Sport
Schiedsrichter Welz braucht beim Spiel der Leipziger fast fünf Minuten für die abschließende Entscheidungsfindung.
Schiedsrichter Welz braucht beim Spiel der Leipziger fast fünf Minuten für die abschließende Entscheidungsfindung.(Foto: imago/Philippe Ruiz)
Montag, 22. Oktober 2018

"Collinas Erben" sind geduldig: Braucht der Video-Assistent zu lange?

Von Alex Feuerherdt

In Augsburg beansprucht der Video-Assistent fünf Minuten für die Überprüfung einer Szene. In Frankfurt läuft die Partie nach Handspiel noch eine Minute weiter, bis er reagiert. Doch so misslich das ist: Es ist die Ausnahme der Fußball-Bundesliga.

Keine Frage: Als Schiedsrichter Tobias Welz im Spiel zwischen dem FC Augsburg und RB Leipzig (0:0) nach neun Minuten einen Strafstoß für die Gäste gab und sich anschließend sein Video-Assistent Markus Schmidt einschaltete, wurde die Geduld von Spielern, Trainern und Zuschauern auf eine harte Probe gestellt. Im Durchschnitt dauert die videogestützte Überprüfung einer Szene in der Fußball-Bundesliga knapp eine Minute - etwas mehr, wenn es zusätzlich zu einem On-Field-Review durch den Unparteiischen kommt, und etwas weniger, wenn es bei einem Check in der Kölner Videozentrale bleibt. In Augsburg aber vergingen am Samstag vier Minuten und 50 Sekunden zwischen dem Elfmeterpfiff und der Fortsetzung des Spiels. Alle waren sich einig: Das hat einfach zu lange gedauert.

Bilderserie

Aber warum war das so? Die Antwort lautet: weil ungewöhnlich viel zusammenkam und die Entscheidungsfindung außerdem höchst komplex und kompliziert war. Zunächst schaute sich Referee Welz am Spielfeldrand auf Geheiß des Video-Assistenten noch einmal den Zweikampf zwischen dem Augsburger Jeffrey Gouweleeuw und Timo Werner an, der zur Strafstoßentscheidung geführt hatte. Gewiss: Der Kontakt war nicht sehr ausgeprägt und der Leipziger recht bereitwillig zu Boden gegangen, das musste man also nicht unbedingt abpfeifen. Aber war es ein klarer und offensichtlicher Fehler, den Elfmeter zu geben? Das konnte man guten Gewissens ebenfalls verneinen, zumal Gouweleeuw den Ball nicht spielte. Und so blieb Tobias Welz nach Ansicht der Bilder auch bei seinem Entschluss.

VAR benötigt seltene Kameraperspektive

Da waren seit dem Pfiff knapp zweieinhalb Minuten vergangen. Doch die Überprüfung war noch nicht zu Ende, denn nun sah der Video-Assistent nach, ob während des Angriffszuges, der im Strafstoß mündete, eine strafbare, vom Schiedsrichter-Assistenten übersehene Abseitsstellung von Jean-Kevin Augustin vorlag, der nach einem Befreiungsschlag von Nordi Mukiele zum Ball gegangen war. Ein solcher Check geht normalerweise schnell vonstatten, doch in diesem Fall hatte die Sache einen großen Haken, wie Welz nach der Partie erklärte: "Es war verdammt schwierig, die richtige Kameraeinstellung zu finden. Da haben die Kollegen in Köln mitgeteilt, dass sie einfach Zeit brauchen." Denn wie sich herausstellte, hatte keine der Hauptkameras, mit denen sich ein mögliches Abseits normalerweise rasch aufklären lässt, den entscheidenden Moment eingefangen.

Der Grund kann beispielsweise darin liegen, dass die Distanz zwischen Mukiele und Augustin im Moment des Abspiels sehr groß war und deshalb nicht beide Spieler auf einem Bild erfasst wurden. Denkbar ist auch, dass im maßgeblichen Moment ein ungünstiger Kamerazoom eingestellt war. Jedenfalls zeigte erst eine vom Video-Assistenten sehr selten benötigte Kameraperspektive, die aus der Diagonalen das Stadionpanorama abbildet, Augustins Abseitsstellung. Anschließend musste der Video-Assistent noch prüfen, ob der Leipziger den Ball tatsächlich berührt hatte, bevor die Kugel zu seinem Mitspieler Yussuf Poulsen gelangte. Auch das war nicht sofort zu erkennen. Am Ende hätten Schmidt und dessen Helfer "einfach sehr gut gearbeitet und auf Sicherheit vor Schnelligkeit gesetzt", befand Tobias Welz. "Sie haben akribisch gesucht, deswegen hat es auch so lange gedauert."

