Fußball

Mulder zu Oranje und DFB-Krise "Wenn du Weltmeister bist, wirst du faul"

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Seit seinem Karriereende analysiert Mulders im TV den Zustand der Elftal.

(Foto: imago/Pro Shots)

EM 2016 verpasst, WM 2018 verpasst - die niederländische Fußball-Nationalmannschaft hat ihre Fans zuletzt mächtig leiden lassen. Und jetzt? Ist nach dem famosen Sieg gegen Weltmeister Frankreich zum Nations-League-Abschluss gegen Deutschland sogar das Erreichen der Finalrunde drin. Schalke-Legende Youri Mulder erklärt vor dem DFB-Spiel in Gelsenkirchen gegen Oranje, dass seine Elftal viel richtig und Löw trotz des WM-Fiaskos gar nicht so viel falsch macht.

n-tv.de: Herr Mulder, was ist schlimmer: Die Fußball-WM zu verpassen – oder sich dort als Titelverteidiger in einer Vorrundengruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea zu blamieren?

Youri Mulder: Das ist beides gleich schlimm. Aber wenn, dann bin ich lieber gar nicht erst bei der WM dabei und würde im Juli gleich etwas anderes machen.

Wie sehr haben Sie denn mitgelitten mit der deutschen Mannschaft?

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Eurofighter Mulder (m.) mit Ebbe Sand (l.) und Klaas-Jan Huntelaar.

(Foto: imago/Team 2)

  Es passiert einfach, dass es eine Erfolgsmannschaft gibt und danach der Erfolg ausbleibt und so eine Mannschaft auseinanderfällt. Das ist ganz normal. Es hat auch etwas Schönes, und das sage ich nicht, weil ich es bei Deutschland genieße. Es bringt Chancen und sorgt dafür, dass man wieder scharf wird auf neue Erfolge.

Holland hat diese "schöne" Erfahrung schon hinter sich, vor der WM 2018 hatten sie auch die EM 2016 verpasst. Jetzt ist plötzlich das Erreichen des Nations-League-Finales möglich. Was ist passiert?

Das ist Youri Mulder

Geboren 1969 als Sohn eines niederländischen Fußball-Nationalspielers, muss sich Youri Mulder zu Beginn seiner Karriere mit dem Vorwurf herumärgern, er sei nur dank seines Vaters in die Profimannschaft vom FC Twente gekommen. Als er dann zwischen 1993 und 2002 beim FC Schalke 04 zum Publikumsliebling, Eurofighter und Nationalspieler wurde, war klar: Der Mann kann Fußball spielen - auch wenn er in neun Jahren nur 33 Tore erzielte. Sein wichtigstes ist ohnehin eins aus den Geschichtsbüchern der Elftal: Mit dem Siegtreffer gegen Weißrussland hielt er die Niederländer im Rennen für die Qualifikation zur EM 1996. Seit seinem Karriereende arbeitet Mulder als Experte, aktuell für das niederländische Sportfernsehen Ziggo.

Wir haben eine neue Generation. Davor ging es uns genauso wie Deutschland. Das Erreichen des WM-Endspiels 2010 und der dritte Platz 2014 war für uns wie Weltmeister werden. Ein kleines Land wie Holland, das so weit kommt, das ist herausragend. Danach haben wir gedacht: eine super Mannschaft, läuft alles. Aber: Man verjüngt zu langsam und hält zu lange an Namen fest. So wie wir das mit Wesley Sneijder oder Arjen Robben gemacht haben, anstatt den Nachwuchs zu integrieren. Das hat sich jetzt geändert, die neuen Jungs kriegen ihren Platz. Da sind hervorragende Spieler dabei, und die können auch wieder etwas erreichen.

Hat Holland den nötigen Umbruch damit geschafft?

Ja. Es läuft immer in Wellen ab. Irgendwann hat man eine gute Welle, gute Spieler, gute Mannschaften. Irgendwann geht diese Welle nach unten. Und man hofft, dass sie wieder zurückkommt. Manchmal klappt das, aber manchmal ist es halt zu spät. Dann muss man auf eine neue Welle warten, und manche sagen in der Zwischenzeit: Es ist alles schlecht, was wir hier machen, wir müssen total anders arbeiten. Aber: Die Welle kommt wieder, vor allem bei Ländern wie Deutschland oder Holland. Es gibt in Holland eine Million, vielleicht anderthalb Millionen junge Fußballer. Da sind immer 20 Supertalente dabei, das geht gar nicht anders.

