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Sport
"Nur" Gelb lautet Sascha Stegemanns Urteil gegen Franck Ribéry.
"Nur" Gelb lautet Sascha Stegemanns Urteil gegen Franck Ribéry.(Foto: imago/MIS)
Montag, 19. Februar 2018

"Collinas Erben" sind bewegt: Köln grollt, Schalke staunt, Ribéry atmet auf

Von Alex Feuerherdt

Große Emotionen am 23. Spieltag der Fußball-Bundesliga: In Köln zeigt sich beim Videobeweis eine "Gerechtigkeitslücke", die kaum zu schließen ist. Auf Schalke sorgt Manuel Neuers Bruder dafür, dass ein Fünftliga-Schiedsrichter zum Einsatz kommt.

Als Claudio Pizarro in der vierten Minute der Nachspielzeit mit einem wunderschönen Flugkopfball ins Tor von Hannover 96 traf, bebte die Arena im Kölner Stadtteil Müngersdorf am späten Samstagnachmittag. Der 39-jährige Peruaner schien mit dem späten Treffer, seinem ersten für den 1. FC Köln, den Rheinländern nicht nur im letzten Moment drei Punkte gesichert, sondern auch neue Hoffnung im verzweifelten Kampf gegen den Abstieg aus der Fußball-Bundesliga gegeben zu haben. Drei Tage nach Aschermittwoch spielte die Stadionregie wieder Karnevalsmusik ein, die Kölner Fans riefen glückselig den Nachnamen des Torschützen. Es war ein besonderer, höchst emotionaler Moment.

Pizarros Freude über sein Tor hielt nur kurz.
Pizarros Freude über sein Tor hielt nur kurz.(Foto: imago/Revierfoto)

Doch seit dieser Saison genügt nicht mehr der kurze Blick zum Schiedsrichter und zum zuständigen Assistenten an der Seitenlinie, um sicher sein zu können, dass ein Tor auch wirklich zählt. Denn wenige Kilometer vom Kölner Stadion entfernt überprüfen Videoassistenten in einer Zentrale jeden Treffer noch einmal ganz genau. Das dauert manchmal eine Weile und so kann es passieren, dass die Tormelodie schon gespielt, der Schütze schon namentlich gefeiert, der vermeintlich neue Spielstand schon bekannt gegeben und der Ball schon auf den Anstoßpunkt gelegt wurde, ehe der Referee plötzlich die Umrisse eines Monitors in die Luft zeichnet und anzeigt: Das Tor wird annulliert. So wie Markus Schmidt in Müngersdorf.

Dessen Entscheidung, die er auf Empfehlung des Videoassistenten Marco Fritz traf, war unzweifelhaft richtig, denn der Vorlagengeber Marcel Risse hatte, vom Schiedsrichterassistenten unbemerkt, einen halben Schritt im Abseits gestanden. Emotional aber war die Rücknahme des Treffers für die Kölner Fans naturgemäß schwer zu ertragen, denn die Enttäuschung ist bekanntlich besonders groß, wenn sie einen Zustand der Euphorie jäh beendet. Was den Kölner Missmut noch steigerte, war, dass der Assistent sich zuvor bereits zweimal bei Abseitsentscheidungen zu Ungunsten der Domstädter geirrt hatte, wodurch Simon Terodde und Simon Zoller um sehr gute Torchancen gebracht wurden. Anders als bei Pizarros Tor ließen sich diese Fehler allerdings nicht mithilfe des Videobeweises korrigieren.

