Redelings Nachspielzeit

Redelings' Rückblick 2016 war ein Arschloch, aber ...

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Zum Einmotten: das Fußballjahr 2016.

Ronaldo macht eine Motte zum Star, Will Grigg rockt die EM und die Isländer schicken eine Elf ohne Walfänger und Vulkanbeobachter. Das Fußballjahr 2016 verläuft weitgehend ohne Höhepunkte – und präsentiert dennoch große Gewinner.

2016 war ein Arschloch. Punkt. Da machte selbst der Fußball keine Ausnahme. Sportlich konnte man den vermeintlichen Höhepunkt des Jahres, die EURO in Frankreich, ohne Skrupel komplett in die Tonne kloppen. Wenn bei einem Endspiel die Motte, die sich auf die Stirn des verletzt-leidenden Cristiano Ronaldo setzte, innerhalb weniger Sekunden nicht nur einen eigenen Twitter-Account besitzt, sondern nach drei Minuten bereits über 6.000 Follower hinter sich versammelt hat, weiß man über den sportlichen Reiz und Wert eines Turniers Bescheid.

Es ist kein Wunder, dass ein Mann, der nicht eine Sekunde gespielt hat, dennoch zum heimlichen Star der EM geworden ist. Der Nordire Will Grigg wird uns ewig im Gedächtnis bleiben. Der Gesang, der dem Profi von Wigan Athletic gewidmet wurde, klingt in den Ohren nach. "Will Grigg's on fire, your defence is terrified" brachte ein atmosphärisch unterkühltes Fußballereignis wenigstens hier und da in Wallung.

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Ohnehin: Was wären diese vier Wochen in Frankreich ohne diese großartigen Fans aus (Nord-)Irland, Wales, Schweden oder Island gewesen? Was alleine die Iren in den zwei Wochen ihrer Anwesenheit für den Fußball und weit darüber hinaus geleistet haben, das kann man in Gold nicht aufwiegen. Einfach überragend, wie die Boys in Green einem französischen Rentner beim Reifenwechsel halfen. Oder wie sie ein Baby in der Metro in den Schlaf gesungen haben.

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Eine Traumszene spielte sich in dieser Situation ab, als ein Fan den anderen anschrie und lautstark um Ruhe bat ("Shut up. Here's a baby on board!"), woraufhin der komplette Waggon einen Finger an den Mund legte und leise erwiderte: "Psssssst!". Danach stimmten alle erneut "Twinkle, twinkle little star, how I wonder what you are?" an. Ein weiterer Höhepunkt war das Zusammentreffen von irischen und schwedischen Anhängern. Die Iren schmetterten den Schweden dabei grinsend entgegen: "Go home to your sexy wives". Das taten sie dann auch. Recht schnell, nach drei Vorrundenspielen. Herrlich!

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Auch im Stadion präsentierten sich die Fans auf den Tribünen häufig einfallsreicher als die Spieler auf dem Platz. Ins Auge fielen bei einer Partie fünf kernige Jungs mit rot verbrannten Gesichtern und einer gewisse Bierschwere im Blick. Unzweifelhaft musste es sich um Männer von der Insel handeln. Stolz hielten sie ein Banner in die Höhe: "Bitte filmt uns nicht. Unsere Frauen denken, wir wären beim Fischen in West-Wales".

Huh!

Und dann waren da natürlich noch diese spektakulären Isländer. Ein Land von knapp über 300.000 Einwohnern schickte nicht nur 10.000 Landsleute nach Frankreich, sondern schaffte es zudem noch, ein Team von 23 Spielern zu stellen. Und das, obwohl alleine 708 Männer beim Walfang unabkömmlich waren und 780 ständige Vulkan-Beobachter nicht zur Verfügung standen. Sie haben die EURO einfach gerockt und wurden so zum heimlichen Europameister der Herzen. Und lustig waren die Isländer dann zu allem Überfluss auch noch. Heimir Hallgrimsson, der Co-Trainer der isländischen Nationalmannschaft, meinte mit dem Schalk im Nacken: "Wenn bei uns ein Spieler eine gelbe Karte bekommt, tauscht er einfach das Trikot mit einem anderen. Uns kennt sowieso keiner."

Unabhängig vom EM-Turnier im Sommer wussten die Fans auch mit anderen Aktionen zu begeistern. Getreu dem wunderbaren Motto "In den Farben getrennt, in der Sache vereint" hielt im April 2016 der niederländische Fußball für einen Moment den Atem an. Bei einer Partie der zweiten niederländischen Liga klatschten die Fans der Go Ahead Eagles in der 61. Minute dem gegnerischen Keeper Jelle ten Rouwelaar vom NAC Breda unter lauten "Jelle"-Rufen aufmunternd Applaus zu. Anschließend sang das Stadion gemeinsam "You'll never walk alone". Der Grund für die Aktion: In der Woche vor dem Spiel hatte der Torhüter seine Mutter im Alter von 61 Jahren verloren. Ein Gänsehaut-Ereignis, das es so ähnlich kurz vorher auch in der Bundesliga gegeben hatte!

Es war also unzweifelhaft das Jahr der Fans. Ein Lichtblick im trüben Nachrichten-Nebel, der den Profifußball in den letzten zwölf Monaten umwehte. Man würde sich wünschen, dass die Frauen und Männer auf den Tribünen, die den Sport überhaupt erst zu dem Schauspiel machen, das Millionen lieben, im nächsten Jahr noch mehr Beachtung erfahren. Mit all ihren Verrücktheiten stehen sie für die Liebenswürdigkeit des Spiels. Dazu passt zum Schluss eine Geschichte, die schon etwas älter ist, die ich aber in diesem Jahr entdeckte. Es ist eine Story mitten aus dem Leben!

Der Engländer Martin Warburton versprach seinem an Leukämie erkrankten Bruder Paul, dass er ihm seine Stammzellen spenden würde – allerdings unter einer Bedingung: Er müsse Fan von Manchester United werden! Da Paul glühender Anhänger vom Lokalrivalen City war, ließ sich Martin diesen Schritt per Vertrag bestätigen. Darin wurde auch vereinbart, dass Paul ab sofort nur noch rote Sachen tragen dürfe und sein Haus stets mit einem alten Trikot von Manchester City zu säubern habe. Zudem sollte er dem für seine Schwalben bekannten ehemaligen City-Spieler Francis Lee einmal ein Bein stellen, damit jedermann sehen könne, wie dieser "normal fiele". Paul, was blieb ihm anderes übrig, unterzeichnete den Vertrag. Handschriftlich fügte er jedoch die hochbrisanten Fragen hinzu, ob sich der Kontrakt überhaupt mit der UN-Menschenrechtscharta und insbesondere mit dem Folter-Paragrafen vereinbaren lasse.

Im tieferen Sinne dieser Geschichte allen Lesern dieser "Nachspielzeit"-Kolumne ein glückliches, gesundes und unterhaltsames neues Jahr. Glück auf, 2017!

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Quelle: n-tv.de

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