Collinas Erben

Trubel für "Collinas Erben" Neuer verirrt sich, Dutt passiv-aggressiv

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Neuer bekommt die Gelbe Karte, die HSV-Spieler protestieren.

imago/Baering

Die Unparteiischen hatten an diesem Wochenende Schwerstarbeit zu verrichten. Verwirrende Abseitssituationen, schwer einzuschätzende Fouls, Streit über Handspiele - und das manchmal, als der Arbeitstag eigentlich schon beendet schien.

Es lief die Nachspielzeit der ersten Hälfte, da schlug der Augsburger Kapitän Paul Verhaegh beim Stand von 1:1 noch einmal eine Flanke in den Bremer Strafraum. Vermutlich ahnte er in diesem Moment nicht, dass er damit die regeltechnisch komplizierteste und umstrittenste Szene eines Spieltags heraufbeschwor, der an komplizierten und umstrittenen Szenen wahrlich nicht arm war. Denn binnen Sekundenbruchteilen hatte Schiedsrichter Marco Fritz im Verbund mit seinem Assistenten Dominik Schaal erst eine äußerst schwierige Abseitssituation zu beurteilen und dann zu bewerten, ob es zu einem Foul und damit womöglich zu einer „Notbremse“ kam. Was Fritz entschied, brachte Werders Trainer Robin Dutt beinahe auf die Palme. Doch der Reihe nach.

Bei Verhaeghs Abspiel stand Mitspieler Sascha Mölders - das ist unstrittig - in der Strafraummitte deutlich im Abseits. Mölders grätschte dennoch zum Ball, verfehlte ihn allerdings knapp. „Da braucht man gar nicht zu diskutieren, das war nicht passiv“, sagte Dutt nach dem Spiel im Brustton der Überzeugung. Doch so einfach ist die Sache nicht mehr, nachdem die Abseitsregel im Sommer 2013 von den zuständigen Regelhütern des International Football Association Board (IFAB) einer Reform unterzogen wurde.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Seitdem liegt nur noch dann eine ahndungswürdige Beeinflussung des Gegners durch einen im Abseits stehenden Stürmer vor, wenn dieser Gegner im Kampf um den Ball eindeutig angegriffen oder ihm die Sicht versperrt wird. Das Behindern, Täuschen oder Irritieren durch Bewegungen oder Gesten - das lange Zeit ebenfalls zu einem Abseitspfiff führte - zählt hingegen nicht mehr dazu. Und somit auch nicht das erfolglose Grätschen nach dem Ball, sofern es außerhalb eines Zweikampfes geschieht. Nicht nur für Robin Dutt ist das ungewohnt und schwer nachzuvollziehen.

Im Zweifel für den Angeklagten

Aber hatte Mölders den Bremer Torhüter Raphael Wolf denn nicht angegriffen, hatte er ihn nicht in eine Art Zweikampf verwickelt? Nein, entschied Assistent Schaal, denn Wolf verharrte in der Nähe seiner Torraumlinie, während der Augsburger Stürmer etwa drei Meter davon entfernt das Bein ausfuhr. Eine nach der Maßgabe des IFAB durchaus regelkonforme Einschätzung, wenngleich nicht auszuschließen ist, dass die Schiedsrichter-Kommission des DFB - wie vor ihr bereits die Uefa und die Fifa - hier künftig eine Auslegung anordnet, die weniger radikal ist und der allseits vertrauten Interpretation der Abseitsregel wieder stärker entgegenkommt.

