auf den Weg gemacht.

Die kurze Euphorie um Terzic hat sich schnell gelegt, sie ist der Suche nach dem erfolgreichen Pragmatismus gewichen. Den Kampf um den Titel konnte auch er nicht einleiten. Es geht mittlerweile nur noch darum, die Qualifikation für die Champions League zu sichern. Das ist den von Klopp verwöhnten Fans nicht genug. Champions League, das konnte auch Favre.

Quelle: ntv.de

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