Fußball

Es ist kompliziert im DFB-Team Wer wird schlau aus Leroy Sané?

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Verschnupfte Beziehung.

(Foto: imago images/ULMER Pressebildagentur)

Diesmal muss Leroy Sané die Bekanntgabe des finalen Turnierkaders nicht fürchten. Vor der WM 2018 sortierte Joachim Löw ihn aus. Jetzt ist er einer seiner EM-Hoffnungsträger. Der Bayern-Profi liebt das riskante Spiel, ist aber noch zu oft "ein Künstler im Standby".

Die Sache mit Leroy Sané, die wollte Joshua Kimmich nicht zu hoch gehangen wissen. Dass er seinem Kumpel im Testspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Dänemark am Mittwochabend laut zugerufen hatte, dass er doch endlich mit dem "Jammern" aufhören sollte, das wäre jetzt nicht so eine Riesensache, sagte er der "Bild". Es ging in der Auseinandersetzung offenbar um unterschiedliche Auffassungen in einer Pressing-Situation. Man müsse sich eben pushen, sagt Kimmich. Pushen, um erfolgreich zu sein. Im Testspiel. Und noch viel wichtiger bei der Europameisterschaft, die am Freitagabend beginnt. Es ist ein Turnier, dass zu dem von Sané werden soll. Das hat er selbst formuliert. Der Flügelstürmer des FC Bayern möchte endlich beweisen, wie gut er ist. Die Rolle des Protagonisten ist für ihn durchaus vorgesehen.

Er möchte endlich ein komplettes Bild von sich zur Schau stellen - was er bislang freilich nur als Tattoo auf seinem Rücken trägt. Er möchte nicht mehr nur Puzzlesteine von sich anbieten. Andeuten, was für herausragende Fähigkeiten er besitzt. Er möchte für Deutschland endlich das werden, was Serge Gnabry, sein Pendant auf der rechten offensiven Bahn bereits ist: ein Unterschiedsspieler. Einer, auf den du setzen kannst, wenn es richtig wichtig ist. Bislang hat er sich einen solchen Ruf nicht erworben. Bislang steht der Status bei Sané auf "wartend". Wartend auf den Durchbruch.

Tatsächlich ist seine Karriere für die DFB-Elf bis heute eher unglücklich verlaufen. Beim Confederations Cup 2017 sollte er eine wichtige Rolle in dem Perspektivteam einnehmen, dass damals vom nicht mehr berücksichtigten Julian Draxler erfolgreich zum Titel geführt worden war. Doch Sané verzichtete. Eine Operation an der Nase war ihm wichtiger. Später gab es Diskussionen darüber, ob dieser Eingriff wirklich so relevant war und nicht hätte verschieben werden können. Vor der WM in Russland 2018 wurde er von Löw aus dem endgültigen Aufgebot gestrichen. Sané hatte damals eine furiose Saison in der Premier League hinter sich. Seine Ausbootung wurde wohl nur deswegen nicht zur nationalen Angelegenheit, weil sich seine beiden DFB-Kollegen Mesut Özil und Illay Gündogan in den Wochen zuvor mit dem international höchst umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren ließen. Inklusive schmeichelnder Worte für das Staatsoberhaupt.

Bislang eher solide als herausragend

Die Entscheidung des Bundestrainers damals, sagte Sané im Interview mit der Sportschau, "war das Härteste", was er erlebt habe in seiner Karriere - schlimmer auch als der Kreuzbandriss im August 2019. "Es ist für jeden ein Traum, bei der WM zu spielen, beim größten Turnier. Na klar war das ein harter Rückschlag für mich - und auch der größte." Der gebürtige Essener zog sich damals enttäuscht zurück. Auszeiten, das ist seine Art, Dinge zu verarbeiten, Dinge mit sich selbst auszumachen. Beide Auszeiten hätten ihn mental wachsen lassen, sagt Sané. Auch in der Gunst von Löw ist er gewachsen.

