Collinas Erben

"Collinas Erben" für Regel-Nerds Martínez und Schmelzer atmen tief durch

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Schmelzer darf sich über Schiri Starks Großherzigkeit freuen. (Archivbild)

(Foto: picture alliance / dpa)

In Schalke lag ein Strafstoß in der Luft, den wirklich niemand wollte. In München hätte es einen geben müssen, obwohl ihn niemand sah. In Frankfurt gab es zu Recht keinen, was den Schiedsrichter in die Bredouille brachte – auch körperlich.

Manchmal ereignen sich die regeltechnisch interessantesten Dinge nahezu unbemerkt und in scheinbar harmlosen Situationen. Niemand regt sich auf, keiner protestiert beim Schiedsrichter, das Spiel geht weiter wie von allen erwartet. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die Brisanz der Szene. So wie in der 63. Minute der Partie zwischen dem FC Schalke 04 und dem SV Darmstadt 98 am Sonntagnachmittag. Da kombinierten sich die Hausherren elegant an den Strafraum der Gäste, doch dann missriet Max Meyer der Torschuss, weil er von einem Darmstädter bedrängt wurde. Der Ball prallte gegen seinen Mitspieler Yevhen Konoplyanka und von diesem schließlich in Richtung Toraus. Dort stand der Darmstädter Ersatzspieler Laszlo Kleinheisler, der sich mit einigen anderen Reservisten der Hessen aufwärmte, und boxte die auf ihn zufliegende Kugel kurzerhand zu seinem Torwart Michael Esser. Es sollte ja rasch weitergehen, schließlich lagen die "Lilien" mit 1:2 hinten.

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Wenn man sich diese Spielszene noch einmal anschaut, sieht man, wie nahe Kleinheisler der Torlinie war – und man ahnt, dass der Ball möglicherweise noch gar nicht vollständig das Spielfeld verlassen hatte, als der Ungar sich leicht nach vorne beugte und ihn zu seinem Keeper faustete. Die Fernsehbilder geben darüber zwar keinen endgültigen Aufschluss, doch nehmen wir einmal an, dass der Kontakt zwischen Kleinheislers Händen und der Kugel tatsächlich innerhalb des Feldes oder auf der Linie zustande kam: Dann hätte der Unparteiische Frank Willenborg streng genommen einen Strafstoß für Schalke geben müssen.

Denn bei einem Spieleingriff eines Auswechselspielers auf dem Platz – und dazu zählt zumindest in der Theorie auch das Berühren des Balles mit einem Körperteil, der knapp ins Spielfeld ragt – soll der Referee die Begegnung unterbrechen und den Reservisten je nach Schwere des Eingriffs mit einer Gelben Karte oder einem Feldverweis bedenken. Außerdem soll er einen direkten Freistoß für den Gegner am Ort der Verfehlung geben, es sei denn, der Eingriff hat sich im Strafraum ereignet – dann gibt es einen Elfmeter. Diese Regelung gilt seit diesem Sommer, zuvor konnte in solchen Fällen neben der fälligen Karte lediglich ein indirekter Freistoß verhängt werden.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands erster Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf ntv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Die Verschärfung begründet das zuständige International Football Association Board (Ifab) im offiziellen Regelbuch so: "Immer mehr Auswechselspieler betreten das Spielfeld, um in das Spiel einzugreifen oder einen Gegner zu behindern, indem sie zum Beispiel ein Tor vereiteln. Das ist eindeutig ‚unfair‘. Ein direkter Freistoß (oder Strafstoß, wenn sich der Vorfall im eigenen Strafraum ereignet) ist in diesem Fall geboten." Das klingt zunächst einmal schlüssig und gerecht. Laszlo Kleinheisler jedoch hatte nichts dergleichen im Sinn, im Gegenteil: Er wollte sogar eine schnelle Spielfortsetzung ermöglichen, was grundsätzlich dem Geist der Regeln entspricht.

Formal aber kümmert sich das Regelwerk nicht darum, welche Absicht ein Auswechselspieler in einer solchen Situation verfolgt; es legt nur unabhängig davon fest, wie bei einem Spieleingriff zu verfahren ist. Dennoch liegt es auf der Hand, dass ein Elfmeterpfiff in einer Situation wie jener in Schalke nicht im Sinne des Erfinders gewesen wäre und für Verwunderung, Ärger und Hektik gesorgt hätte. Was also tut man als Schiedsrichter in einer solchen Lage? Ganz einfach: Man entscheidet, dass der Ball die Torlinie bereits überschritten hatte, und setzt die Begegnung mit einem Abstoß fort. So wie Frank Willenborg am Sonntagnachmittag. Niemand hat sich aufgeregt, keiner hat beim Schiedsrichter protestiert, das Spiel ging weiter wie von allen erwartet.

Martínez mit unsichtbarem Handspiel

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Martínez hing sich im Zweikampf mit Volland voll rein.

