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Im Spiel zwischen Schweden und Südkorea bemüht Schiedsrichter Joel Aguilar den Videobeweis - und entschied richtig auf Strafstoß für Schweden.
Im Spiel zwischen Schweden und Südkorea bemüht Schiedsrichter Joel Aguilar den Videobeweis - und entschied richtig auf Strafstoß für Schweden.(Foto: imago/Bildbyran)
Donnerstag, 21. Juni 2018

"Collinas Erben" loben die Fifa: Kein Video-Chaos, keine Jubel-Regel

Von Alex Feuerherdt

Anders als bei der WM 2014 sind die Schiedsrichter beim Turnier in Russland bislang kein Thema. Auch der Videobeweis funktioniert besser, als es viele befürchtet hatten. Dass er nun gelobt wird, hängt auch mit der Transparenz der Fifa zusammen.

Cristiano Ronaldo hatte im ersten Gruppenspiel der Portugiesen gegen Spanien (3:3) gerade sein drittes Tor erzielt, da geschah etwas Sonderbares: Fast alle portugiesischen Feldspieler feierten den Treffer mit ihm kurz hinter der Seitenlinie, wohin Ronaldo geeilt war - nur José Fonte blieb der Traube fern und verharrte auf dem Feld in der Hälfte der Spanier. Das gleiche Verhaltensmuster war auch nach dem australischen Tor gegen Frankreich und dem zweiten Treffer der Engländer in der Partie gegen Tunesien zu beobachten: Neun Feldspieler jubelten knapp außerhalb des Feldes, der zehnte blieb in der gegnerischen Spielhälfte stehen, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Purer Zufall? Oder steckt mehr dahinter?

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Auf Twitter glaubt jemand, die Erklärung dafür zu kennen: Die Fifa, schreibt er, habe eine Anweisung erlassen, der zufolge nach einer Torerzielung der Anstoß ausgeführt werden kann, wenn sich alle Feldspieler der Mannschaft, die den Treffer erzielt hat, beim Torjubel außerhalb des Platzes befinden. Das klingt plausibel, und so wurde der Tweet mittlerweile zehntausendfach geteilt. Das Problem ist nur: Die angebliche Anordnung des Weltfußballverbandes lässt sich nirgendwo finden - und sie widerspräche auch dem Regelwerk. Denn dort heißt es in der Regel 8 ("Beginn und Fortsetzung des Spiels") klar und deutlich: "Für jeden Anstoß gilt: Alle Spieler, mit Ausnahme des Spielers, der den Anstoß ausführt, befinden sich in der eigenen Spielfeldhälfte." Und das bedeutet: auf dem Platz.

Darüber hinaus ist in der Regel 3, die sich mit der Zahl der Spieler befasst, festgelegt, dass das Spiel nicht fortgesetzt werden darf, wenn die Begegnung unterbrochen ist und ein Team weniger als sieben Spieler auf dem Feld hat. Dass die Fifa diese Regelungen bei der WM außer Kraft gesetzt hat, ist unwahrscheinlich, denn in ihrem Turnierreglement steht unmissverständlich geschrieben: "Alle Spiele sind gemäß den vom International Football Association Board (Ifab) beschlossenen, zum Zeitpunkt der Weltmeisterschaft geltenden Spielregeln auszutragen." Für eine Zusatzbestimmung lässt das keinen Spielraum. Auch das Ifab hat inzwischen klargestellt, dass es sich um eine "erfundene Story" handelt.

Aber wie kommt es dann, dass gleich mehrere Mannschaften offenkundig darauf bedacht waren, nicht mit allen Feldspielern jenseits der Seiten- oder Torlinie zu jubeln? Die Antwort ist: Sie sind einem Gerücht aufgesessen. Gegenüber der ARD-Sportschau sagte der portugiesische Spieler Fonte: "Ich habe gehört, dass es eine Regel gibt, wenn alle das Spielfeld verlassen, dann könnte man das Spiel wieder anstoßen. Wir wollten sicherstellen, dass uns nichts dazwischenkommt."

Abgesehen davon wäre es aber auch unwahrscheinlich, dass ein WM-Schiedsrichter das Spiel wieder freigeben würde, wenn sich von einer Mannschaft nur der Torwart auf dem Feld befände. Denn den Ärger, den es in einem solchen Fall unweigerlich gäbe, würde wohl jeder Unparteiische vermeiden wollen.

