Redelings Nachspielzeit

Wie hält ein Mensch das nur aus? Das unglaubliche Leben des Diego Maradona

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Allüren neben dem Platz, ein Genie auf dem Rasen: Diego Armando Maradona.

Der argentinische Weltmeister, Diego Armando Maradona, ist nicht nur einer der größten Fußballer aller Zeiten, sondern eben auch ein skurriler Typ und eine unverwechselbare Legende. Seine Lebensgeschichte kann man nur mit einem Wort beschreiben: unglaublich!

"Alle sind verrückt. Es gibt einen, der sagt, er sei Napoleon, und niemand glaubt ihm. Ein anderer sagt, er ist Gardel, und niemand glaubt ihm. Ich sage, ich bin Maradona, und sie glauben mir nicht." Kein Spruch beschreibt in so kurzen Worten besser das unglaubliche und einzigartige Leben des großen Diego Armando Maradona, als diese Sätze, die er selbst über seinen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik gesagt hat.

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Wie einmalig und unsterblich dieser Ausnahmefußballer zu seinen besten Zeiten auf dem grünen Rasen war, verdeutlicht auf fantastische Art und Weise ein Graffiti, das verliebte Tifosi des SSC Neapel in den 80er-Jahren anlässlich des Titelgewinns ihres Klubs mit einem alles überragenden Maradona und im Überschwang ihrer Gefühle für den kleinen Argentinier an eine Friedhofsmauer sprühten: "Ihr wisst ja nicht, was ihr verpasst habt!"

Alle Welt wird bis zum Ende seiner Tage immer wieder von diesem traumhaften Sommer 1986 sprechen, als es für einen kurzen Moment auf dieser Erde noch einen zweiten Gott gab: den Fußball-Gott Diego Armando Maradona. Die Fans waren in diesen heißen Tagen von Mexiko einfach verzückt von diesem kleinen, quirligen Argentinier.

"Ich habe ihn mit Orangen jonglieren sehen"

Wie dereinst Pelé verstand es auch Maradona eine Weltmeisterschaft zu prägen. Er war so unglaublich dominant auf dem Platz, dass die Experten tatsächlich versuchten, dem großen Star einzureden, er könne auch ohne die anderen zehn Spieler seiner Mannschaft die WM gewinnen. Doch bei aller Selbstverliebtheit, die in späteren Jahren Maradonas Leben noch an den Rand des totalen Zusammenbruchs bringen sollte, wusste er es besser. Alleine war er nichts. Mit ihm zusammen aber war jedes Team der Welt in diesen Jahren seiner sportlichen Höchstzeit fast nicht zu schlagen.

Denn Maradona war nicht nur einzigartig begabt - er war auch noch besessen vom Erfolg und vom Fußball allgemein. Er wollte gewinnen und Trophäen in die Höhe halten. Und dafür tat er alles: "Ich habe es geliebt, Fußball zu spielen. Morgens und nachmittags. Sogar wenn ich mit meiner Frau ins Bett ging, habe ich noch trainiert."

Der kroatische Nationalspieler Davor Suker hat einmal gesagt: "Diego konnte alles: Ich habe ihn mit Orangen jonglieren sehen oder sogar mit kleinen Kugeln aus Alufolie, die ihm die Fans zuwarfen, nachdem sie ihre Sandwichs ausgepackt hatten."

Zwist mit Udo Lattek

Das war die eine Seite Maradonas. Der geniale Fußballer, der wahrscheinlich mit dem größten Talent ausgestattet war, dass je ein Kicker auf dieser Welt bereits mit der Geburt auf den Weg bekommen hat. Die andere Seite war die eher trainingsfaule Diva, die seine Übungsleiter reihenweise in den Wahnsinn treiben konnte.

Der erfolgreichste deutsche Trainer aller Zeiten, Udo Lattek, konnte beim FC Barcelona ein Lied davon singen, damals im Jahr 1983. Er hatte sich den ambitionierten Plan auferlegt, dem argentinischen Jungstar in einem Trainingslager in den Niederlanden das Laufen beizubringen. Doch nachdem Maradona unter dem Spott der Kollegen einige Male überrundet worden war, lief dieser zu seinem deutschen Übungsleiter und drohte ihm gestenreich und lautstark mit dem Tode, falls er nicht augenblicklich einen Ball auf den Rasen werfen wolle.

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Einige Wochen später kam es dann zur ultimativen Machtprobe zwischen den beiden. Seit über einer halben Stunde saß die Mannschaft des FC Barcelona abfahrbereit im stickig warmen Bus. Alle waren da - bis auf einen. Zum wiederholten Male ließ der Superstar auf sich warten. Lattek hatte keine Wahl. Entweder er würde sich vor dem kompletten Team lächerlich machen oder er ließ den Bus ohne Maradona abfahren. Eines war ihm jedoch schon in diesem Moment klar: Egal, wie er sich auch entscheiden würde, er konnte nur verlieren.

