Collinas Erben

"Collinas Erben" ehren Pionierin Bibiana Steinhaus pfeift ab

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Schlusspfiff: Bibiana Steinhaus macht Schluss als Schiedsrichterin.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Das Supercupfinale zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund war das letzte Spiel von Bibiana Steinhaus als Schiedsrichterin: Die erste Unparteiische in der Männer-Bundesliga beendet ihre Laufbahn - ohne einen einzigen Feldverweis im Oberhaus.

Als die Schiedsrichterkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Sommer 2016 bekannt gab, welche Unparteiischen zur kommenden Saison in die Bundesliga der Männer aufsteigen, war die Enttäuschung bei Bibiana Steinhaus groß. Ihr Name war wieder nicht dabei, obwohl sie in der internen Bewertung auf dem ersten Platz lag. Dieses Notenranking ist eigentlich ein gut gehütetes Geheimnis der sportlichen Leitung der Referees. Doch diesmal war nach außen gedrungen, dass die gleich vier männlichen Zweitliga-Schiedsrichter, die den Sprung ins Oberhaus geschafft hatten, allesamt hinter der einzigen Frau platziert waren.

Es seien nun mal nicht nur die Leistungen in der vergangenen Spielzeit maßgeblich, lautete die Begründung, sondern man berücksichtige bei den Aufstiegsentscheidungen auch die Bewertungen in den Jahren zuvor. Und da habe Steinhaus, Zweitliga-Schiedsrichterin seit 2007, nicht auf den vorderen Rängen gelegen. Weite Teile der Öffentlichkeit empfanden das als Ausflucht, die Kommission musste sich anhören, ihr Bewertungssystem sei intransparent. Die Zeit sei längst reif für eine weibliche Unparteiische im Oberhaus des deutschen Fußballs, hieß es bei Medien und Experten, und mit Bibiana Steinhaus gebe es eine Kandidatin, die ihre Eignung nachgewiesen habe.

Mit Fröhlich kam der Aufstieg

Die damals 37-Jährige war schon länger ein bekanntes Gesicht im Fußball: Bei den Frauen gehörte sie seit Jahren zur Weltspitze, hatte 2011 das Endspiel der WM in Deutschland gepfiffen und ein Jahr später auch das olympische Finale in London. Bei den Männern hatte sie sich nicht nur in der Zweiten Liga einen Namen gemacht, sondern auch bereits in der Elitespielklasse: Dort wurde sie regelmäßig als Vierte Offizielle eingesetzt, bevorzugt in brisanten Spielen mit extrovertierten Trainern. Denn zu den großen Stärken von Steinhaus, im Hauptberuf Polizistin, gehört es, Konflikte durch Persönlichkeit einzudämmen, Gemüter zu beruhigen, Situationen zu deeskalieren. Ob Jürgen Klopp oder Pep Guardiola - wenn Bibiana Steinhaus zwischen den Trainerbänken stand, verhielten sie sich meist gesittet.

Trotzdem schienen ihre Vorgesetzten es ihr nicht recht zuzutrauen, auch in der Funktion der Hauptschiedsrichterin in der Bundesliga zu bestehen. Das änderte sich erst, als es in der Leitung der Schiedsrichterkommission zu einem personellen Wechsel kam: Auf den autoritären Herbert Fandel folgte Lutz Michael Fröhlich, der einen deutlich kooperativeren Führungsstil pflegt und zudem stärker auf das Leistungsprinzip setzt, wenn man etwa Manuel Gräfe glauben darf, der Fandel öffentlich kritisiert hatte. Nach der Saison 2016/17 stieg Steinhaus auf und sorgte damit für eine Premiere: Sie war nicht nur die erste weibliche Unparteiische in der Bundesliga, sondern überhaupt in einer der Top-Ligen der Welt bei den Männern.

Damit hatte sie eine Vorreiterrolle, die ihr selbst gar nicht so wichtig war, wie sie immer wieder betonte. "Für mich ist das keine große Sache, aber ich muss mit damit auseinandersetzen, weil es für andere eine ist", sagte sie beispielsweise der renommierten New York Times, die ihr Anfang November 2017 ein großes Porträt widmete. "Ich hatte nie vor, einen Emanzipationsweg zu beschreiten", äußerte sie gegenüber der Süddeutschen Zeitung. In den ersten Jahren habe sie sich bemüht, "unter dem Radar zu fliegen, mit der Gruppe der Schiedsrichter eins zu werden", in der sonst fast nur Männer sind. "Bis ich gemerkt habe, dass mir das niemals gelingen wird. Diese andere Rolle anzunehmen hat lange gedauert." Die "andere Rolle", das ist die der Pionierin, des Vorbilds für Frauen im Fußball.