(Foto: imago/ActionPictures)

Auch in München gab es keinerlei Reklamationen, als der Leverkusener Kevin Volland den Ball bei einer Großchance in der 82. Minute nicht im Tor der Bayern unterbrachte, sondern nur das Außennetz traf. Doch anders als Kleinheisler in Gelsenkirchen hatte Vollands Gegenspieler Javi Martínez etwas getan, das sehr wohl dem Geist der Regeln widersprach: Er hatte durch sein absichtliches Handspiel im Zweikampf mit dem Gästestürmer kurz vor der Torlinie den Leverkusener Ausgleich verhindert, es hätte also einen Strafstoß für Bayer 04 und die Rote Karte für den Spanier geben müssen. Das offenbarte allerdings erst die Zeitlupe – in der Realgeschwindigkeit blieb dieses Vergehen nicht nur dem Team von Schiedsrichter Marco Fritz verborgen, sondern nahezu allen auf dem Platz wie auf den Rängen.

Man darf sogar vermuten, dass selbst der Videobeweis, der sich derzeit in der ersten Testphase befindet, hier nicht zum Tragen gekommen wäre. Denn nichts deutete auf ein Vergehen hin, und deshalb ist es fraglich, ob der Unparteiische den Video-Assistenten um eine Überprüfung der Szene gebeten oder sich der Video-Assistent aus eigenem Antrieb eingeschaltet hätte, wie es bei Situationen, in denen ein Strafstoß- oder ein Platzverweisverdacht besteht, obligatorisch sein wird, sobald die zweite Testphase beginnt, was in der Bundesliga voraussichtlich mit Beginn der kommenden Saison der Fall sein wird. Im Fernsehen legte erst die zweite verlangsamte Wiederholung nahe, dass ein strafbares Handspiel vorlag. Da lief das Spiel jedoch bereits wieder – was bedeutet hätte, dass kein Strafstoß (und auch kein Platzverweis) mehr möglich gewesen wäre.

Ausgesprochen knifflig war auch eine Szene, die Schiedsrichter Deniz Aytekin in der 74. Minute des Spiels zwischen Borussia Mönchengladbach und der TSG 1899 Hoffenheim zu beurteilen hatte. Da nämlich konnte der Gladbacher Verteidiger Jannik Vestergaard im eigenen Strafraum nur klären, indem er den Ball mit dem Fuß auf Höhe des Kopfes von Mark Uth spielte. Der Hoffenheimer ging zu Boden, der Unparteiische gab jedoch – zur Verwunderung der Kraichgauer – keinen Strafstoß für die Gäste, sondern lediglich einen indirekten Freistoß. Der Grund dafür lag darin, dass Aytekin lediglich ein gefährliches Spiel wahrgenommen hatte, das heißt in diesem Fall: eine Aktion, bei der der Gegner zwar gefährdet, aber nicht getroffen wurde. Einen Elfmeter hätte es nur im Falle eines strafwürdigen Kontaktes gegeben. Die Zeitlupen ließen einen solchen Kontakt zwar nicht unbedingt unwahrscheinlich erscheinen, konnten ihn aber auch nicht zweifelsfrei nachweisen.

Stark nachsichtig gegenüber Schmelzer

Beim Spiel in Frankfurt hatte der Dortmunder Marcel Schmelzer derweil großes Glück, in der Nachspielzeit nicht des Feldes verwiesen worden zu sein. Denn als Schiedsrichter Wolfgang Stark entschied, den Zweikampf zwischen Mijat Gacinovic und Pierre-Emerick Aubameyang im Eintracht-Strafraum nicht als strafstoßwürdig einzustufen – was allemal vertretbar war –, rannte der BVB-Kapitän aus 15 Metern auf den Referee zu und rempelte ihn am Arm. Nicht wenige Fußballer wären in einer solchen Situation wohl theatralisch zu Boden gegangen, Stark dagegen behielt das Gleichgewicht. Und entschloss sich, nachsichtig zu sein und Schmelzer nur zu verwarnen.

Gegenüber dem "Kicker" begründete der Unparteiische seine Entscheidung so: "Die Szene war sicherlich im Grenzbereich, aber ich empfand den Rempler von Marcel Schmelzer nicht als ganz so schlimm, dass ich unbedingt hätte Rot zeigen müssen. Am Ende sprach für mich zu fünf oder zehn Prozent mehr für eine Unsportlichkeit, für die es die Gelbe Karte gibt." Es gebe jedoch auch Argumente, die für eine Rote Karte gesprochen hätten. In der Tat – zum Beispiel die ergänzende Anweisung des DFB zur Regel 12 (Fouls und unsportliches Betragen), nach der "jeder Spieler, der den Schiedsrichter angreift, des Feldes verwiesen wird". Wolfgang Stark wollte in Schmelzers Körpereinsatz jedoch keinen solchen Angriff sehen. Sein Ermessensspielraum ließ das zu.

In Essen haben der Vorstand und der Schiedsrichter-Ausschuss des Fußballkreises unterdessen nach diversen Attacken auf Unparteiische beschlossen, Strenge und Konsequenz walten zu lassen. In einer Presseerklärung gaben sie bekannt, zu den Spielen von drei Essener Mannschaften, "die in der Vergangenheit durch körperliche oder verbale Gewalt gegen Schiedsrichter aufgefallen sind", vorerst keine Referees mehr zu entsenden. Man erwarte "von den betroffenen Vereinen ein Konzept, wie ähnliche Vorfälle zukünftig vermieden werden können", heißt es in der Mitteilung weiter. Wenn dieses Konzept schlüssig sei, werde der Schiedsrichter-Ausschuss auch wieder Unparteiische einteilen. Bis dahin müssen die betreffenden Klubs ihre Partien ohne geprüfte Schiedsrichter austragen.

Quelle: ntv.de

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