Mittlerweile kommt der 25-Jährige auf 29 Spiele für die A-Nationalmannschaft, auf sechs Tore und vier Vorlagen. Das ist eine solide Bilanz. Aber nicht mehr. Dabei ist Sanés Talent für so viel mehr gemacht. Eigentlich. Wenn er auf engstem Raum seine Gegenspieler narrt, vorbeizieht und mit links abschließt, dann ist weltklasse. "Was Leroy mit dem Ball anstellen kann, ist unfassbar. Er ist ein Geschenk für jede Mannschaft", schwärmt Robin Gosens. Als Mann hinter dem Außenstürmer kommt er glücklicherweise selten in die Verlegenheit einer Demütigung.

Nun gibt es aber nicht nur diesen Sané. Es gibt auch allzu oft den, der am Mittwoch in Innsbruck gegen Dänemark spielte. Der kritisch beäugt wird. Wegen seiner Art, wie er sich auf dem Platz verhält. Wegen seiner nicht stets euphorischen und galligen Ausstrahlung. Manche Medien sehen in der Bewertung des Bayern-Spielres bereits Parallelen zu Özil, dessen Körpersprache wohl häufiger zum Thema wurde als seine Genialität. In unserer Einzelkritik zum Testspiel am Mittwochabend hieß es über den 25-Jährigen: Er hat immer zwei, drei Aktionen, in denen er andeutet, dass er den Unterschied macht. Den Rest des Spiels denkt man sich dann allerdings: Wo ist jetzt Sané?

"Will einfach zeigen, was ich drauf habe"

Geographisch lässt sich das ganz simpel verorten. Noch ist Sané in Seefeld. Bei der Nationalmannschaft. Letzter Tag im Trainingslager. Dass es sein letzter vor dem Turnier wird, das ist klar auszuschließen. Löw plant alle 26 Spieler, die er nominiert hat, mit auf sein finale Mission als Bundestrainer zu nehmen. Die Uefa gestattet das Mehr an drei Spielern aufgrund der besonderen Bedingungen der Pandemie. Wo Sané indes sportlich steht, diese Frage ist dagegen deutlich schwieriger zu beantworten. Seine Saison beim FC Bayern war gut, nicht herausragend. Im März sagte sein Trainer Hansi Flick, der künftig sein Bundestrainer werden wird: "Er ist teilweise ein Künstler, der das eine oder andere Mal vielleicht ein bisschen auf Stand-by ist."

Von Stand-by auf Vollbetrieb schalten, das ist das formulierte Ziel von Sané für die kommenden Wochen. "Ich brenne sehr auf die EM", sagte er in Seefeld. Auf Highlight-Spiele wie die Vorrunden-Duelle mit Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal "wartet man sein Leben lang, da willst du dich beweisen." Und er glaubt, dass für ihn "jetzt der beste Zeitpunkt dafür ist. Ich will einfach zeigen, was ich drauf habe." Dribblings, schnelle Bewegungen, starke Abschlüsse, das was Sané alles kann, was er selbst "riskant" nennt, was überraschend und kreativ ist, das braucht Deutschland dringend. Und all das hebt ihn auch elementar von Jonas Hofmann ab, von Kai Havertz und Timo Werner, die im Notfall links übernehmen würden.

Kumpel Kimmich sagt: "Mit seinen Fähigkeiten kann er uns in großen und in entscheidenden Spielen alleine tragen. Darauf hoffen wir." Die Mannschaft. Und die Fans"Wir haben die Leute die letzten Jahre nur enttäuscht. Wir können uns nicht immer verstecken und sagen, dass wir viel Qualität haben. Jetzt sind wir gefragt", sagt Kimmich in einer ZDF-Doku über ihn und ergänzte: "Mein Ziel ist es, Europameister zu werden." Sanés übrigens auch. Dass womöglich ausgerechnet er Löw den spektakulären Abschluss nach 15 Jahren als Bundestrainer bereitet, es wäre das kitschigste Ende einer lange Zeit äußerst komplizierten Beziehung.

Quelle: ntv.de

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