Collinas Erben

"Collinas Erben" hecheln hinterher Bayer im Glück: Kinhöfer kein Usain Bolt

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Aber Schiedsrichter, das war doch ein Elfmeter: Kölns Kevin Vogt beschwert sich bei Thorsten Kinhöfer.

(Foto: imago/Uwe Kraft)

Gegen den 1. FC Köln profitiert Leverkusen davon, dass der Schiedsrichter nicht schnell genug am Tatort ist. In Augsburg hat der Unparteiische die Qual der Wahl. Die ungewöhnlichsten Geschichten schreiben aber immer noch die Freizeitkicker.

In der vergangenen Woche machte eine amüsante Geschichte aus dem Amateurfußball die Runde: Kurz vor dem Anpfiff eines Kreisligaspiels in der Nähe von Stuttgart bemerkte der Schiedsrichter, dass er sowohl seine Pfeife als auch die Gelbe und die Rote Karte zu Hause vergessen hatte. Mit einer Ersatzpfeife konnte der gastgebende Verein zwar dienen, nicht aber mit den signalfarbenen Disziplinarkarten.

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Doch der Referee wusste sich zu helfen: Er kam mit den beiden Teams überein, seinen Personalausweis für Verwarnungen einzusetzen und im Falle eines Platzverweises den Führerschein respektive eine Bankkarte zu zücken. Not macht erfinderisch. Im Gegensatz dazu hatte Thorsten Kinhöfer an alle Utensilien gedacht, als er das Lokalderby zwischen Bayer 04 Leverkusen und dem 1. FC Köln anpfiff.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Und so hielt er dem Leverkusener Torhüter Bernd Leno nach drei gespielten Minuten auch nicht seinen "Perso" vor die Nase, sondern ganz vorschriftsmäßig die Gelbe Karte. Der Schlussmann der Gastgeber war damit allerdings gar nicht einverstanden, und auch seine Mitspieler protestierten vehement - zumal Kinhöfer nicht nur den Karton, sondern auch auf den Elfmeterpunkt gezeigt hatte. Der Grund für diese Entscheidungen des Unparteiischen: Leno soll den Kölner Matthias Lehmann im Strafraum regelwidrig zu Fall gebracht haben.

Vorausgegangen war ein Zweikampf, wie er immer mal wieder zu beobachten ist: Ein plötzlich völlig freistehender Stürmer versucht, den Torwart zu umkurven, der Keeper wirft sich ihm in höchster Not vor die Füße und streckt dabei seine Arme aus, um das Leder zu erreichen. Er verfehlt es jedoch, und schließlich geht der Angreifer zu Boden. "Klares Foul" rufen die einen, "klare Schwalbe" die anderen. Und dazwischen steht der Schiedsrichter, der ohne jedes technische Hilfsmittel und in Sekundenbruchteilen eine Entscheidung treffen muss, von der er weiß, dass sie - egal, wie sie ausfällt – einer Seite zutiefst missfallen wird.

Gelb-Rot für Leno wäre fällig gewesen

Wesentlich ist in einem solchen Fall die Frage, wer den Löwenanteil am Sturz des Stürmers hat: der Torwart oder der Stürmer selbst? Hat der Schlussmann den Angreifer getroffen oder zumindest ein Hindernis gebildet, dem der gegnerische Spieler beim besten Willen nicht mehr ausweichen konnte? Oder hat der Stürmer schon deutlich vor dem Kontakt abgehoben beziehungsweise derart freiwillig "eingefädelt", dass man dem Torhüter kaum einen Vorwurf machen kann? Kinhöfer entschied: Foulspiel von Leno. Und das war vertretbar, denn der Bayer-Torwart hatte den Ball nicht mehr erreicht und anschließend den Kontakt mit Lehmann verschuldet. Weil dadurch eine gute Torchance vereitelt wurde, gab’s außerdem noch eine Verwarnung obendrauf.

Einen weiteren Elfmeter für den 1. FC Köln hätte es in der 15. Minute geben sollen, als es wiederum Bernd Leno war, der im eigenen Strafraum zu spät kam, diesmal gegen Anthony Ujah. Entstanden war die Situation durch einen weiten Befreiungsschlag der Kölner und die anschließende, überraschenderweise viel zu kurz geratene Kopfballrückgabe von Leverkusens Innenverteidiger Emir Spahic zu seinem Keeper, die Ujah erlief. Der 46 Jahre alte Referee Kinhöfer hätte hier schon die Sprintqualitäten eines Usain Bolt haben müssen, um nahe genug am folgenden Zweikampf zwischen Leno und dem Kölner Angreifer zu sein und einen optimalen Blick darauf zu haben. So aber war er zu weit weg vom Geschehen und musste sich deshalb ganz auf seinen Assistenten verlassen, der trotz guter Sicht kein Foul des Leverkusener Torhüters gesehen hatte. Ärgerlich für die Kölner, zumal bei einem weiteren Elfmeterpfiff auch die Gelb-Rote Karte für Leno fällig gewesen wäre.

Kurioses in der Berliner Kreisliga

Viele Diskussionen gab es auch um den Strafstoß, den der FC Augsburg in der 69. Minute seines Heimspiels gegen den Hamburger SV zugesprochen bekam. Nach einem missglückten Klärungsversuch der Gäste gingen der Augsburger Nikola Djurdjic und der Hamburger Ashton-Phillip Götz zum Ball. Djurdjic war dabei einerseits einen Tick schneller, hatte seinen Fuß andererseits jedoch in einer für Götz durchaus bedrohlichen Höhe.

Es kam zu einem Kontakt, und beide Spieler gingen zu Boden. Schiedsrichter Jochen Drees gab einen Elfmeter für die Hausherren und zeigte dem Hamburger die Gelbe Karte. Ein Freistoß für den HSV wegen gefährlichen Spiels wäre jedoch mindestens ebenso denk- und vertretbar gewesen. Manchmal gibt es im Fußball Grenzfälle, in denen nicht nur eine Entscheidung richtig ist.

In Berlin geschah derweil äußerst Kurioses - aber nicht beim Spiel der Hertha gegen den FC Bayern, sondern in der Kreisliga A beim Derby zwischen Schwarz-Weiß Spandau und der zweiten Mannschaft der Spandauer Kickers. Ein Spieler der Gastgeber sah nämlich zweimal die Gelbe Karte, durfte aber dennoch weiterspielen. Ein Fehler des Schiedsrichters. Schwarz-Weiß verlor das Spiel trotzdem mit 1:2 - und legte anschließend Einspruch gegen die Spielwertung ein. Ein Entschluss, den der Kapitän des Teams wie folgt begründete: "Gerade im Fußball ist es ja so, dass ein Platzverweis gegen die eigene Mannschaft zu einer zusätzlichen Motivation führen kann." Und diese Zusatzmotivation sei der Mannschaft genommen worden, weil es keine Gelb-Rote Karte gegen ihren Spieler gegeben habe. Der Einspruch wurde schließlich abgewiesen. "Die Ansicht, dass ein Nachteil vorlag, weil der eigene Spieler nicht des Feldes verwiesen wurde, kann das Sportgericht nicht nachvollziehen", hieß es trocken zur Begründung. Und das - daran kann kein Zweifel bestehen - völlig zu Recht.

Quelle: n-tv.de

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