Fußball

Die Lehren des 26. Spieltags Wehe, der FC Bayern erschreckt sich

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Gestatten, der "Bomber der Neuzeit".

(Foto: Peter Schatz / Pool)

Der FC Bayern München braucht offenbar das Schockerlebnis, um zu großer Form aufzulaufen. Und natürlich Robert Lewandowski. Andernorts geht es einfach so dem Ende entgegen, da erschreckt einen nichts mehr. Selbst wenn gar nichts mehr läuft. Beim BVB dagegen ist aber das große Zittern angesagt.

Der FC Bayern braucht offenbar die Hypothek

Nein, es ist ganz sicher nicht der Matchplan von Hansi Flick, dass der FC Bayern immer erst eine schwere Hypothek auf sich laden muss, bevor er sich ernsthaft an einem Fußballspiel beteiligt. Wäre das so, dann wäre Flick verrückt, hochmütig, dreist oder inkompetent - und nicht unglaublich erfolgreich und unentbehrlich für den FC Bayern. Dass seine Mannschaft erst mal ordentlich durchgeschüttelt werden muss, bevor sie ins Rollen kommt, ist aber schon augenscheinlich. 13 Mal geriet man in dieser Saison schon in Rückstand, 22 Punkte holte man trotzdem noch. Die Spieler haben das Phänomen längst identifiziert und sind selbst genervt.

"Es ist unsere DNA, unsere Identität daran zu glauben, die Spiele drehen zu können", sagt Thomas Müller jüngst nach dem Klassiker gegen Borussia Dortmund (4:2 nach 0:2) auf Sky. "Aber ist auch mühsam. Das gehört nicht zu unserem Matchplan. Es ist nicht toll zu erleben, dass wir erst dann spritziger und galliger sind. Wenn es erst mal 0:2 steht, fühlt sich das mehr als bescheiden an." Gegen den VfB Stuttgart machte man es etwas, will man sagen: besser? Anders halt. Der Weckruf bestand in der 12. Minute in einem fiesen Tritt von Verteidiger Alphonso Davis auf den Knöchel von Stuttgarts Wataru Endo. Kein Gegentor, sondern eine Rote Karte brachte die Bayern-Maschinerie diesmal auf Hochtouren. Zehn Minuten nach dem Platzverweis stand es 3:0, zur Halbzeit lag man 4:0 vorne. Vier Tore in einer Halbzeit in Unterzahl - ein Bundesliga-Rekord.

So verliert Haaland endgültig die Lust am BVB

Das war bezeichnend. Handgestoppte 14 Sekunden dauerte es, bis Erling Haaland nach dem mauen 2:2 gegen den 1. FC Köln wutentbrannt in den Katakomben verschwunden war. Nicht ohne lautstarke Flüche und mit zornigem Gesicht. Er war es, der seine Borussia aus Dortmund bereits in der 3. Minute in Führung geschossen hatte, er war es, der seiner Borussia in der 90. Minute immerhin einen Punkt rettete. Alles muss er allein machen - so wirkte das Gebahren des Norwegers. Schon während der Partie hatte er mehrfach mit seinen Mitspielern gehadert. Sein Trainer Edin Terzic sagte völlig untertrieben: "Man hat seine Enttäuschung gesehen, weil er unbedingt drei Punkte wollte."

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Die Laune war schon mal besser.

(Foto: imago images/Uwe Kraft)

Die hätten eigentlich alle Schwarzgelben auf dem Platz haben wollen müssen, denn für das Ziel Champions League braucht der BVB dringend jeden Punkt. Nur Europa League oder gar Conference League - das ist nicht das Niveau des BVB, und erst recht nicht das Haalands. Der 20-Jährige braucht eine Perspektive, sonst ist er schneller weg, als allen im Verein lieb ist. Angebote hat er genug, alle spielen sie selbstverständlich in der Königsklasse. Da muss der BVB sich ganz arg zusammenreißen. Denn ein Haaland, das wurde gegen Köln deutlich, kann zwar vieles, aber eben doch nicht alles allein machen.

Bei diesem Lewandowski ist kein Rekord sicher

Noch acht Spiele für sechs Tore. Das ist keine Ansage, die einem Robert Lewandowski Angst macht. Nur noch sechs Tore fehlen dem Weltfußballer des Jahres, um den Torrekord von Gerd Müller zu übertreffen. Der Bomber hatte in der Saison 1971/72 40 Mal getroffen. Sein designierter Nachfolger steht nach drei weiteren Treffern am Samstag gegen den VfB Stuttgart nun schon bei 35 Toren. Niemand zweifelt mehr dran, dass der Pole der "Bomber der Neuzeit" wird. Bis auf ihn selbst vielleicht: Die ewige Torejagd sei "auch für den Kopf eine Herausforderung", betonte Lewandowski.

Dabei könnte er es sehr lässig angehen in den kommenden Spielen, er schießt ja sowieso immer ins Tor. Eine Quote von 1,4 steht für ihn zu Buche. Die verdoppelte er in Stuttgart mal eben locker, obwohl sein Team früh in Unterzahl geriet (siehe oben). Da weiß sogar der Gegner nichts anderes zu sagen, als überschwängliches Lob: "Irgendwas über Weltklasse" sei Lewandowski, bekannte VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger. Und so warten alle gespannt, wann der 32-Jährige endgültig zum neuen "Bomber" wird. Alle bis auf Lewandowski. Der spricht mit seinen Toren.

