Redelings Nachspielzeit

Redelings übers Mitfiebern "Ich wäre FC-Bayern-Fan, wenn …"

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Unser Kolumnist hält nicht viel von Fan-Freundschaften. Und etwaige Unterstützerverpflichtungen lehnt er gänzlich ab.

Ein Fußballspiel ohne Emotionen schauen? Das ist nicht möglich, meint unser Kolumnist. Am Wochenende hat er sogar gegen seine Überzeugungen mit der TSG Hoffenheim gefiebert - nur, damit der FC Bayern nicht schon wieder Meister wird!

Richtig fuchsig werde ich immer dann, wenn mir jemand sagt, ich müsse doch für den FC Bayern sein - wegen unserer Fanfreundschaft mit denen. Als Fan des VfL Bochum bin ich ja rein objektiv ohnehin nicht in den Kessel mit dem sagenumwobenen Glücks-Zaubertrank gefallen, aber dass mir jemand vorschreiben möchte, dass ich gefälligst zum Rekordmeister aus München zu halten habe, schlägt dem Fass dann doch den Boden aus. Denn beim Fußball bin ich streng-monogam. Meine große und einzige Liebe ist, seitdem ich denken kann, mein VfL Bochum. Vielehigkeit ist mir seit jeher ein Graus. Doch eine Sache kann ich nicht leugnen: Es gibt kein einziges Fußballspiel, das ich verfolge, bei dem ich nicht Sympathien für ein Team hege. Ich glaube, ich könnte nie eine Partie schauen, bei der mir komplett egal wäre, wer gewinnt.

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Manchmal ist es nur ein Hauch von Neigung, der mich zu einer Mannschaft hinzieht; manchmal fiebere ich mit einem Klub richtig mit. Das geht so weit, dass mir das selbst hier und da regelrecht unangenehm ist. Zum Beispiel am letzten Freitag. Rückrundenauftakt der Fußball-Bundesliga zwischen der TSG Hoffenheim und dem FC Bayern. Ich habe tatsächlich inständig gehofft, dass die TSG siegt - auch wenn ich dem Verein ansonsten relativ wenig abgewinnen kann; um es sehr vorsichtig zu formulieren. Doch nach sechs Jahren Meisterschaft für die Roten aus München gönne ich es einfach mal wieder einem anderen Team, den Titel zu holen. Ich glaube auch, dass es dem FC Bayern richtig gut tun würde, wenn sie mal tüchtig einen auf den Deckel bekämen. Denn wenn du denkst, du bist unbesiegbar, dann macht das was mit dir. Und genau an diesem Punkt sind die Bayern schon länger angekommen. Eigentlich haben sie diese Grenze bereits überschritten.

Rational? Emotional!

Und weil ich gerne sehen würde, dass mal wieder eine andere Mannschaft Meister wird, habe ich dann am Samstagabend auch für den BVB gehofft. Das war jetzt nicht so besonders anstrengend, weil ich RB Leipzig zwar aufgrund seiner Spielweise mag, aber den Klub ansonsten nicht wirklich ernst nehmen kann. Spannend wird es jedoch immer genau dann, wenn solche Teams wie Hoffenheim und Leipzig gegeneinander spielen. Wenn mich meine Kinder bei solchen Begegnungen fragen, für wen ich denn bin, dann sage ich immer, dass es mir schnurzpiepegal sei, wer gewinnt - aber das stimmt gar nicht.

Es ist mir nie egal, wer gewinnt. Ich kann nur nicht wirklich überzeugend sagen, dass ich für einen bestimmten Verein bin. Das ist etwas komplett anderes, auch wenn es in dem Augenblick rein emotional tatsächlich so ist, dass ich mit dem Wimpernschlag einer Gefühlsregung möchte, dass dieses Team siegt. Natürlich darf ein echter Kerl so etwas eigentlich nicht sagen, weil er dann für einen emotional verödeten Muscheltaucher gehalten wird - aber seitdem ich einmal in einem Artikel gelesen habe, dass all unsere Entscheidungen nicht rational sondern nur emotional getroffen werden, weiß ich, dass es im Grunde allen so geht. Auch wenn sich das sicherlich nicht jeder eingestehen mag.

Wenn Hermann Gerland Bayern-Coach wäre ...

Das beste Beispiel für meine These war ein Abend im vergangenen Oktober in Arnheim. Ich saß mit meinen beiden kleinen Jungs und einigen anderen Hostel-Gästen vor einem Fernsehapparat, der mit viel Schnee in der Optik das Spiel zwischen PSV Eindhoven und Tottenham Hotspur zeigte. Wir stiegen erst nach dem Abendessen und einer 2:1-Führung für Tottenham ein. Und so war schnell geklärt, für wen wir bei dieser Partie sein würden. Natürlich für Eindhoven. Das ist dieses David-gegen-Goliath-Ding. Egal. Auf jeden Fall gab es an diesem Abend kein Halten mehr, als Luuk de Jong in der 87. Minute den 2:2-Ausgleich schoss. Das war ein herrlicher Moment. Und genau das meine ich: Du kannst kein Spiel schauen ohne emotionale Bindung. Andernfalls ist die Sache fad und macht keinen Spaß. Dann kannst du auch gleich deinen Schachcomputer anschmeißen und eine Partie gegen dich selbst spielen.

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Hermann Gerland zündet nicht nur modisch die Stilrakete, sondern hat auch so das Potenzial, unseren Kolumnisten Ben Redelings wuschig zu machen.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Nur rational, vernunftgesteuert, funktioniert das alles nicht. Das kann man vergessen. Deshalb können mir noch Tausende Fußballfans sagen, dass ich doch als Anhänger des VfL Bochum gefälligst zu den Bayern zu halten habe. Fanfreundschaften müsse man doch schließlich pflegen. Kann schon sein. Aber sein Herz kann man nicht betrügen. Und wenn Hermann Gerland (Anmerk. d. Red: ein Ur-Bochumer) eines Tages doch einmal Cheftrainer des FC Bayern sein sollte und im alles entscheidenden Endspiel um die deutsche Meisterschaft mit seinem Kapitän Leon Goretzka (Anmerk. d. Red: noch ein Ur-Bochumer) gegen RB Leipzig antreten sollte, dann würden mich plötzlich vermutlich sogar ganz ungewohnte Gefühle heimsuchen. Und ehrlich? Ich würde nicht gegen sie ankämpfen - weil ich weiß, dass man dagegen ohnehin nichts machen kann. Auch wenn ich dadurch zum geistig verirrten Hammerwerfer mutiere. So ist Fußball!

Quelle: n-tv.de