Ribéry energisch ermahnt

Mit Akzeptanzproblemen im Profifußball der Männer hatte Bibiana Steinhaus als Spielleiterin nur selten zu kämpfen, da haben sich die Zeiten inzwischen zum Glück ein wenig geändert. Und wenn sich doch einmal ein Spieler oder Trainer ihr gegenüber etwas herausnahm, das er sich bei einem männlichen Referee mutmaßlich nicht erlaubt hätte, ging sie souverän und gelassen damit um. So etwa im August 2017 beim DFB-Pokalspiel des FC Bayern München in Rostock, als Franck Ribéry ihr vor der Ausführung eines Freistoßes in Tornähe plötzlich einen Schnürsenkel öffnete. Was der Franzose wohl als Schabernack verstand, war ein Angriff auf die Autorität der Schiedsrichterin, für den mindestens eine Gelbe Karte angemessen gewesen wäre.

Doch Steinhaus reagierte anders: Sie gab Ribéry zunächst nur einen Klaps auf den Rücken, ließ ihn den Freistoß zum 4:0 verwandeln - und ermahnte ihn anschließend sehr deutlich. Als sie am selben Abend im Aktuellen Sportstudio des ZDF zu Gast war, kommentierte sie die Szene mit den Worten: "Ich glaube, die Botschaft ist angekommen: Das wird kein zweites Mal passieren." Das brachte ihr vermutlich mehr Respekt ein, als es eine Karte vermocht hätte, wenngleich sich der Münchner selbst über einen Platzverweis nicht hätte beschweren können.

Verletzungen verhinderten weitere Bundesligaspiele

Ihr erstes Bundesligaspiel pfiff Bibiana Steinhaus am 10. September 2017 in Berlin, als die Hertha auf Werder Bremen traf. Die Partie endete 1:1, und die Unparteiische bekam viel Lob für ihren Einstand. Lutz Michael Fröhlich hatte sie zuvor, genau wie die anderen Aufsteiger, gefragt, welchen Spielort sie sich für die Premiere wünsche. Steinhaus entschied sich für das weitläufige Olympiastadion, das gewöhnlich das Gegenteil von einem Hexenkessel und damit für ein Debüt ideal ist, weil man als Unparteiische(r) vom Publikum nicht so unter Druck gesetzt wird.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dass anschließend "nur" noch 22 Bundesligaspiele als Hauptschiedsrichterin folgten, liegt entscheidend daran, das Steinhaus immer wieder mit kleineren und größeren Verletzungen zu kämpfen hatte. Diese Tatsache trug nun auch zum vorzeitigen Ende der Laufbahn als Unparteiische bei: Wie schon in den vergangenen beiden Jahren hatte Steinhaus nicht an der obligatorischen Laufprüfung im Sommer-Trainingslager der DFB-Referees am Chiemsee teilnehmen können. Anders als zuvor verzichtete sie nun jedoch - "nach einem sehr vertrauensvollen und konstruktiven Gespräch mit Lutz Michael Fröhlich" sowie "nach sorgfältiger Abwägung vieler Faktoren", wie sie selbst sagt - auf die Möglichkeit, sie bei einem individuellen Termin nachzuholen.

Eine Nachfolgerin ist nicht in Sicht

Das Supercupfinale zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund war somit zumindest das letzte Spiel von Bibiana Steinhaus als Schiedsrichterin auf dem Feld. Als Video-Assistentin wird sie allerdings weiterhin tätig sein. Steinhaus hört auf, ohne einen einzigen Feldverweis in der Bundesliga ausgesprochen zu haben, und kam im Schnitt mit weniger als drei Gelben Karten pro Spiel aus. Das unterstreicht ihre große Stärke, nämlich die Kontrolle des Geschehens durch Persönlichkeit und Kommunikation.

Steinhaus hat sich zwar selbst nicht als Pionierin gesehen, dennoch war sie es - und die Akzeptanz für weibliche Unparteiische im Männerfußball hat sie deutlich erhöht. Eine Nachfolgerin für sie im Oberhaus der Männer ist derzeit gleichwohl nicht in Sicht. Riem Hussein (40) leitet zwar Spiele in der Dritten Liga, der Sprung gleich zwei Klassen höher wird ihr altersbedingt aber wohl nicht mehr gelingen. Bis wieder eine Frau in der höchsten Liga des deutschen Männerfußballs pfeift, dürften also noch einige Jahre vergehen.

Quelle: ntv.de