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So verarbeiten die BVB-Fans die Sperrung der Südtribüne nach dem Eklat im Februar.
So verarbeiten die BVB-Fans die Sperrung der Südtribüne nach dem Eklat im Februar.(Foto: imago/DeFodi)
Dienstag, 17. Oktober 2017

Redelings über Fan-Botschaften: Wenn den Knigge-Freund das Banner empört

Von Ben Redelings

Früher durften die Fans Reiner Calmund in den Fußballstadien auf Plakaten noch ungestraft platzen lassen und Franz Beckenbauer an seine außerehelichen Liebschaften erinnern. Heute sorgen Banner für Stadionverbote. Ist das gut so?

Spruchbänder, die in früheren Zeiten, wenn überhaupt, nur am Rande wahrgenommen und thematisiert wurden, sorgen mittlerweile für einen kollektiven Aufschrei und werfen die Frage auf: Dürfen die das? So geschehen auch an diesem Wochenende in der Fußball-Bundesliga beim Spiel der Dortmunder Borussia gegen RB Leipzig. Auf der Südtribüne hing ein riesiges Plakat mit dem Spruch: "Die Wand der Schande grüßt die Schande der Liga!"

Reflexartig zuckten alle Beobachter zusammen und überlegten eifrig, was denn nun davon zu halten wäre - und ließen sich Zeit mit einer eindeutigen Reaktion. So atmete die Fußballwelt erst entspannt auf, als das führende Boulevardblatt den Spruch "fast schon humorvoll" nannte. Zufrieden hatten die Meinungs-Macher der "Bild"-Zeitung registriert, dass eine ihrer Überschriften auf dem Banner der BVB-Anhänger verarbeitet worden war. So viel Ehre muss honoriert werden, dachten sie sich und erklärten den Spruch für unbedenklich. Schließlich habe dieser Satz auf dem überdimensionalen Banner auch gezeigt: "Es geht doch!" Fans sind lernfähig. Schnell lobten sich die "Bild"-Schreiber noch selbst: Hand in Hand hätten sie damals mit dem DFB alles richtig gemacht, als sie die Sperrung der Südtribüne forderte. Ob sich aber die BVB-Fans nun diese Reaktion auf ihr Spruchband gewünscht hatten, darf bezweifelt werden.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Spannend zu beobachten ist in jedem Fall, wie genau gegenläufig zur gesellschaftlichen Entwicklung im Fußball die Messlatte für unbedenkliche Äußerungen in den letzten Jahren massiv in die Höhe gelegt wurde. Während sich die Umgangssprache in den sozialen Netzwerken nicht erst seit einem Twitter-Ungeheuer eines US-Präsidenten vom Niveau her kurz über der Grasnarbe bewegt, wird das Stadion immer mehr zu einem Wallfahrtsort sensibler Knigge-Anhänger.

Tatsächlich fragten sich die "Altbier-Jung’s HB" in den 1990er-Jahren noch völlig unbehelligt via Plakat am Stadionzaun: "Wann platzt Calmund?" In der Lohrheide hing etwa zur selben Zeit ein Banner, auf dem wenig zimperlich formuliert eine Meinung über den Manager des FC Bayern, den heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden Hoeneß verkündet wurde: "Arrogant und kahle Stirn, dumme Sprüche und wenig Hirn. Wattenscheid grüßt Uli". 2001 präsentierten Leverkusener Anhänger ein Plakat, auf dem sie ziemlich eindeutig die außerhäuslichen Affären von Beckenbauer und Hitzfeld thematisierten: "Franz und Ottmar seid nicht traurig. Bald ist wieder Weihnachtsfeier!"

Raue, aber meist faire Fußballkultur

Stadionverbote, so darf wenigstens vermutet werden, gab es dafür in dieser Zeit keine. Das mag in dem einen Fall an der feinen Reimform und in den anderen Fällen an den ironischen Spurenelementen in den Botschaften gelegen haben. Vermutlich haben die Betroffenen die Sprüche damals aber auch einfach nicht höher gehängt, als das, was sie waren: Mal mehr, mal weniger hart formulierte bzw. gelungene Frotzeleien unter rivalisierenden Fußballfans.

Natürlich gab und gibt es immer wieder Entgleisungen, die nicht nur unnötig sind, sondern - besonders, wenn unverhohlen zur Gewalt aufgerufen wird - bestraft gehören. Doch im Allgemeinen sind Fanplakate seit jeher ein fester Bestandteil der Fußballkultur. Da kann es schon einmal etwas rauer zur Sache gehen. Das sollten alle Beteiligten wissen und wie früher einfach einmal ein Auge zudrücken. Und da sich über Geschmack trefflich streiten lässt, befand auch RB-Sportdirektor Ralf Rangnick nach dem Spiel in Dortmund: "Heute war alles im Rahmen." Gut so.

An diesem Freitag lässt die "Deutsche Akademie für Fußball-Kultur" in Nürnberg wieder den "Fußballspruch des Jahres" wählen. Unter den vier Halbfinalisten ist auch ein Stadionbanner. Beim letzten Spiel der vergangenen Saison in Ingolstadt hielten die S04-Fans ihrem Team folgenden Spruch entgegen: "Wir danken der Mannschaft, dass sie uns auch in dieser Saison so zahlreich hinterhergereist ist." Bitterböse. Vermutlich aber konnten mit ein wenig Abstand auch die Spieler über diesen feinen Gedanken schmunzeln.

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Quelle: n-tv.de

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