Eine kaum zu schließende "Gerechtigkeitslücke"

Das verweist auf etwas, das gerne als "Gerechtigkeitslücke" im Reglement bezeichnet wird: Ein Abseitstor kann mithilfe des Videobeweises zurückgenommen werden, eine falsche Abseitsentscheidung dagegen macht eine Tormöglichkeit unwiderruflich zunichte, denn die Chance lässt sich nicht wiederherstellen. Die Schiedsrichter sind deshalb eigentlich angewiesen, bei engen abseitsverdächtigen Situationen in Tornähe nicht sofort zu pfeifen, wenn der Assistent die Fahne hebt, sondern die Szene zu Ende spielen zu lassen und bei einem Torerfolg den Videoassistenten zu Rate zu ziehen. Bei Teroddes und Zollers Chancen wäre das möglich gewesen. Optimal ist das gleichwohl nicht, denn auch, wenn nicht ein Fahnenzeichen, sondern erst ein Pfiff das Spiel unterbricht, werden zumindest die Verteidiger irritiert reagieren, Ärger ist deshalb programmiert.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Manch einer schlägt deshalb vor, die Assistenten sollten einfach grundsätzlich kein Abseits mehr anzeigen. Wenn sich dann im Zuge der Videoprüfung nach einer Torerzielung herausstelle, dass eine strafbare Abseitsstellung vorlag, werde der Treffer eben aberkannt. Was spontan nachvollziehbar klingt, ist allerdings auch nicht ideal: Was wäre beispielsweise, wenn aus einem Abseits zwar kein Tor resultiert, aber ein Freistoß oder Eckstoß für die angreifende Mannschaft, der dann zu einem regulären Treffer führt? In diesem Fall dürfte der Video-Assistent vor dem Freistoß oder Eckstoß nicht eingreifen, weil deren Berechtigung nicht überprüft wird.

Das sei aber bereits jetzt ein Problem, wird daraufhin eingewendet, gefolgt von der Anregung, die Regeln noch radikaler zu ändern und die Videoassistenten nach ausnahmslos jedem Angriff in der nächsten Spielunterbrechung nachsehen zu lassen, ob ein Abseits vorlag. Mit Ausnahme von Situationen vielleicht, in denen die verteidigende Mannschaft nach dem potenziellen Abseits in Ballbesitz kam oder kommt. Die unweigerliche Folge davon wären allerdings zahlreiche Spielunterbrechungen - einmal abgesehen davon, dass die Schiedsrichterassistenten ihre wichtigste Aufgabe verlören. Eine Aufgabe, bei der sie in der Bundesliga normalerweise eine Trefferquote von deutlich über 90 Prozent haben. Die "Gerechtigkeitslücke" wäre also nicht zu schließen, ohne den Fußball drastisch zu verändern. Ob das wirklich eine gute Idee wäre?

Warum Stuttgart keinen Elfmeter bekam

Auch in anderen Stadien kam es am Wochenende zum Videobeweis, insgesamt fast so häufig wie an den bisherigen Rückrundenspieltagen zusammen. Im Spiel des FC Schalke 04 gegen die TSG Hoffenheim (2:1) und in der Partie des FC Augsburg gegen den VfB Stuttgart (0:1) wurde dabei ebenfalls jeweils ein Tor wegen Abseits nachträglich aberkannt, auch in diesen Fällen zu Recht. In Augsburg zog Schiedsrichter Tobias Stieler ein weiteres Mal den Videoassistenten zu Rate, als der Stuttgarter Stürmer Mario Gomez kurz vor dem Pausenpfiff nach einem Zweikampf mit Martin Hinteregger im Strafraum der Hausherren zu Fall kam.

Mario Gomez und Martin Hinteregger begegneten sich gleich mehrmals im Strafraum.
Mario Gomez und Martin Hinteregger begegneten sich gleich mehrmals im Strafraum.(Foto: imago/ActionPictures)

Es war eine knifflige Situation, in der der Unparteiische zunächst weiterspielen lassen hatte. Daraufhin wurde die Szene in der Kölner Videozentrale überprüft, wo Christian Dingert an den Bildschirmen saß. Von dort aus erging die Empfehlung an Stieler, sich in der Review Area am Spielfeldrand selbst ein Bild zu machen. Da der Ball längere Zeit im Spiel blieb, unterbrach der Referee die Begegnung - das war zwar regelkonform, aber nicht ganz glücklich, weil der Pfiff mitten in einem Angriff des VfB ertönte. Nach dem Betrachten verschiedener Perspektiven entschied der Schiedsrichter schließlich, dass es kein klarer Fehler war, nicht auf Strafstoß erkannt zu haben. Das war nachvollziehbar, weil Gomez bei seinem Sturz nach dem leichten Kontakt mit Hinteregger nachgeholfen hatte. Statt eines Elfmeters gab es den Schiedsrichter-Ball, weil die Unterbrechung erfolgt war, ohne dass ein Vergehen vorlag.