Die Unparteiischen agieren bislang souverän

Im Spiel zwischen Schweden und Südkorea bemüht Schiedsrichter Joel Aguilar den Videobeweis - und entschied richtig auf Strafstoß für Schweden.
Im Spiel zwischen Schweden und Südkorea bemüht Schiedsrichter Joel Aguilar den Videobeweis - und entschied richtig auf Strafstoß für Schweden.(Foto: imago/Bildbyran)

Dass dieses eher nebensächliche Kuriosum im Internet vielfach die Runde macht und diskutiert wird, zeigt aber noch etwas anderes: Die Schiedsrichter bieten bei diesem Turnier bis jetzt kaum Anlass zur Aufregung. Anders als vor vier Jahren bei der WM in Brasilien, als sie von Beginn an in der Kritik standen, sind sie am ersten Vorrundenspieltag insgesamt souverän aufgetreten. Die Fifa hat dabei erkennbar aus ihren Fehlern beim Turnier im Sommer 2014 gelernt und schon durch die Einteilung der Referees die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Unparteiischen gut in die Weltmeisterschaft starten: Zu den ersten Spielen entsandte sie ausschließlich erfahrene Spitzenkräfte wie den Argentinier Néstor Pitana, den Niederländer Björn Kuipers, den Türken Cüneyt Çakır und den Italiener Gianluca Rocchi. In Brasilien hatte der Verband zu Beginn einige international zweitklassige Schiedsrichter eingesetzt, die teilweise überfordert waren.

Die Unparteiischen verfolgen in Russland eine klare und weitgehend einheitliche Linie in ihren Spielleitungen, sie pfeifen überwiegend angenehm großzügig, ohne es an Konsequenz vermissen zu lassen. Auch Referees aus Ländern, deren höchste Ligen nicht zur internationalen Spitze gehören, wussten zu überzeugen. So etwa der Iraner Alireza Faghani, der im ersten Spiel der deutschen Mannschaft gegen Mexiko couragiert und mit viel Umsicht agierte. Die vielleicht größte positive Überraschung ist aber der Umgang der Schiedsrichter mit dem Videobeweis. Viele hatten das große Chaos befürchtet, zumal etliche Referees vor der WM noch gar keine Erfahrungen mit ihm gemacht hatten. Nicht wenige bezweifelten zudem, dass die von der Fifa angekündigte Offensive in puncto Transparenz beim Einsatz der Video-Assistenten wirklich funktionieren würde. Doch bislang haben sich diese Befürchtungen nicht bestätigt.

Dort, wo Entscheidungen mithilfe der Video-Assistenten geändert wurden, waren die Eingriffe aus der Videozentrale in Moskau nachvollziehbar und richtig. Viermal entschieden die Schiedsrichter dabei im Anschluss an das sogenannte On-Field-Review am Spielfeldrand nachträglich auf Strafstoß, nachdem sie jeweils ein eindeutiges Foulspiel im Strafraum nicht geahndet hatten. Beim fünften Review lag der Verdacht auf eine übersehene Tätlichkeit vor, doch der Unparteiische Malang Diedhiou aus dem Senegal entschloss sich nach Ansicht der Bilder, dass der Schlag des Serben Aleksandar Prijovic gegen einen Spieler von Costa Rica nur eine verwarnungswürdige Unsportlichkeit darstellte. Es gibt gute Gründe, das anders zu sehen, doch im Rahmen des Ermessensspielraums des Referees war die Gelbe Karte zumindest nicht völlig abwegig.

Hohe Eingriffsschwelle für die Video-Assistenten

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Diskussionen gab es weniger über diese Interventionen der Video-Assistenten, an deren Berechtigung kaum jemand Zweifel äußerte, sondern eher über einige Situationen, in denen auf einen Eingriff und ein On-Field-Review verzichtet wurde. So etwa im Spiel zwischen Portugal und Spanien, als Diego Costa unmittelbar vor seinem Tor zum 1:1 den Portugiesen Pepe im Luftkampf mit dem Unterarm am Kinn traf und dabei keine Chance mehr hatte, den Ball zu spielen. Oder in der Begegnung Argentinien - Island, in der Cristian Pavon im isländischen Strafraum nach einem Fußkontakt durch Birkir Saevarsson zu Fall kam, der Unparteiische jedoch weiterspielen ließ. Auch die Brasilianer hätten es in der Partie gegen die Schweiz gerne gesehen, dass sich der Video-Assistent einschaltet, als Steven Zuber sich vor seinem Ausgleichstreffer zum 1:1 mit einem leichten Schubser gegen Miranda genau den Platz verschaffte, den er für seinen erfolgreichen Kopfball benötigte.

