Collinas Erben

"Collinas Erben" wägen ab Lewandowski ein "sterbender Schwan"?

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Er zögert nicht: SchiedsrichterHarm Osmers zeigt in München dem Berliner Karim Rekik die Rote karte.

(Foto: imago/Sven Simon)

Hertha BSC ärgert sich über einen Feldverweis in München, der hart, aber nicht abwegig ist. Ein Nürnberger scheint indes zu vergessen, dass Tätlichkeiten nicht unentdeckt bleiben. In England verweigert ein Torwart seine Auswechslung - und kommt ungestraft davon.

Harm Osmers war erkennbar überzeugt von seiner Entscheidung. Als der Schiedsrichter der Partie zwischen dem FC Bayern München und Hertha BSC (1:0) den Berliner Karim Rekik nach 84 Minuten mit der Roten Karte des Feldes verwies, hatte er nicht gezögert, zur härtesten aller Sanktionen zu greifen. Zwar war das Spiel bis zu diesem Zeitpunkt recht fair geführt worden, es stand nur eine Gelbe Karte zu Buche, und die hatte es für Joshua Kimmich gegeben, also einen Bayern-Spieler. Aber ein Ermessensspielraum, um Rekik mit einer Verwarnung davonkommen zu lassen, war aus der Perspektive des Unparteiischen nicht gegeben. Es gab auch kein On-Field-Review, wenngleich sich der Berliner Verteidiger eines gewünscht hätte, wie er deutlich machte, indem er gegenüber dem Referee die Umrisse eines Monitors in die Luft zeichnete.

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Das war geschehen: Robert Lewandowski vom FC Bayern stürzt rücklings auf den Rasen.

(Foto: imago/ULMER Pressebildagentur)

Geschehen war dies: Nach einem weiten und hohen Ball der Bayern in die Hälfte der Hertha kam es 25 Meter vor dem Tor der Gäste zu einem Zweikampf zwischen Rekik und Robert Lewandowski. Beide Spieler gingen zu Boden, in der Abrollbewegung traf der Münchner mit seinem rechten Bein - dem Anschein nach unabsichtlich - leicht den Kopf des Herthaners. Während Thomas Müller einige Meter von Rekik und Lewandowski entfernt in Ballbesitz kam, sprangen beide gleichzeitig wieder auf. Als es Lewandowski sofort mit Macht in Richtung Berliner Tor zog, blockierte Rekik den Laufweg des Angreifers mit ausgefahrenem linken Arm und der Schulter. Dabei traf er seinen Gegenspieler am Kinn, der Rückstoß sah heftig aus. Lewandowski stürzte rücklings auf den Rasen und schlug die Hände vors Gesicht.

Die Meinungen der Betroffenen zu dieser Szene gingen weit auseinander. "Das war eine klare Rote Karte", fand Lewandowski. „Er hat mich genau gesehen und geht gezielt hin.“ Rekik bestritt das und warf dem Münchner seinerseits vor, ihn davor "absichtlich mit dem Fuß im Gesicht" getroffen zu haben. Herthas Trainer Pal Dardai war der Ansicht: "Man hätte Gelb für beide geben können." Der Berliner Manager Michael Preetz mochte seinem Coach nicht zustimmen: "Lewandowski hat heute den sterbenden Schwan gespielt. Ich fand, da war ein bisschen viel Theatralik im Spiel." Die Rote Karte sei "völlig überzogen" gewesen. Deshalb müsse man "sich die Frage stellen, was im Videokeller in Köln passiert".

Eine Frage der Wahrnehmung und des Ermessens

Der gut postierte Referee Osmers hatte in Rekiks Aktion eine Tätlichkeit erkannt. Eine solche liegt laut Regel 12 (Fouls und unsportliches Betragen) vor, "wenn ein Spieler ohne Kampf um den Ball übermäßige Härte oder Brutalität gegen einen Gegner, Mitspieler, Teamoffiziellen, Spieloffiziellen, Zuschauer oder eine sonstige Person einsetzt oder einzusetzen versucht". Weiter heißt es dort: "Ein Spieler, der ohne Kampf um den Ball einem Gegner oder einer anderen Person absichtlich mit der Hand oder dem Arm an den Kopf oder ins Gesicht schlägt, begeht eine Tätlichkeit, es sei denn, die eingesetzte Kraft war vernachlässigbar." Waren diese Kriterien wirklich erfüllt?