In Holland gelten Frenkie de Jong (21 Jahre) oder Matthijs de Ligt (19 Jahre) als kommende Superstars, spielen aber noch bei Ajax, statt sofort zu internationalen Topklubs zu wechseln. Ist das der niederländische Weg?

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Frenkie de Jong gilt als "neuer Beckenbauer".

(Foto: imago/VI Images)

Es gibt Untersuchungen, dass für Spieler zwischen 18 und 22 Jahren Spielpraxis enorm wichtig ist. Fast alle aktuellen Topspieler hatten viel Spielpraxis bei Erstligisten, ob in Belgien, Holland, Deutschland, Frankreich oder Italien. Natürlich kannst du mit 18 Jahren zu Manchester United gehen. Aber wenn du dort nicht spielst, stockt deine Entwicklung. Da ist es besser bei Ajax oder PSV zu bleiben.

Niederländische Spitzenteams wie Ajax Amsterdam oder PSV Eindhoven spielen in Europa wieder eine Rolle, auch dank offensichtlich langfristiger Konzepte. Profitiert die Elftal von der Entwicklung?

Die Ausbildung junger Spieler wird forciert, wenn kein Erfolg da ist. Dann sagen die Vereine: Wir müssen wieder selbst Spieler ausbilden! Das ist bei Ajax oder Eindhoven passiert. Das steckt aber auch in der DNA der Klubs. Jetzt haben wir wieder Jungs, die top ausgebildet sind. Offensivspieler, die wir auch früher hatten, aber auch hervorragende Verteidiger wie de Ligt und Virgil van Dijk. Für uns sieht es wieder schöner aus.

Was macht das Nachwuchssystem so besonders?

Der Kern und die Basis des Erfolgs ist immer: Es ist ein Spiel, man muss Spaß haben. Frenkie de Jong ist ein super Beispiel für Fußball mit Spaß. Er dribbelt, er möchte immer den Ball haben. Natürlich gab es in der Vergangenheit Leute, die gesagt haben: Wir müssen viel mehr physisch, viel mehr auf Kraft, auf Laufpensum trainieren. Aber letztendlich geht es um Spaß und Technik: Wie kann man mit dem Ball umgehen? Das ist immer die Basis bei uns gewesen.

Seit Februar ist Ronald Koeman neuer Bondscoach. Ist er genau der frische Impuls, den die Elftal gebraucht hat?

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Bondscoach Koeman hat den Spaß zurück in den Fußball gebracht.

(Foto: imago/VI Images)

Bei uns war Ronald Koeman schon lange auf dem Zettel, auch vor Guus Hiddink, Danny Blind und Dick Advocaat. Er macht das wirklich gut, er formt eine Mannschaft. Es gab auch Zeiten, in denen die Jungs nicht mehr so gerne zur Nationalmannschaft nach Holland gekommen sind. Das hat Koeman gedreht. Er sorgt dafür, dass die Jungs wieder mit Spaß hierher kommen.

Früher hieß es, die Niederlande hatte herausragende Einzelspieler, funktionierte aber als Team nicht.

Herausragende Einzelspieler gibt es in der Mannschaft, aber jetzt haben wir beides. Memphis Depay ist unser bester Spieler, er war gegen Frankreich überragend. Und dann gibt es die neuen Jungs wie de Jong und de Ligt, die eher mannschaftsdienliche Spieler sind. Aber im Fußball ist es so: Man braucht Typen, die Spiele entscheiden.

Und wenn der fehlt?

Nehmen wir zum Beispiel das Hinspiel von Holland gegen Deutschland. Da hat Deutschland gut gespielt, war vielleicht sogar besser. Aber: Sie waren nicht in der Lage ein Tor zu schießen. Es gab keinen, der das Spiel entscheiden konnte. Das brauchst du aber unbedingt. Kreative Leute wie Mesut Özil, der das macht, was andere nicht erwarten. So gewinnt man Spiele.

Trotz des WM-Debakels war im Blitztempo klar, dass Bundestrainer Joachim Löw im Amt bleibt. Was wäre in Holland passiert?