In diesen und weiteren Fällen blieb es jedoch nach kurzer Rücksprache zwischen dem Referee und dem Video-Assistenten bei der auf dem Feld getroffenen Entscheidung. Denn die Schiedsrichter hatten den jeweiligen Zweikampf klar im Blick und damit nichts übersehen, sondern aus guter Perspektive den Entschluss getroffen, dass keine Regelwidrigkeit vorlag. Es gab jeweils gute Argumente, zu einer anderen Einschätzung zu kommen, doch das ist eben der Knackpunkt beim Einsatz von Video-Assistenten: Die Grenzziehung bei der Frage, was ein klarer und außerdem offensichtlicher Fehler ist, der einen Eingriff aus der Zentrale in Moskau erforderlich macht, lässt sich nicht objektiv bestimmen. Die Bilder bedürfen bei solchen subjektiven Entscheidungen immer der Bewertung, und die fällt oft alles andere als einmütig aus.

Doch nach dem ersten Vorrundenspieltag lässt sich zumindest eine Linie erkennen: Die Eingriffsschwelle für die Video-Assistenten bei dieser WM ist sehr hoch, und wenn der Unparteiische zu verstehen gibt, dass er eine Situation aus günstigem Blickwinkel und mit Überzeugung beurteilt hat, bleibt es bei der ursprünglichen Entscheidung. Das entspricht den Vorgaben des Ifab und der Fifa, mit denen die Position der Referees auf dem Platz gestärkt werden soll. Interveniert wird nur in glasklaren Fällen, bei denen der Ermessensspielraum gegen null tendiert und der Schiedsrichter sich außerdem in seiner Wahrnehmung offenkundig geirrt oder ein Vergehen sogar ganz übersehen hat. Lässt sich eine Entscheidung dagegen zumindest noch vertreten, selbst wenn eine andere besser gewesen wäre, halten sich die Video-Assistenten zurück. Die bisherigen Reaktionen zeigen, dass diese Linie insgesamt akzeptiert und begrüßt wird.

Die Fifa sorgt beim Videobeweis für Transparenz

Positiv ist auch, dass die Abläufe und die Transparenz beim Einsatz der Video-Assistenten bislang gut sind: Die Checks und Reviews gehen ausgesprochen schnell vonstatten, die Verzögerungen im Spiel halten sich dadurch in sehr erträglichen Grenzen. Die Fernsehzuschauer bekommen während eines Reviews zumeist genau die Bilder zu sehen, die auch dem Schiedsrichter gezeigt werden, ergänzt um eine schriftliche Einblendung, was gerade geprüft wird.

In den Stadien werden nach dem Abschluss eines Reviews diejenigen Bilder, die für die Entscheidung maßgeblich waren, auf der Videowand abgespielt. So hatte es die Fifa angekündigt, und so funktioniert es bis jetzt auch. Eine weitere erfreuliche Folge des Videobeweises ist es, dass die Zahl der Unsportlichkeiten zurückgegangen ist: Der bisher einzige Platzverweis resultierte aus einem Handspiel, durch das eine klare Torchance zunichte gemacht wurde, und dass Schwalben im Strafraum weitgehend aussichtslos sind, scheinen die Stürmer inzwischen begriffen zu haben.

Wird all das auch in der Bundesliga dazu führen, dass der Streit über die Video-Assistenten abebbt? Daran darf gezweifelt werden. Denn es dürfte für die meisten Fußballfans etwas anderes sein, ob der eigene Lieblingsverein spielt oder Argentinien gegen Island. Über eine Szene wie die mit Diego Costa und Pepe würde gewiss heftiger gestritten, wenn sie im Spiel des FC Bayern gegen Borussia Dortmund stattfände und die Protagonisten Franck Ribéry und Gonzalo Castro hießen. Aber vielleicht gewinnt der Videobeweis ja an Akzeptanz, wenn er vor allem hinsichtlich der Transparenz so umgesetzt wird wie bislang bei der WM.

Quelle: n-tv.de