Auch in Frankfurt griff der Video-Assistent zu Recht ein

Das Handspiel von Bodzek (r.) dürfte kaum jemand mitbekommen haben.
Das Handspiel von Bodzek (r.) dürfte kaum jemand mitbekommen haben.(Foto: imago/Jan Huebner)

Ganz genau hingesehen hatte auch Frank Willenborg, der Video-Assistent von Schiedsrichter Deniz Aytekin in der Begegnung zwischen Eintracht Frankfurt und Fortuna Düsseldorf (7:1). Kaum jemand im Stadion dürfte das Handspiel von Adam Bodzek im Strafraum der Gäste nach 17 Minuten mitbekommen haben, denn der Düsseldorfer Kapitän war zwar mit erhobenem Arm in eine Hereingabe gesprungen, hatte den Ball jedoch nur leicht berührt und dessen Flugbahn deshalb bloß geringfügig verändert. Aytekin hatte davon erkennbar nichts mitbekommen, weshalb Willenborg ihm nach dem Abschluss seiner Überprüfung den Gang in die Review Area empfahl. Das Spiel war in der Zwischenzeit weitergelaufen, weshalb die Verwunderung groß war, als der Referee aufs Feld zurückkehrte und einen Strafstoß gab. Wie in Augsburg hatte auch diese Entscheidung eine Weile gedauert, war aber ebenfalls korrekt.

Dass sie dennoch für Missmut sorgte, verweist auf ein grundsätzliches Problem: Wenn der Ball nach einer Situation, die vom Video-Assistenten überprüft werden kann, erst einmal im Spiel bleibt, führt das häufig zu Irritationen. Denn anders als in einer Unterbrechung kann der Schiedsrichter dann nicht anzeigen, dass ein Check stattfindet und sich die Spieler deshalb gedulden mögen. Es entsteht daher bei vielen der Eindruck, dass die getroffene Entscheidung in jedem Fall bestehen bleibt, auch wenn das nicht stimmt. Hinzu kommt eine weitere Schwierigkeit: Sieht der Video-Assistent schließlich die Notwendigkeit eines Eingriffs und teilt er dies dem Unparteiischen mit, dann stellt sich für diesen die Frage, wie er vorgehen soll. Im Wesentlichen hat er zwei Möglichkeiten: Entweder wartet er bis zur nächsten Spielruhe oder er unterbricht die Partie, wobei der Ball sich in diesem Fall möglichst in einem neutralen Bereich des Spielfeldes befinden soll, etwa im Mittelfeld.

Die Transparenz ist weiterhin verbesserungsbedürftig

Manchmal ergibt sich allerdings weder die eine noch die andere Option, so auch in Frankfurt: Direkt nach dem Handspiel rollte ein Düsseldorfer Sturmlauf auf das Tor der Eintracht zu, und als dieser abgefangen war, ging es rasch in die andere Richtung, wo Luka Jović eine Großchance hatte, den Ball aber am Gehäuse vorbeilegte. Erst jetzt, nach rund einer Minute, kam es zum On-Field-Review. Das fanden viele reichlich spät, aber was hätte Aytekin tun sollen? Den Düsseldorfer Angriff unterbrechen? Für den immerhin denkbaren Fall, dass er anderer Ansicht als Willenborg gewesen wäre, hätte das die Gäste zu Recht erzürnt. Den Frankfurter Angriff unterbrechen? Dazu bestand erst recht kein Anlass. Denn wenn Jović getroffen hätte, wäre das Review hinfällig gewesen, schließlich kann bei einem Elfmeter auch nicht mehr herauskommen als ein Tor.

Die Interventionen der Video-Assistenten in Augsburg und Frankfurt haben noch einmal für aufgeregte Diskussionen über das Thema Videobeweis gesorgt, obwohl in beiden Situationen, bei denen die Entscheidungsfindung und das Entscheidungsmanagement überaus anspruchsvoll waren, schließlich die richtigen Maßnahmen getroffen wurden. Doch weil die Klärung dieser Fälle auch einige Zeit in Anspruch nahm, wurde viel Kritik laut. Diese Ungeduld ist manchmal anstrengend, allerdings hatten die Kritiker am Wochenende auch einen Punkt: Die Transparenz in den Stadien ist weiterhin verbesserungsbedürftig. Wenn eine Entscheidung geändert wird, möchte das Publikum begreiflicherweise zumindest nicht im Unklaren gelassen werden. Die erklärenden Einblendungen auf den Anzeigetafeln in den Arenen, die vor der Saison versprochen wurden, sind aber längst nicht immer zu sehen. Noch weiter weg ist man von bewegten Bildern, wie sie bei der WM in Russland gezeigt wurden. Dieser Missstand gehört dringend behoben.

Datenschutz
Datenschutz

Quelle: n-tv.de