Gisdols wundersame Serie geht weiter

Seit sechs Wochen hat der 1. FC Köln nicht mehr gewonnen. Eine weitere Pleite hätte Markus Gisdol wohl den Job gekostet. Schließlich ist Platz 14 mit nur zwei Punkten vor dem Abstiegsplatz nicht gerade das, was sich der Klub erhofft. Gisdols Tage waren also schon gezählt. Eine schlechte Voraussetzung vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund, den deutlichen Favoriten. Doch immer, wenn es für Gisdol ganz eng wird, ist sein Team zur Stelle. Als Retter. Das war im November 2020 so, als der FC 18 Spiele lang auf einen Sieg wartete - und gegen Dortmund gewann. Das war im Januar so, als die Mannschaft gegen den FC Schalke gewann. Das war im Februar so, als Gisdols Team im Derby gegen Mönchengladbach siegte. Das war nun wieder gegen den BVB so, als es zu einem ehrenwerten 2:2-Remis reichte.

"Es ist tatsächlich mal zu hinterfragen", sagte Gisdol, warum dieses Phänomen sich beim FC wiederhole. Es sei "menschlich", dass die Spieler in solchen Momenten "vielleicht ein paar Prozent konzentrierter sind und eher die letzte Konsequenz" zeigen. Sein Spieler Marius Wolf erkannte: "So, wie wir uns heute reingeworfen haben, müssten wir es immer machen." Denn die Gefahr ist bei den Kölnern weiterhin nicht gebannt, der Abstieg droht noch immer - schließlich rangiert der Effzeh aktuell auf dem Relegationsplatz. Und damit auch der Abschied von Gisdol.

Dank Schalker Geschenken bezwingt Gladbach die Krise

Krise? Welche Krise? Bei Borussia Mönchengladbach sei doch alles gewesen wie immer. Na ja, gut, die Ergebnisse stimmten nicht mehr, aber seit der Bekanntgabe von Marco Rose, den Klub in Richtung Dortmund zu verlassen, sei die Stimmung "genauso" gewesen, sagte Christoph Kramer. "Brutaler Quatsch" sei die Diskussion, ob das Team jetzt noch alles für den Trainer gebe. Freilich wirkte es aber so: Sieben Pflichtspiel-Pleiten in Folge seit Roses Ansage. Europäische Spiele rückten in die Ferne, die Talfahrt des Klubs in der Bundesliga-Tabelle war rasant. Da kam der abgeschlagene und im Chaos versinkende Klub FC Schalke 04 als Gegner gerade recht.

Drei individuelle Fehler der Königsblauen hatten fast mehr zu tun mit den Toren als die Gladbacher. Außenverteidiger William vertändelte den Ball, Stefan Lainer hatte einfach überhaupt keinen Gegenspieler bei seinem Kopfballtor und das dritte machte Torhüter Frederik Rönnow gleich ganz selbst rein. Ein 3:0-Erfolg stand am Ende der Partie, nicht überzeugend, aber nie gefährdet. Und so bekannte Rose, es sei "sicher keine geringe Last von uns abgefallen".

Das zum "Krisen-Gipfel" ernannte Duell machte deutlich: Nur einer der beiden Klubs kann die Krise bewältigen. Der Abstand zum Platz für die Conference League ist auf zwei Punkte geschrumpft, es könnte für Rose doch noch einen versöhnlichen Abschied geben. Ein gutes Gefühl hat der Coach jetzt schon. Einfach, weil mal wieder ein Sieg für ihn zu Buche steht.

Das Schneckenrennen ist vorbei, auch für den FC Schalke

Noch mal der 1. FC Köln. Der durfte sich am Samstag kurz wie ein Gewinner fühlen, ein Punktgewinn gegen Borussia Dortmund ist für Gegen-Den-Abstieg-Kämpfende ja keineswegs selbstverständlich. Dass die Domstädter dennoch mehr denn je um den Klassenerhalt bangen müssen und von 14 auf 16 gefallen sind, liegt am Ende der Langsamkeit im Tabellenkeller. Wobei der 1. FSV Mainz 05 schon seit Wochen kaum wiederzuerkennen ist. Nach der Hinrunde mit einem Sieg aus 17 Spielen und mickrigen 7 Punkten noch gleichauf mit dem FC Schalke, treten die Rheinhessen in der Rückserie wie ein Europapokalanwärter auf. Nur München, Wolfsburg, Leipzig (alle 22) und Frankfurt (20) sammelten in den vergangenen neun Partien mehr Punkte als die 17 der Mannschaft von Bo Svensson.

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Gäbe es Europapokal-Plätze nur für die Rückrunde, der FSV hätte gute Chancen.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Im Duell der Krisenklubs nutzte Hertha, dass Leverkusen derzeit noch miserabler auftritt. Und schoss sich mit dem 3:0 zumindest ein bisschen Frust von der Seele. So viele Tore innerhalb von nur 90 Minuten hatte der mit großen Ambitionen in Zweitliga-Angst geratene Hauptstadtklub zuvor letztmals gegen den FC Schalke erzielt, Anfang Januar. Womit die Aufzählung bei der einzigen Mannschaft im Tabellenkeller angekommen wäre, die sich dem Aufschwung verweigert.

Schalke hat bei noch acht verbleibenden Spielen 13 Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz, bisher in 26 Anläufen aber nur 10 Punkte eingefahren. Die Frage ist nur noch, an welchem Spieltag Königsblau auch rechnerisch nicht mehr zu retten ist. Zumal selbst Bielefeld, vor der Saison Abstiegskandidat Nummer eins, unter dem jüngst verpflichteten Trainer Frank Kramer beim 0:1 gegen Leipzig andeutete, dass der Klassenerhalt trotz aktuell Platz 17 eine realistische Option bleibt.

Quelle: ntv.de

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