Redelings Nachspielzeit

Schalkes riskante Sehnsucht Liebe für Breitner, leiden mit Götze

imago0008857632h.jpg

Klaas-Jan Huntelaar soll Schalke 04 vor dem Abstieg retten.

(Foto: imago sportfotodienst)

Auf Schalke erinnern sie sich gerade voller romantischer Gefühle an die alten Zeiten und Spieler. Nun soll also Klaas-Jan Huntelaar die Königsblauen vor dem Abstieg aus der Fußball-Bundesliga retten. Doch ist die Rückkehr der verlorenen Söhne ein geeignetes Mittel, um in die Erfolgsspur zu kommen?

Grundsätzlich spricht nichts gegen ein Liebes-Comeback, sagen Paartherapeuten. Das Aufwärmen alter Gefühle sei ein völlig natürlicher Prozess - allerdings dürfe man sich keine größeren Erfolgsaussichten versprechen als bei einer neuen Liebe.

Auf Schalke wird man angesichts der dramatisch schlechten Lage, in der sich der Verein aktuell befindet, in diesen Tagen wohl kaum den Rat von Paartherapeuten einholen. Das Kommando "Rückkehrer" läuft auf Hochtouren. Nach Sead Kolasinac wird nun sehnsüchtig das Eintreffen von Klaas-Jan Huntelaar aus Amsterdam am Ernst-Kuzorra-Weg 1 in Gelsenkirchen erwartet. Die Tore des Niederländers sollen die Königsblauen vor dem Abstieg bewahren. So wenigstens die Theorie. Doch inwieweit die romantischen Erinnerungen an Huntelaars Treffsicherheit die heutige, brutale Realität überstehen, wird erst die Zukunft zeigen. In jedem Fall ist Schalke alles andere als ein Einzelfall - was die Heimkehr alter Helden angeht.

Als Paul Breitner nach seiner Zeit bei Real Madrid zur Saison 1977/78 mit seinem neuen Klub Eintracht Braunschweig zu seinem alten Arbeitgeber, dem FC Bayern München, zurückkehrte, wurde der Weltmeister im Olympiastadion ausgebuht und lautstark beschimpft. Breitner reagierte entsetzt: "Ich bedauere es, für diese Leute vier Jahre lang hier gespielt zu haben. Das war das Übelste an Publikum, was ich je erlebt habe."

Matthäus, Tiger und Pizarro machen es vor

Doch nach dem Stich in sein Münchener Herz fügte er noch etwas Versöhnliches hinzu: "Es tut mir einfach leid, weil ich immer noch ein Anhänger der Bayern bin!" Schon eine Spielzeit später trug Breitner schließlich wieder das Trikot der Münchener - und verhalf dem Klub nach seiner Heimkehr zur ersten deutschen Meisterschaft nach sechs Jahren. Die Wiederverpflichtung des Mannes aus Kolbermoor hatte sich mehr als bezahlt gemacht - und wurde zur Blaupause für viele weitere Rückkehrer in der Bundesliga-Historie in den folgenden Jahren.

ANZEIGE
Schalke-Album: Unvergessliche Sprüche, Fotos, Anekdoten
9,99 €
Jetzt kaufen

Prominenteste Beispiele beim FC Bayern der neunziger Jahre waren Lothar Matthäus und Stefan Effenberg. Matthäus konnten die Bayern damals nur verpflichten, weil er sich bei Inter Mailand das Kreuzband gerissen hatte und die Italiener dem Weltmeister nicht mehr viel zutrauten. Ein Irrglaube. In den folgenden acht Jahren gewann Matthäus alleine viermal mit den Bayern die Meisterschaft.

Stefan Effenberg pendelte mit einem kurzen Abstecher zum AC Florenz zwischen Mönchengladbach und München hin und her. Und das ziemlich erfolgreich. Mit der Fohlenelf gelang ihm 1995 der überraschende Gewinn des DFB-Pokals und mit den Bayern 2001 der Sieg der Champions-League. Die Rückkehr des "Tigers" hat sich also sowohl für die Münchener als auch für die Mönchengladbacher damals gelohnt.

Die Pendelei von Stefan Effenberg zwischen den beiden Klubs ist zwar schon bemerkenswert - aber nichts gegen den Vereinstourismus, den der Peruaner Claudio Pizarro in seiner Karriere betrieb. Alleine unglaubliche fünfmal kehrte er zu seinem ersten Verein in der Bundesliga, dem SV Werder Bremen, zurück. Und auch beim FC Bayern München sagte er sich: Man sieht sich immer zweimal im Leben. Dass auch diese Art der ständigen Rückkehr erfolgreich sein kann, beweisen die großen Erfolge des Peruaners, die er in seiner Karriere erzielt hat.

Schlechte Erfahrungen beim BVB

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Dass diese gelebte Form der Fußball-Romantik jedoch nicht immer aufgehen muss, zeigte sich im vergangenen Jahrzehnt ausgerechnet bei Schalkes Revier-Rivalen Borussia Dortmund. Beim BVB versuchte man nach den beiden deutschen Meisterschaften unter Trainer Jürgen Klopp 2011 und 2012 und den anschließenden Transfers zahlreicher beliebter Leistungsträger die alte Zeit mit der Rückkehrer dieser Spieler wieder aufleben zu lassen.

Doch der Plan ging nicht auf. Weder Shinji Kagawa, noch Nuri Sahin und erst recht nicht Mario Götze konnten an die Form ihrer ersten Jahre bei der Borussia anknüpfen. Die vielen Hoffnungen der BVB-Offiziellen und der schwarz-gelben Fans haben sich nicht erfüllt. Die alte Liebe flammte zwar wieder auf - doch sie versprach mehr, als sie am Ende hielt. Die Rahmenbedingungen waren einfach andere als in den früheren Zeiten.

Der Weg, den die Königsblauen nun also bestreiten, ist von vielen guten Gefühlen an die schöne gemeinsame Vergangenheit bestimmt. Ob es das richtige Mittel ist, um den drohenden Abstieg noch zu verhindern - wer weiß das schon? Der Blick zurück in die Historie der Bundesliga lässt jedenfalls keine aussagekräftigen Rückschlüsse zu. Es ist wohl tatsächlich so, wie es die Paartherapeuten beschreiben: Das Aufflammen einer alten Liebe verspricht keine größeren Erfolgsaussichten als der Start einer neuen. Man darf gespannt sein, wie es auf Schalke sein wird.

Quelle: ntv.de