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Mit der Entscheidung, nicht auf strafbares Abseits zu erkennen, war die Szene für Marco Fritz und sein Gespann übrigens noch lange nicht beendet, im Gegenteil: Den von Paul Verhaegh hereingegebenen und von Sascha Mölders verfehlten Ball versuchte nun der herbeigeeilte Augsburger Raul Bobadilla, verfolgt vom Bremer Fin Bartels, ins Tor der Gäste zu schieben. Die Entfernung war günstig, der Winkel ebenfalls, der Torwart bereits geschlagen, kein Verteidiger mehr in Sicht - doch plötzlich ging Bobadilla zu Boden. Eine leichte, kaum zu erkennende Berührung am Fuß hatte genügt, um ihn zu Fall zu bringen. Schiedsrichter Fritz gab zu Recht einen Elfmeter - und beließ es bei einer Gelben Karte für Bartels. Ein Platzverweis wegen einer „Notbremse“ wäre ebenfalls denkbar gewesen, doch Bobadillas seitliche Position, sein hohes Tempo und die Tatsache, dass er noch keine Ballkontrolle hatte, dürften beim Referee Zweifel daran genährt haben, dass hier eine hundertprozentige Torchance vorlag. Wiederum eine vertretbare Entscheidung, denn auch im Fußball gilt der Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten.

Neuer auf Abwegen

Viel Aufregung gab es auch kurz vor dem Abpfiff der Partie zwischen dem Hamburger SV und dem FC Bayern München: Bei einem seiner weiten Ausflüge aus dem Strafraum legte sich Nationaltorwart Manuel Neuer den Ball zu weit vor und nahm dann die Hand zu Hilfe, um einen schnellen Angriff der Gastgeber zu unterbinden. Schiedsrichter Christian Dingert zeigte unter dem vehementen Protest der Hamburger nur Gelb, lag damit allerdings goldrichtig. Denn das Handspiel fand an der Seiten- und fast auf Höhe der Mittellinie statt, die Entfernung zum Tor war also sehr groß - zu groß, um ernsthaft von der Verhinderung einer klaren Torchance zu sprechen. Zudem befanden sich hinter Neuer noch mehrere Bayernspieler, die hätten eingreifen können. Und deshalb gab es mit Recht lediglich die Gelbe statt der Roten Karte. Ein Handspiel des Torhüters außerhalb des Strafraums führt eben nicht immer automatisch zu einem Platzverweis.

Ebenfalls unmittelbar vor Spielende wurde es beim Spiel zwischen dem SC Freiburg und Hertha BSC turbulent. Die Gastgeber führten mit 2:1, jeden Moment musste Schluss sein, da zog der Berliner Ronny noch einmal beherzt ab. Mit Mühe konnte Freiburgs Keeper Roman Bürki den Ball über seinen Kasten lenken. Alles rechnete nun mit einem letzten Eckstoß. Doch Ronny wälzte sich, von seinem Gegenspieler Mike Frantz unsanft am Fuß getroffen, am Boden. Und Schiedsrichter Florian Meyer, der zunächst etwas unschlüssig wirkte, entschied schließlich auf Freistoß - auch das war korrekt. Denn Frantz hatte Ronny erst nach dessen fulminantem Schuss gefoult, und damit war klar: Sollte der Ball nicht den Weg ins Tor finden, dann muss dieses Vergehen noch geahndet werden. Bitter für die Freiburger, die durch den folgenden, von Ronny höchstpersönlich verwandelten Freistoß noch um den bereits sicher geglaubten Sieg gebracht wurden - aber regelgerecht, selbst wenn Freiburgs Trainer Christian Streich das nur widerwillig akzeptieren mochte.

Streit gab es zudem wieder einmal über die Frage „Absichtliches Handspiel oder nicht?“. In Schalke verweigerte der Schiedsrichter den Frankfurtern zu Unrecht einen Handelfmeter und sprach den Gastgebern einen zu, der keiner war. In Paderborn und Mainz bekamen Spieler der Heimmannschaft den Ball im eigenen Strafraum jeweils aus kurzer Distanz an die Hand - in Ostwestfalen gab’s keinen Strafstoß, am Rhein dagegen schon, und in beiden Szenen hatten die Unparteiischen mehr Pro- als Kontra-Argumente für ihre Entscheidung vorzuweisen. Manchmal sind es eben nur Nuancen, die den einen Fall vom anderen unterscheiden, und nicht jede Situation ist eindeutig schwarz oder weiß. Aber wollte man ausnahmslos jedes Handspiel bestrafen, würden die Stürmer bald mit Macht auf die Arme der Verteidiger zielen, um Elfmeter herauszuholen. Dass das im Sinne des Fußballs wäre, darf man bezweifeln.

Quelle: n-tv.de

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