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Fußball-Wahnsinn der Uefa Warum gibt es diese Nations League?

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Neuer Wettbewerb: Im Sommer vergangenen Jahres gewann die DFB-Elf den Confed Cup, den die Fifa abschaffen will. Dafür legt jetzt die Uefa mit der Nations League nach.

(Foto: imago/Russian Look)

Noch setzt sich die Idee nicht durch, dass alle 55 Mitgliedsverbände der Uefa permanent eine Europameisterschaft ausspielen. Auf die Idee kommt selbst Michel Platini nicht. Der neue "Blödsinn" aber heißt - Nations League. Was soll das?

Reinhard Grindel sagt: "Mit der Nations League wird ein zusätzlicher sportlicher Anreiz geschaffen. Statt Freundschaftsspiele, in denen es um nichts geht, sehen die Fans einen attraktiven Wettbewerb." Vielleicht muss er das sagen, schließlich ist er der Chef des Deutschen Fußball-Bundes. Es besteht aber der dringende Verdacht, dass er seine offizielle Einschätzung zu diesem neuen Wettbewerb der Europäischen Fußball-Union Uefa für Nationalmannschaften weitgehend exklusiv hat. Denn er hat ein Anliegen.

Warum also sagt Grindel das? Der DFB möchte gerne die Europameisterschaft 2024 ausrichten. Das sei, hatte Grindel Anfang des Monats im Gespräch mit n-tv gesagt, ebenso wichtig wie das Ziel, im Sommer in Russland erfolgreich den WM-Titel zu verteidigen. "Es wäre gut wenn wir wieder Weltmeister werden", sagte er. Doch "für die Perspektive des deutschen Fußballs ist von genauso großer Bedeutung", dass Deutschland den Zuschlag für die Euro 2024 bekomme. "Beide Ziele sind da gleichrangig."

Was hat das mit der EM 2024 zu tun? Die Bewerbung liegt auf dem Tisch und die Stadien, in denen 2024 gespielt werden soll, stehen fest. Einziger Konkurrent ist die Türkei. Deutschland gilt als klarer Favorit, dennoch möchte der DFB nichts riskieren, bevor das Exekutivkomitee der Uefa mit seinen 17 Mitgliedern am 24. September dieses Jahres entscheidet, wer den Zuschlag bekommt. Und um die Mehrheit der Stimmen nicht zu gefährden, hält sich der deutsche Verband mit Kritik an der Nations League zurück. Er will die kleinen Länder nicht verärgern, denen der neue Wettbewerb eine Hintertür zur EM-Teilnahme öffnet. Beschlossen hat die Uefa die Nations League übrigens im Dezember 2014.

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Was soll das? Michael Zorc.

(Foto: imago/Contrast)

Was sagen die Kritiker? Wie immer sorgen sich die Verantwortlichen der Klubs um die Gesundheit ihrer Angestellten. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef der FC Bayern München AG, sagt: "Wir brauchen nicht mehr Länderspiele, sondern weniger Länderspiele, denn die Spieler sind körperlich absolut am Limit. Wenn es keine Nations League geben würde, dann würde sie wohl auch niemand vermissen." Klar, er verdient mit den Bayern sein Geld ja auch in der Champions League. Grundsätzlich sei er gegen eine "inflationäre Entwicklung von Wettbewerben der Nationalmannschaften". Michael Zorc, der Manager der Dortmunder Borussia, sprach von einer "Überfrachtung an Wettbewerben". Horst Heldt, sein Kollege aus Hannover, nannte das Turnierformat für alle 55 europäischen Nationalteams in vier Staffeln schlichtweg "Blödsinn". Und Alexander Rosen von der TSG Hoffenheim unterstellte der Uefa nur Interessen "finanzieller Natur". Am schönsten aber haben es die Kollegen der englischen Zeitung "The Independent" formuliert: "Das ist weniger ein Sportwettbewerb als ein beklopptes Abenteuer. Ein Versuch, etwas Leben in ein tot geweihtes Produkt einzuhauchen, in dem die künstliche Dramaturgie einer Fernsehshow übernommen wird. Und diese schaut übrigens niemand mehr."

Nations League

Es gibt 55 Nationalmannschaften in vier Ligen. Jede Liga wird in vier Gruppen mit jeweils drei oder vier Teams unterteilt:

Liga A: Deutschland, Portugal, Belgien, Spanien, Frankreich, England, Schweiz, Italien, Polen, Island, Kroatien, Niederlande

Liga B: Österreich, Wales, Russland, Slowakei, Schweden, Ukraine, Irland, Bosnien-Herzegowina, Nordirland, Dänemark, Tschechien, Türkei

Liga C: Ungarn, Rumänien, Schottland, Slowenien, Griechenland, Serbien, Albanien, Norwegen, Montenegro, Israel, Bulgarien, Finnland, Zypern, Estland, Litauen

Liga D: Aserbaidschan, Mazedonien, Weißrussland, Georgien, Armenien, Lettland, Färöer, Luxemburg, Kasachstan, Moldawien, Liechtenstein, Malta, Andorra, Kosovo, San Marino, Gibraltar