"Ein bisschen Gottes Hand"

Und so kam es auch. Der Bus war weg und Maradona eilte augenblicklich und wutentbrannt noch am Camp Nou zum Präsidenten, bat ihn um die Ablösung des verrückten Deutschen und forderte stattdessen einen Landsmann als Coach. Er sollte ihn bekommen. Kurz darauf leitete der Weltmeister von 1978, César Luis Menotti, das Training bei den Katalanen.

Bei der WM 1986 in Mexiko sollte Maradona innerhalb von fünf Minuten unsterblich werden. Im Viertelfinale trafen die Argentinier damals auf überraschend starke Engländer. Maradona beschrieb die erste, legendäre Szene des Tages, in der 51. Spielminute, später so: "Der Ball kam geflogen. Shilton und ich sind hochgesprungen. Da habe ich die Augen zugemacht. Ein bisschen Gottes Hand und ein bisschen Maradonas Kopf."

Doch eigentlich hatte das ganze Stadion gesehen, dass der Kopf des kleinen Argentiniers zwar in der Nähe des Balls gewesen war, aber ausschließlich die Hand den entscheidenden Unterschied zu Torhüter Shilton hatte ausmachen können.

Jahrhundert-Tor gegen England

Vier Minuten später war die Szene jedoch bereits fast wieder vergessen. Maradonas Sololauf aus der eigenen Hälfte, bei dem er sieben Engländer filigran aussteigen ließ und den er mit dem Treffer zum 2:0 kürte, begeistert noch heute jeden Fußballfan. Die Augen von Bobby Robson, dem Trainer der englischen Nationalelf, leuchteten noch weit nach Spielende.

Bei aller Rivalität, die zudem noch unter dem Eindruck des Falkland-Kriegs zwischen den beiden Nationen stand, reagierte Robson als Anhänger dieses Sports, als er sagte: "Es ist wunderbar für den ganzen Fußball, dass es einen solchen Spieler gibt wie ihn."

Das war der große Diego Armando Maradona auf dem Platz. Abseits der neunzig Minuten im Stadion geriet das Leben des Superstars in den End-80er-Jahren immer mehr außer Kontrolle. Vor allem auch finanziell. Maradona protzte mit seinem Wohlstand und verprasste die Millionen. Ein Yuppie, wie man damals sagte, wie er im Buche stand. Doch es gab in diesen Zeiten auch den anderen Maradona. Den Wohltäter mit dem großen Herz.

Zu viel Leben für ein Leben

Irgendwann im Jahre 1989 machte der Argentinier mit seinem Berater einen Ausflug in seinem nagelneuen Ferrari Testarossa. Ein Geschenk von Enzo Ferrari. Sie flanierten im Auto durch die engen Gassen Neapels, bis es irgendwann nicht mehr weiterging. Der Ferrari war zu breit und blieb in einer Häuserflucht stecken. Über ihnen trat eine alte Frau auf einen morschen Balkon und schaute die beiden an. Putz bröckelte herunter. Maradona erwiderte den Blick der alten Dame. Dann griff er nach einem Zettel und einem Stift und notierte etwas.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Vier Wochen später schickte er seinen Berater zurück zu dem Ort, an dem sie mit dem Auto damals stecken geblieben waren. Doch der Mann staunte. Das Haus sah nicht so aus, wie einige Wochen zuvor. Alles war frisch renoviert. Der Balkon erstrahlte in neuem Glanz. Maradonas Berater ging zu der alten Frau. Sie erzählte ihm, was passiert war. Handwerker seien gekommen, die kein Geld wollten, weil alles schon bezahlt worden sei, wie sie meinten. Als er ihr einen Umschlag übergab, den Diego ihm in die Hand gedrückt hatte, sah er, wie Geldscheine herausquollen, als die Frau ihn öffnete. Und ein Zettel lugte heraus. Auf diesem stand: "Genießen Sie das Leben. Ihr Diego!"

Maradona hat sein eigenes Leben stets genossen - auch wenn es nicht immer einfach war. Doch gerade auch deshalb würde es nicht in zehn abendfüllende Spielfilme passen. Es ist einfach zu groß und überwältigend. Wenn man die Bilder seiner Karriere bis auf den heutigen Tag anschaut, kann man kaum fassen, dass dies das Leben eines einzigen Menschen sein soll. Heute feiert der große argentinische Weltmeister seinen 60. Geburtstag. Alles Gute und Glück auf, Diego Armando Maradona!

Quelle: ntv.de