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Das ist eine Frage der Wahrnehmung und des Ermessens. Fest steht, dass es Rekik nicht um den Ball ging, sondern nur darum, Lewandowski aufzuhalten. Wie viel Kraft er dabei mit seinem Arm und seiner Schulter gegen Kopf und Körper des Gegners einsetzte, ob es sich um eine Art Revanche für den zuvor erlittenen Treffer am Kopf handelte, wie viel Wucht bei der Kollision aus der gegenläufigen Bewegungsrichtung der beiden Spieler resultierte und wie weit Lewandowski die Wirkung des Aufpralls überzeichnet hat, ist dagegen nur schwer zu sagen und nicht zweifelsfrei zu beurteilen. Aus der Perspektive des Schiedsrichters, der den gesamten Ablauf des Zweikampfs verfolgt hatte, stellte sich das Vergehen jedenfalls als Tätlichkeit dar. Das war zumindest nicht abwegig, und deshalb hielt sich Video-Assistent Patrick Ittrich zurück. Mochte die Rote Karte auch als harte Entscheidung anmuten, klar und offensichtlich falsch war sie nicht.

Ittrichs Kollegin Bibiana Steinhaus dagegen griff in der Begegnung zwischen Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Nürnberg (2:1) in ihrer Funktion als Video-Assistentin bereits nach knapp drei Minuten ein. Denn abseits des Balles und vor allem fernab des Blickfeldes von Schiedsrichter Sascha Stegemann hatte der Nürnberger Matheus Pereira seinen Gegenspieler Niko Gießelmann mit dem Arm in den Unterleib geschlagen. Nicht sehr heftig zwar, doch augenscheinlich bewusst und in dem Wissen, eine besonders empfindliche Stelle zu treffen. Gießelmann ging zu Boden, und Steinhaus empfahl dem Referee ein On-Field-Review. Stegemann musste sich die Bilder nicht lange ansehen, um zur einzig richtigen Entscheidung zu gelangen und Pereira vom Platz zu stellen. Man darf es durchaus erstaunlich finden, dass es im Zeitalter des Videobeweises immer noch Spieler gibt, die glauben, unentdeckt eine Tätlichkeit begehen zu können.

England: Kein Gelb trotz Weigerung, sich auswechseln zu lassen

Ein Kuriosum und eine regeltechnische Rarität zugleich ereignete sich unterdessen im englischen Ligapokalfinale zwischen dem FC Chelsea und Manchester City. Nachdem Chelseas Torwart Kepa Arrizabalaga während des Spiels bereits zweimal wegen Oberschenkelbeschwerden behandelt worden war, wollte ihn sein Trainer Maurizio Sarri beim Stand von 0:0 kurz vor dem Ende der Verlängerung und angesichts des bevorstehenden Elfmeterschießens auswechseln. Reservekeeper Willy Caballero stand auch schon an der Seitenlinie bereit, doch Kepa winkte mehrmals ab, zeigte an, unbedingt weiterspielen zu wollen, und ließ sich partout nicht dazu bewegen, seinen Posten zu räumen. In der allgemeinen Ratlosigkeit sprach der erfahrene Referee Jon Moss erst kurz mit dem Schlussmann und anschließend an der Seitenlinie mit dessen Trainer, dann wurde die Auswechslung abgeblasen.

*Datenschutz

Viele dürften sich gewundert haben, dass der Torwart mit seiner Sturheit durchkam - nicht nur gegenüber seinem Coach, sondern auch gegenüber dem Unparteiischen. Doch diesem waren nach dem Regelwerk die Hände gebunden. Denn dort heißt es lediglich lapidar: „Weigert sich ein Spieler, der ausgewechselt werden soll, das Spielfeld zu verlassen, läuft das Spiel weiter.“ Der Betreffende kann also nicht zum Wechsel gezwungen werden, und es ist grundsätzlich auch keine Gelbe oder gar Rote Karte für ihn vorgesehen. Eine Verwarnung würde hingegen fällig, wenn er den Platz absichtlich langsam verließe, um Zeit zu schinden. In der Weigerung aber sehen die Regelhüter keine Unsportlichkeit, sofern sie nicht erkennbar der Spielverzögerung dient.

Chelseas Trainer Sarri geriet über das Verhalten seines Torhüters am Spielfeldrand in Rage, wechselte ihn jedoch auch vor dem Elfmeterschießen nicht aus. Dabei hätte er dazu durchaus die Möglichkeit gehabt. Zwar dürfen am Elfmeterschießen grundsätzlich nur Spieler teilnehmen, die sich beim Abpfiff auf dem Feld befanden oder es, etwa wegen einer Verletzung, lediglich kurzzeitig verlassen hatten. Eine Ausnahme wird jedoch gemacht, wenn ein Torwart verletzungsbedingt nicht mehr weiterspielen kann: Sofern das Wechselkontingent noch nicht erschöpft ist, darf er in diesem Fall ersetzt werden. Andernfalls muss ein Feldspieler für ihn ins Tor gehen. Die Auswechslung des angeschlagenen Kepa Arrizabalaga hätte Referee Moss also sicherlich zugelassen. Doch Coach Sarri beließ den störrischen Schlussmann zwischen den Pfosten. Genutzt hat es nichts: Chelsea verlor das Ligapokalfinale schließlich mit 3:4.

Quelle: n-tv.de