Dasselbe, auf jeden Fall. Die Entscheidung ist richtig. Löw hat bewiesen, dass er eine Mannschaft aufbauen kann. Gegen Frankreich konnte man sehen, dass bei Deutschland die Qualität da ist. Es geht natürlich auch ums Ergebnis, aber eigentlich geht es darum: Wie spielt man Fußball? Daran kann man immer arbeiten, und diese Basis ist gut. Jetzt wird alles schlecht geredet, weil man "abgestiegen" ist. Aber was heißt das genau, abgestiegen in der Nations League? So viel bedeutet das auch nicht. Es ist ein kleiner Wake-up-Call, aber ich würde sagen, die Entscheidungen sind gut.

Wer gefällt Ihnen denn besonders im DFB-Team?

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Sané kann beim DFB den Unterschied machen, meint Mulder.

(Foto: AP)

Ich bin ein Fan von Leroy Sané. Vielleicht ist er kein ganz einfacher Spieler. Aber häufig sind es die schwierigen Spieler, die etwas Besonderes haben. Das sind oft Torhüter oder Linksaußen. Und dann ist es am Trainer, sie in der Birne etwas mannschaftsdienlich zu machen. Nur dann können sie dem Team mit ihrer Qualität helfen. Vielleicht war das eine harte Entscheidung, Sané nicht zur WM mitzunehmen. Aber vielleicht war es für ihn gut, damit er weiß, was die Konsequenzen für die Karriere sein können. Ich glaube trotzdem, ein Sané hätte Deutschland bei der WM sehr geholfen.

Nach der verpassten EM-Teilnahme 2016 haben Sie beklagt, Holland hätte sich seinen "Fußball zu lange schön geredet". Diese Tendenzen sehen Sie in Deutschland also nicht?

In Holland gibt es das Gesetz vom bremsenden Vorsprung, kennen Sie das in Deutschland?

Noch nicht. Erklären Sie es uns bitte.

Nun, es besagt: Wenn du einen Vorsprung hast, macht dich das ein bisschen zu lässig. Das gibt es im Fußball auch, wir nennen es das Gesetz des bremsenden Vorsprungs. Du bist vorne, du bist besser, du bist Weltmeister und wirst ein bisschen faul. Und merkst gar nicht, dass dich andere überholen. Die, die hinten liegen, machen dann zehn Prozent mehr, aber du machst zehn Prozent weniger.

Trotzdem scheint es aktuell so: In Deutschland wird der Fußball ein wenig schöngeredet, in den Niederlanden wird schöner Fußball gespielt. In Ihrer Presse herrscht Euphorie …

Bei uns, ja.

… nach den Siegen gegen die Weltmeister von 2014 und 2018. Kann 2020 eigentlich nur Holland Europameister werden?

Ich bin natürlich froh, wir hatten viele Jahre, in denen es nicht lief. Aber es gibt auch Medien und Fußballanalytiker, die sagen: Wir haben gegen ein Frankreich gespielt, das nicht viel gemacht hat. Wir haben zwar 2:0 gewonnen, aber ein Kylian Mbappé hat nichts gemacht, Antoine Griezmann hat nichts gemacht. Das war ein ganz anderes Frankreich als bei der WM. Man muss so etwas immer richtig einordnen. Nations League ist schön und nett, aber es ist keine EM oder WM.

Würden Sie es den Niederlanden zutrauen, um den EM-Titel 2020 oder perspektivisch den WM-Titel 2022 mitzuspielen?

Erstmal müssen wir gucken, dass wir uns für die EM qualifizieren. Wir dürfen nicht auf einmal sagen: Wir werden jetzt Europameister.

Durch den Abstieg der DFB-Elf liegt der größere Druck auf Holland. Was erwarten Sie für die Partie in Gelsenkirchen?

Ich erwarte ein Holland, das mit breiter Brust und - auch wenn das ein Klischee ist - mit viel Selbstvertrauen nach Deutschland kommt, um ein schönes Spiel zu machen. Sie wollen zeigen, dass die Siege gegen Frankreich und Deutschland keine Ausnahmen waren. Das ist wichtig für die Jungs.

Und was erwarten Sie von Deutschland?

Der Weg nach oben hat schon wieder eingesetzt. Gegen Russland sah es gut aus, genau wie gegen Frankreich. Im Hinspiel in Amsterdam hat Deutschland auch ein ziemlich gutes Spiel gemacht, nur die Tore sind nicht gefallen. Deswegen solltet ihr vor dem Spiel gegen Holland nicht zu viel bangen.

Mit Youri Mulder sprachen Judith Günther und Christoph Wolf.

Quelle: n-tv.de

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