Aber wie kommt die Uefa auf diese Idee? Die Spur des Geldes dürfte wie so oft nicht die falscheste sein. Die Uefa jedenfalls spekuliert dem Vernehmen nach auf zwei Milliarden Euro aus der Zentralvermarktung. Die Übertragungsrechte für den deutschen Markt haben bis 2022 die ARD und das ZDF gekauft. Ausgedacht hat sich den "Blödsinn" Michel Platini, als er noch ihr Präsident war. Der Franzose ist mittlerweile raus, bis Oktober 2019. Die Ethikkommission des Weltverbandes hatte Platini Ende 2015 für acht Jahre gesperrt. Grund war eine dubiose Zahlung von 1,8 Millionen Euro, die er 2011 von der Fifa erhalten hatte - angeblich für die lange zurückliegende "Beratung von Joseph Blatter". Mit Platini wurde auch Ex- Fifa-Präsident Blatter verbannt. Anfang 2016 reduzierte die Berufungskommission der Fifa die Sperren auf sechs Jahre. Und nachdem der Sportgerichtshof Cas ihn nicht, wie er gehofft hatte freisprach, sondern lediglich noch einmal zwei Jahre abzog, trat Platini am 9. Mai 2016 als Präsident der Uefa zurück.

Was steht nun an? An diesem Mittwoch nun lässt die Uefa ab zwölf Uhr in Lausanne die Gruppen für die Nations League auslosen. Sie ersetzt einen Großteil der Testspiele und findet ab Anfang September dieses Jahres dann stets zwischen den EM- und WM-Turnieren im Zweijahresrhythmus statt. Alle 55 in der Uefa organisierten Verbände müssen mitmachen.

Und wie läuft das ab? Besagte 55 Teams werden in vier Ligen von A bis D aufgeteilt. Wer wo landet - das bemisst sich an der Koeffizientenrangliste der Uefa nach der Qualifikation für die Weltmeisterschaft in diesem Sommer in Russland. Die Ligen wiederum bestehen aus je vier Gruppen mit drei oder vier Mannschaften. Deutschland spielt in der stärksten Liga A - gegen mutmaßlich einigermaßen starke Gegner. Die DFB-Elf mit Bundestrainer Joachim Löw ist in Topf 1 gesetzt, als Kontrahenten stehen je eine Nation aus Topf 2 und Topf 3 zur Wahl: Frankreich, England, Schweiz oder Italien - sowie Polen, Island, Kroatien oder die Niederlande.

Und dann? Gibt es gegen beide Gegner jeweils ein Hin- und ein Rückspiel. Die vier Gruppensieger der Liga A spielen im Juni 2019 - wo auch immer, die Uefa entscheidet das im Dezember - ein Turnier mit Halbfinals, Spiel um Platz drei und Finale aus. Und der Gewinner des Endspiels ist dann Nations-League-Sieger.

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Was ist eigentlich mit der Idee, dass Brasilien auch mitspielen darf? Das lässt sich doch bestimmt irgendwie regeln.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Was machen die anderen? Die Gruppensieger der Ligen B, C und D steigen auf, die Tabellenletzten der Ligen A, B und C ab. Die Nations-League-Rangliste ist dann entscheidend für die Auslosung der Qualifikation für die EM 2020, die mit 13 Gastgebern auf dem ganzen Kontinent stattfindet - noch so eine Idee Platinis.

Aha. Was hat die Nations League mit der EM-Qualifikation zu tun? 20 von 24 EM-Startplätzen werden wie gehabt über die Qualifikation vergeben. Die vier weiteren aber nun über die Nations League - was auch für nicht ganz so starke Mannschaften der eigentliche Anreiz des neuen Wettbewerbs ist. Alle Gruppensieger (4 je Liga) ziehen in die Play-offs mit Halbfinale und Finale im März 2020 ein - es sei denn, was insbesondere für die Liga A zutreffen wird, sie haben ihre Endrundenteilnahme bereits via EM-Quali gesichert. Die läuft nämlich mehr oder weniger parallel. In diesem Fall rücken die Nächstplatzierten nach. Dies kann dazu führen, dass in den A-Play-offs Teams aus der Liga B spielen. So oder so: Jede Liga generiert einen EM-Teilnehmer - auch die Liga D mit den 16 schwächsten Teams.

So weit, so schlecht - wann geht's los? Am 6., 7. und 8. September dieses Jahres mit den bekannten Doppelspieltagen. Die Mannschaften in Dreiergruppen - das gilt auch für die DFB-Elf - spielen an vier von sechs Spieltagen. Klar, oder? Vom 18. bis zum 20. November findet das Gruppenfinale satt, das Final-Turnier dann vom 5. bis zum 9. Juni 2019. Die Qualifikation zur EM 2020 beginnt nicht wie bislang direkt nach der WM 2018 in Russland, sondern erst Ende März 2019. Die zehn Spieltage laufen bis Mitte November 2019. Die Play-offs zur EM 2020 werden vom 26. bis zum 31. März 2019 ausgespielt. Noch Fragen?

Ja. Wie könnte es besser gehen? Fragen Sie Platini. Kleiner Scherz. Am besten wäre es, alle 55 Mannschaften dürfen an einer Mega-Giga-Mammut-EM teilnehmen. Modus: Jeder gegen jeden, mit Hin- und Rückspiel. Dann ist immer Europameisterschaft und alle sind zufrieden. Bis dahin muss der geneigte Zuschauer mit der Nations Leage leben. Ob er sich dafür allerdings begeistern kann und das neue Format als echten Wettbewerb akzeptiert, scheint zweifelhaft.

Quelle: n-tv.de

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