Redelings Nachspielzeit

Redelings über Favres Vorbilder Wenn der Trainer einfach hinschmeißt

imago18676639h.jpg

Freiwilliger Abgang: Lucien Favre.

(Foto: imago/Eibner)

Jupp Schneider bat die Hertha um ein Zwischenzeugnis, Udo Lattek verschmähte RW Essen, Jürgen Sundermann liebte seine Kinder, bei Jürgen Gelsdorf ging alles ganz fix. Was lernen wir? Lucien Favre ist nicht der erste Trainer, der freiwillig kündigt.

Trainer-Rücktritte sind noch immer eine Seltenheit im Profifußball. Umso heftiger hat es den Bundesligisten aus Mönchengladbach getroffen, dass Lucien Favre ebenso freiwillig wie überraschend gegangen ist. Auch wenn der Schweizer schon häufiger mit seinem Rücktritt geliebäugelt und gedroht haben soll, hatten sie bei der Borussia gehofft, dass er es nie wirklich wahr machen würde. In früheren Zeiten, das kann man mit Fug und Recht vermuten, wäre solch ein Verhalten schlicht und ergreifend auch nicht möglich gewesen. Erst seitdem die Protagonisten im Profifußball in einem Jahr so viel verdienen, wie sie in ihrem ganzen Leben nicht mehr ausgeben können, haben sie die finanzielle Freiheit, solch gravierende Entscheidungen zu fällen - und sich freiwillig in die temporäre Arbeitslosigkeit zu verabschieden. Und doch gab es auch vor Favre so manchen kuriosen Trainerabgang.

orangenerKreis.jpg

Der erste war in der Saison 1964/1965 Herthas Trainer Jupp Schneider, der im Herbst für Aufruhr in Berlin sorgte: Er hatte seinen Vertrag gekündigt. Eigentlich sollte das geheim bleiben, doch eines der sieben Vorstandsmitglieder hatte geplaudert. Und in diesem Zuge kam auch noch etwas anderes heraus, das sich aus heutiger Sicht sehr kurios anhört. Herthas damaliger zweiter Vorsitzender Wolfgang Holst berichtete: "Herr Schneider erbat von uns ein Zwischenzeugnis für den 31. Dezember 1964. Mit diesem will er seine Bewerbungen stützen."

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Die Hertha verließ er schließlich im März 1965 und heuerte im April 1966 als Nachfolger von Georg Gawliczek beim Hamburger SV an. Nahtloser war da der Übergang bei Erfolgstrainer Max Merkel. Er schmiss am 10. Dezember 1966 beim TSV 1860 München hin und heuerte am 1. Januar 1967 beim Club in Nürnberg an. Ein Wechsel mit Folgen. Anderthalb Jahre später war Max Merkel zum zweiten Mal Deutscher Bundesliga-Meister. Zur Saison 1974/1975 rechnete man bei Rot-Weiß Essen fest mit Udo Lattek als neuen Trainer. Man fuhr sogar mit ihm bereits zu Verhandlungen mit neuen Spielern. Präsident Neunheim sagte damals: "Wir haben einen rechtsgültigen Vertrag, den wir einzuhalten gedenken." Lattek hingegen gab zu, dass Gladbach angefragt hatte: "Ich kann Kontakte nicht ableugnen!" Schließlich ging er zum Deutschen Meister und sagte Essen ab. Lattek ehrlich, aber etwas böse: "Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Wahl zwischen einem Fahrrad und einem Mercedes hätten?"

"Warum habe ich denn Kinder?"

imago11975992h.jpg

"Ach, weißt du, Papa, mit dir kann man
 nichts mehr reden": Jürgen Sundermann.

(Foto: imago sportfotodienst)

Vor der Saison 1979/1980 verließ Trainer Jürgen Sundermann überraschend den VfB Stuttgart. Diese Entscheidung habe maßgeblich mit seiner Familie zu tun, sagte der Coach der Presse. Als Sundermann eines Morgens mal wieder in Eile war und den Frühstückstisch gerade hastig verlassen wollte,
habe sein zwölfjähriger Sohn Marc gesagt:
"Ach, weißt du, Papa, mit dir kann man
 nichts mehr reden!" Für den VfB-Trainer
waren diese Worte ein Schock: "Ich wusste
 mit einem Mal, dass da etwas ganz, ganz
Entscheidendes aus dem Gleichgewicht
geraten sein musste." Er beschloss und
verkündete seinen Rückzug in die Schweiz,
um dort Trainer beim Grasshopper Club
 Zürich zu werden: "Warum habe ich denn
geheiratet, wenn mir für meine Frau so gut wie keine Zeit bleibt? Warum habe ich denn Kinder, wenn ich kaum mitkriege, wie sie aufwachsen? Jetzt sind sie noch zehn und zwölf, bald werden sie erwachsen sein und aus dem Haus. Was habe ich dann von ihnen, was haben sie von mir gehabt? Nichts!"

Kurz vor Ende der Spielzeit kündigte Jürgen Sundermann schließlich genauso überraschend seine Rückkehr nach Stuttgart an. Er sei vom Schweizer Fußball enttäuscht, sagte er. Das nahmen ihm die Eidgenossen übel. Sie glaubten, es ginge Sundermann und seiner Familie ohnehin nur um das "Schweizer Niederlassungsrecht". Ein Schweizer Bürger wurde seinerzeit so zitiert: "Er soll nur nie wieder als Papierli-Schweizer in unser Land zurückkehren. Solche wankelmütigen Profiteure brauchen wir in der Schweiz nicht." Nicht alle Spieler freuten sich allerdings auf Sundermanns Rückkehr. Nur wenige Monate zuvor hatte Schorsch Volkert beim Abschied des Trainers noch getönt: "Länger hätte ich mir meinen Kopf von ihm ohnehin nicht mehr unters Wasser tauchen lassen."

Doch auch in Mönchengladbach gab es schon einmal einen mehr oder weniger freiwilligen Abgang. In der Saison 1992/1993 deutete sich diese Entwicklung allerdings schon früh an. Mitte Oktober sollte sich Gladbachs Trainer Jürgen Gelsdorf einen neuen Vereinsanzug aussuchen. Mit einem gequälten Lächeln fragte er einen Journalisten: "Na, was meinen Sie? Lohnt sich das überhaupt noch?" Und dann ging es auf einmal ganz fix. Gerade noch war Gelsdorf bei der Borussia, nun trainierte er bereits den VfL Bochum. Der gebürtige Duisburger hatte damit den schnellen Wechsel vollzogen. Weil er bei den Gladbachern nicht mehr zurechtkam, kündigte er am Bökelberg und unterschrieb quasi direkt danach in Bochum. Überall war man damals zufrieden. Beim VfL Bochum, weil man endlich einen neuen Coach hatte, und in Gladbach, weil man "einen Neubeginn machen kann", wie Präsident Karl-Heinz Drygalsky sagte. Bochum stieg in dieser Spielzeit übrigens ab und bei der Borussia wurde Bernd Krauss der Nachfolger. Der ist übrigens im Moment vereinslos. Und würde sich über einen Neubeginn in Gladbach sicherlich sehr freuen.

Im Oktober erscheint das neue Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Die Bundesliga, wie sie lebt und lacht: Zum Schießen komische Momente von Ahlenfelder bis Zebec".

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema