Redelings Nachspielzeit

Klopp schwelgt in Erinnerungen "Ich konnte nackt durch die Straßen laufen"

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Klopps Mimik ist längst legendär.

(Foto: imago/DeFodi)

Jürgen Klopp ist ein Phänomen. Jeder mag ihn. Warum? Darüber erzählt ein Buch, in dem auf 150 Seiten die besten Sprüche des Coachs versammelt sind. Mit Selbstironie, Humor und einem Gefühl für Sprache weiß Klopp die Fans zu begeistern.

Emre Can, der Mittelfeldspieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und von Borussia Dortmund, hat erst die Tage erzählt, wie sehr er seinen ehemaligen Trainer immer noch mag. Aber die Frage muss erlaubt sein: Wer mag ihn eigentlich nicht? Denn Jürgen Klopp ist ein Phänomen. Das aktuell erschienene Werk "Das Buch vom Klopp" spürt dem ganz besonderen Charme des beliebten Liverpooler Coachs mit seinen "besten Sprüchen" nach. Und das gelingt ausgesprochen gut. Nach den knapp 150 Seiten sollte jeder die Lobeshymne seines früheren Spielers Emre Can verstehen können: "Jeder, der ihn kennt, weiß, was für ein cooler Typ er ist. Er ist, wie er ist, für seine Spieler gibt er alles. Für ihn zählt das Menschliche besonders und das ist großartig. Fußball ist für ihn wichtig, aber Familie ist auf Platz eins."

Gleich das erste Zitat des Buchs bringt das Wesen und den Menschen Jürgen Klopp auf den Punkt. Sein ausgeprägter Hang zur Selbstironie und sein natürliches Talent für Sprache und Humor sind einfach brillant: "Als ich noch Spieler war, spielte ich in leeren Stadien. Die Fans hatten kein Stadionverbot - unsere Art, Fußball zu spielen, hat sie einfach nicht interessiert."

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Was auffällt: Jürgen Klopp kann eigentlich niemand richtig böse sein. Es gibt diese Art von Menschen, die etwas Gemeines sagen können, doch selbst diejenigen, die verbal angegriffen wurden, müssen schmunzeln, wenn sie es hören. So wurde Klopp einmal von einem S04-Anhänger gefragt, wie das denn funktionieren würde, Deutscher Meister zu werden - und der damalige BVB-Coach antwortete: "Wie erklärt man einem Blinden, was Farbe ist?"

Damals, in den Straßen von Mainz ...

Auch seine Spieler müssen und mussten schon so Einiges aushalten. Im legendären Spaßinterview mit Arnd Zeigler im Herbst 2010 erzählte Jürgen Klopp unter anderem über seinen Torwart Roman Weidenfeller: "Morgens sieht er fürchterlich aus. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn uns schön zu trinken." Aber so, wie er andere auf den Arm nimmt, so verschont er sich selbst ebenfalls nicht. Über seinen eigenen steilen Aufstieg immer noch erstaunt, meinte er einmal: "Wenn jemand mich ins Jahr 2005 gebeamt hätte, wäre ich schockiert gewesen. Damals hätte ich nackt durch die Straßen von Mainz laufen können, ohne dass jemand meinen Namen gerufen hätte."

Ein Zitat im Buch erzählt die Geschichte seines ersten Tages beim FC Liverpool nach. Wer verstehen will, warum Klopp so überaus beliebt und dazu auch noch sehr erfolgreich ist, der wird es nach folgenden Zeilen automatisch tun: "Mein erstes Treffen mit der Mannschaft habe ich unten in den Umkleideräumen abgehalten und alle dazugeholt, die hier in Melwood arbeiten, denn ich kannte natürlich noch keinen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass viele Spieler die anderen auch nicht kannten. Also habe ich die Spieler gefragt: 'Wisst ihr, wie diese Leute heißen? Die arbeiten alle für euch, jeden Tag, vierundzwanzig Stunden lang, sind für euch da, was immer ihr braucht, egal wie das letzte Spiel ausgegangen ist. Es ist wichtig zu wissen, wer sie sind."

Das ist die eine Seite des Jürgen Klopp, die andere zeigt er nicht selten mit seiner Mimik ("Mein Gesichtsausdruck hätte mir eine Sperre für fünf Spiele einbringen können. Manchmal erkenne ich mich an der Seitenlinie selbst nicht wieder") und seinen Worten während einer laufenden Partie.

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Klopp im Jahr 2004 bei der Aufstiegsfeier in Mainz.

(Foto: imago/Alfred Harder)

Zu Recht haben einige Fußballanhänger (und vor allem auch Schiedsrichter) mit diesen Posen ein Problem - doch wenn man hinterher diese Worte von Klopp liest, kann man ihm schon fast nicht mehr böse sein: "Ich bin ein bisschen stolz auf meine erste rote Karte als Coach. Ich bin zum vierten Offiziellen gegangen und habe gesagt: 'Ich wollte nur fragen, wie viele Fehlentscheidungen sind eigentlich erlaubt? Wenn es fünfzehn sind, hast du noch eine frei.'"

"Wichtig ist, was sie denken, wenn du gehst"

Jürgen Klopp ist im Moment genauso wie die allermeisten Profisportler auf der Welt zum Nichtstun verdammt. Dass das gerade die Fans des FC Liverpool nach dem spektakulären Verlauf dieser Saison besonders hart trifft, kann jeder Fußballanhänger nachempfinden.

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Wie sich Klopp im Augenblick wohl persönlich fühlt, veranschaulicht ganz gut ein weiteres Zitat aus dem Buch: "Wer immer Kurs hält, nie aufgibt, nie aufhört zu arbeiten, wird am Ende belohnt werden. Das ist meine fundamentale Überzeugung. Wir werden so lange kämpfen, bis uns irgendjemand sagt: 'Ihr könnt jetzt aufhören. Die Saison ist vorbei.'"

Und egal, auf welche Weise die Spielzeit zu Ende gebracht wird - ob auf dem grünen Rasen oder am grünen Tisch - es sei Klopp und den Fans des FC Liverpool vergönnt, dass sie nach dieser Saison als Meister des Jahres 2020 geführt werden. Aber selbst, wenn das nicht so sein sollte, über eine Sache, über die Klopp einst beim Abschied aus Dortmund sinnierte, braucht er sich schon jetzt keine Gedanken mehr machen: "Es ist nicht wichtig, was die Leute denken, wenn du kommst. Es ist wichtig, was sie denken, wenn du gehst."

Quelle: ntv.de