Collinas Erben

"Collinas Erben" und der Punkt Regelkunde für Polanski, Westermann zürnt

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Heiko Westermann fand die Schiedsrichter-Leistung im Spiel seines HSV gegen Werder Bremen ziemlich daneben.

(Foto: dpa)

Wann ist ein Foul ein Foul? In Hoffenheim versucht der Schiedsrichter, diese Frage in der Pause zu beantworten. In Dortmund gleichen sich Ungerechtigkeiten im Strafraum aus, während sich der HSV mächtig beklagt.

Es war eine ausgesprochen unübersichtliche Szene, die sich am Samstag beim Spiel des FC Bayern in Hoffenheim nach 42 Minuten im Strafraum der Gäste zutrug. Sebastian Rode hatte seinem Gegenspieler Kevin Volland eben noch fair den Ball vom Fuß gespitzelt, als den Bruchteil einer Sekunde später plötzlich Eugen Polanski nach einem Kontakt mit dem Münchner zu Boden ging und einen Strafstoß forderte. Schiedsrichter Tobias Stieler ließ jedoch weiterspielen, sehr zum Unwillen der Hoffenheimer.

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Nach dem Spiel berichtete Polanski von einer bemerkenswerten Äußerung, die der Unparteiische ihm gegenüber getätigt haben soll: "Der Schiedsrichter hat in der Halbzeitpause zugegeben, dass es ein Elfmeter war und er einen Fehler gemacht hat." Dem Hoffenheimer zufolge ging das Gespräch mit dem Referee sogar noch weiter: "Er sagte, dass er sich nicht sicher war, ob Rode eine aktive Bewegung macht. Dann hat er mir noch versucht zu erklären, was eine aktive Bewegung bei einem Foul ist. Aber ich habe das nicht ganz verstanden."

Den genauen Wortlaut der Unterhaltung kennen nur die Beteiligten. Was genau ein Foul ist und wann es vorliegt, lässt sich dagegen anhand der Regel 12 (Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen) präzise bestimmen. Dort sind genau zehn Vergehen aufgeführt, die unter dieser Rubrik firmieren: Treten, Beinstellen, Schlagen, Spucken, Werfen eines Gegenstands (hier ist jeweils bereits der Versuch strafbar), Bedrängen, Rempeln, Anspringen, Stoßen und Halten.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Für alle diese Verstöße gibt es einen direkten Freistoß und im Strafraum einen Strafstoß – sofern sie sich während des laufenden Spiels ereignen, auf dem Spielfeld stattfinden, gegen einen Gegner gerichtet sind und entweder fahrlässig, rücksichtslos oder brutal begangen werden. Fahrlässigkeit liegt dabei laut den Regeln vor, "wenn ein Spieler unachtsam, unbesonnen oder unvorsichtig in einen Zweikampf geht" – so wie Sebastian Rode, als er Eugen Polanski mit dem Fuß gegen den Unterschenkel trat. Ein Elfmeter wäre daher die richtige Konsequenz gewesen.

Abseits statt Elfmeter

Zu einer regeltechnisch so komplexen wie interessanten Situation kam es im Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem SC Paderborn 07. In der 69. Minute flankte der Dortmunder Erik Durm den Ball vor das Tor der Gäste und wurde unmittelbar nach seinem Abspiel vom Paderborner Elias Kachunga umgegrätscht. Die Hereingabe schob Pierre-Emerick Aubameyang anschließend in die Maschen – allerdings aus Abseitsposition, wie der Schiedsrichter-Assistent befand. Referee Felix Brych annullierte den Treffer deshalb und gab einen indirekten Freistoß für Paderborn.

Korrekt wäre allerdings ein Strafstoß für die Gastgeber gewesen. Zwar lag Aubameyangs Abseitsstellung zeitlich knapp vor dem Foul von Kachunga. Doch durch seinen Torschuss regelwidrig ins Spiel eingegriffen hat der Dortmunder Stürmer erst, als die Grätsche gegen Durm bereits geschehen war. Dass der Treffer nicht zählte, war korrekt. Es hätte jedoch einen Elfmeter für den BVB geben müssen. Ausgleichende Ungerechtigkeit: In der 23. Minute hätten die Gäste aus Ostwestfalen ihrerseits einen Strafstoß verdient gehabt, als Sokratis den Paderborner Kapitän Uwe Hünemeier im Strafraum zu Boden zog. Doch Felix Brych ließ weiterspielen.

Strafstoß richtig, Rot zu hart

Brychs Kollege Wolfgang Stark hatte unterdessen beim intensiven Nordderby zwischen Werder Bremen und dem taumelnden HSV eine Menge Arbeit zu verrichten. Bereits nach einer Viertelstunde leistete sich der Hamburger Kapitän Rafael van der Vaart eine gesundheitsgefährdende Attacke gegen Jannik Vestergaard. Vor der Saison hatte der DFB seine Schiedsrichter angewiesen, solche Fouls, die mit offener Sohle begangen werden und bei denen der Gegner oberhalb des Sprunggelenks getroffen wird, mit der Roten Karte zu ahnden. Van der Vaart hätte deshalb eigentlich des Feldes verwiesen werden müssen. Es gab jedoch nicht einmal eine Verwarnung.

Einen Platzverweis erhielt dafür der Hamburger Valon Behrami in der spielentscheidenden Situation nach 83 Minuten. Der Schweizer hatte im eigenen Strafraum den Bremer Zlatko Junuzovic durch einen beherzten Griff ans Trikot zu Fall gebracht. Stark zeigte auf den Elfmeterpunkt und schloss Behrami wegen einer "Notbremse" aus. An der Berechtigung des Strafstoßes kann es dabei keinen Zweifel geben. Die Rote Karte hingegen war angesichts der Tatsache, dass mit Slobodan Rajkovic noch ein Gästespieler hätte eingreifen können und somit keine klare Torchance verhindert wurde, eine zu harte Entscheidung.

Einen "Heimschiedsrichter" nannte der aufgebrachte Heiko Westermann den Unparteiischen deshalb nach dem Schlusspfiff. Er hatte dabei offenkundig vergessen, dass der HSV nicht nur beim rüden Foul von van der Vaart Glück hatte, sondern auch in der 39. Minute. Da nämlich hatte Hamburgs Abwehrspieler Cleber den Bremer Junuzovic beim Versuch, den Ball abzuschirmen und ins Toraus trudeln zu lassen, ziemlich ungeschickt umgestoßen. Schon in dieser Situation wäre ein Elfmeter durchaus vertretbar gewesen. Behramis Textilvergehen ließ Wolfgang Stark dann endgültig keine Wahl mehr – und verdarb Hamburgs neuem Trainer Bruno Labbadia den Einstand.

Quelle: ntv.de