Ribéry und Abrashi im Glück

Auch beim Gastspiel des FC Bayern München in Wolfsburg, das der Meister in letzter Minute mit 2:1 gewann, trat der Unparteiische den Weg in die Review Arena an. Sascha Stegemann hatte Franck Ribéry nach dessen Armeinsatz im Zweikampf, bei dem Renato Steffen am Kopf getroffen wurde, zunächst lediglich ermahnt. Doch Videoassistent Patrick Ittrich kam nach Ansicht der Wiederholungen zu dem Schluss, dass für die Aktion des Münchners eine Rote Karte in Betracht kommen könnte. Der Referee wertete Ribérys Ausschlagen jedoch lediglich als Rücksichtslosigkeit, mit der sich der Franzose seinen Gegner vom Leib halten wollte, und nicht als gezielte Tätlichkeit. Deshalb zeigte er nur die Gelbe Karte.

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Ein Grenzfall, in dem die Verwarnung vertretbar war, ein Feldverweis aber ebenfalls nicht falsch gewesen wäre. Bei der Grätsche des Freiburgers Amir Abrashi gegen den Bremer Philipp Bargfrede hingegen hielt sich Video-Assistent Tobias Welz zurück, obwohl Abrashi mit den Stollen voraus und einiger Intensität das Schienbein von Bargfrede getroffen hatte. Schiedsrichter Robert Hartmann hatte eigentlich einen günstigen Blick auf die Szene, beließ es aber bei einer Gelben Karte, was sich nur schwerlich rechtfertigen lässt. Auch hier wäre die Inanspruchnahme der Review Area gewiss keine schlechte Idee gewesen. Dass Welz nicht intervenierte, als der Bremer Max Kruse in der 86. Minute nach einem leichten Schubser von Christian Günter im Freiburger Strafraum fiel und Hartmann weiterspielen ließ, war dagegen in Ordnung - auch wenn eine sehr ähnliche Szene auf der anderen Seite nach 23 Minuten zu einem Elfmeter für Freiburg geführt hatte. Doch die Videoassistenten sollen nicht die Einheitlichkeit der Beurteilung von Spielszenen gewährleisten, sondern nur bei klaren und offensichtlichen Fehlern des Referees eingreifen. Der aber lag hier nicht vor.

Von der fünften Liga zum Vierten Offiziellen

Angesichts der Fülle an strittigen Situationen ging ein Kuriosum an diesem Spieltag beinahe unter. Im Spiel der Schalker gegen Hoffenheim verletzte sich Schiedsrichterassistent Robert Schröder bei einem Sprint kurz nach der Pause so schwer, dass er durch den Vierten Offiziellen Guido Kleve ersetzt werden musste und auch nicht dessen Funktion übernehmen konnte. Also wurde ein qualifizierter Schiedsrichter gesucht, der die Funktion des Vierten Offiziellen übernimmt. Das dauerte einige Minuten, doch dann fand sich Stefan Tendyck an der Seitenlinie ein. Der IT-Berater pfeift normalerweise Spiele in der Oberliga Westfalen, also der fünfthöchsten Klasse.

Das Spiel hatte er zunächst in der Nordkurve verfolgt, dort, wo die lautesten und engagiertesten Schalker Fans stehen. Dann aber ereilte ihn, wie die "WAZ" berichtet, der Anruf von Marcel Neuer. Der ältere Bruder des Bayern-Torhüters ist selbst Unparteiischer und außerdem Schiedsrichter-Betreuer des FC Schalke 04. Sein dringender Auftrag an Tendyck lautete: Komm runter und spring ein. So kam der 33-Jährige zu einem gänzlich unerwarteten und ganz besonderen Einsatz - den er mit Sicherheit nicht vergessen wird.

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Quelle: n-tv.de