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DFB-Wahnwitz in der Einzelkritik Der "Caravan of Löw" spektakelt im Elchtest

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Reus, der Retter.

(Foto: REUTERS)

Es ist noch nichts gewonnen. Viel wichtiger ist aber: Es ist doch noch nicht alles verloren. In Unterzahl schlenzt Toni Kroos den wankenden Fußball-Weltmeister zum Last-Minute-Drama-Sieg gegen Schweden - und bügelt so Vorlage zum 0:1 aus.

Das war jetzt nicht der ganz große Fußball, und Schweden eigentlich kein Gegner, vor dem sich ein Weltmeister fürchten muss. Aber dennoch dürfen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und ihr Trainer Joachim Löw fürs erste mit sich und der Welt zufrieden sein. Nach dem 2:1 (0:1) gegen die Skandinavier im zweiten Gruppenspiel bei dieser WM in Russland ist die Qualifikation für das Achtelfinale wieder in Reichweite. Und dass Toni Kroos am Samstagabend vor 44.287 Zuschauern im Fisht-Stadion in Sotschi den entscheidenden Treffer in der fünften Minute der Nachspielzeit erzielte - daraus könnte das Team doch Kraft ziehen, zumal es nach dem Platzverweis gegen Jérôme Boateng ab der 82. Minute in Unterzahl spielte. Kurzum: Die DFB-Elf hat den Elchtest gerade so bestanden, der "Caravan of Löw" zieht weiter. Wohin? Erst einmal nach Kasan. Bevor aber dort am Mittwoch (ab 17 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) die Partie gegen Südkorea ansteht, hier erst einmal die deutsche Mannschaft in der Einzelkritik:

Neuer hat nicht viel zu tun. Aber wenn, dann richtig.

Neuer hat nicht viel zu tun. Aber wenn, dann richtig.

(Foto: AP)

Manuel Neuer: Hätte seine DFB-Elf auch, ganz Kapitän, eigenhändig vom Teamhotel ins Fisht-Stadion rudern und dabei frohgemut "Dieser Weg wird kein leichter sein" summen können. Fuhr dann doch mit im Bus zu seinem 78. Länderspiel. Von Schwedens angeblicher Zufalls-Offensive wie gegen Mexiko früh gefordert, aber, wichtig: Niemals überfordert. Erlebte wie so oft beim FC Bayern das Schicksal eines Spitzenteamtorwarts. Wenig geprüft, aber wenn doch, dann gleich richtig. Löste das aber wie ein Spitzenteamtorwart. Wie in der zwölften Minute, als der schwedische Angreifer Marcus Berg - einst erfolglos in Diensten des Hamburger SV - nach einem Fehler Antonio Rüdigers auf ihn zustürmte. Das zog sich, Neuer hätte bis zu Bergs Eintreffen noch eines dieser Porträts des Schweden anfertigen können, wie sie auf Sotschis Strandpromenade verkauft werden. Tat er nicht. Stattdessen parierte er das - wegen Boatengs regelwidriger Intervention - Schüsschen von Berg mit der Seite, aber ganz cool. Wurde in der Nachspielzeit von Hälfte eins endgültig zum Berg-Albtraum: Der köpfte, und Neuer flog und flog und flog und flog - und lenkte den Ball mit der rechten Hand noch um den Pfosten. Beim abgefälschten Lupfer von Toivonen (32.) machtlos. Hatte in dieser Woche eingestanden, dass Reklamieren nix bringt. Reklamierte trotzdem. Brachte nix. Wurde nach der Pause immer wieder Mitte der eigenen Hälfte gesichtet, als sich der deutsche Belagerungsring immer weiter nach vorn verschob. Parierte hinten alles souverän weg, auch Forsbergs Knaller (76.), zeigte seine legendären Abwürfe bis zur Mittellinie, war damit aber bisweilen zu gedankenschnell für die Mitspieler. Fazit: Der Torwart-Titan ist zurück.

Musterschüler Kimmich.

Musterschüler Kimmich.

(Foto: REUTERS)

Joshua Kimmich: Wie Rudy, Rüdiger, Hector und Werner als Confed-Cup-Sieger Teil des Sotschi-Sieg-Experten-Quintetts in der DFB-Startelf. Anders als Rudy, Rüdiger und Hector aber direkt Auftakt-Fiasko-geschädigt. Spielte ja gegen Mexiko als Rechtsverteidiger durch und ließ fast durchgehend das Verteidigen außen vor. Der 23-jährige Bayern-Profi ist aber ein Musterschüler und bekam gegen Schweden wieder viele Freundlichkeiten ins Notenheft geschrieben. Bemühte sich wie immer, die DFB-Offensive zu beleben, was ihm mit Pässen in die Tiefe wie auf Reus (9.) besser gelang als mit seinen hohen Flanken. Von denen hatte der Bundestrainer ja abgeraten, offenbar noch so ein Löw-Bluff. Vergaß bei aller Pass- und Flankenfreude auch die Verteidigung nicht, etwas als er dem durch die DFB-Abwehr getanzten Forsberg gemeinsam mit, Obacht, Thomas Müller, den Ball noch wegspitzelte (6.). In der zweiten Halbzeit weiter offensiv engagiert, aber glücklos. Das deutsche Spiel lief eh mehr über links, Kimmich lief trotzdem unermüdlich. Stark formverbessert.

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Boateng sieht erst gelb und später gelb-rot.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Jérôme Boateng: Hätte in seinem 73. Länderspiel um ein Haar den kürzesten Arbeitstag aller DFB-Kicker gehabt, als er in der zwölften Minute gegen Berg klären musste - und das trotz aller Chefigkeit ausnahmsweise nicht regelkonform erledigen konnte. Sein Glück: Der Schiedsrichter und sein Videoschiedsrichter waren ebenso indisponiert wie zuvor Kollege Rüdiger. Blockte danach im eigenen Strafraum noch cool einen Schuss von Berg von der Strafraumgrenze, ehe er sich nicht mehr mit Abwehrfußwerk begnügte. Mutierte zeitweise zum Rechtsaußen, ohne Erfolg. Schoss in der 45. Minute überraschend für Mit- und Gegenspieler aus 25 Metern aufs schwedische Tor. Zwar vorbei, das Fisht-Stadion raunte trotzdem. War im zweiten Durchgang mehr Spielmacher als Spielzerstörer, mehr Verlagerer als Verteidiger. Besonders famos: Sein Bogenlampenlupfer auf Kollege Gomez in der 67. Minute, der allerdings ein Löw'sches Stoßgebet provozierte (siehe unten). Sah in der 71. Minute die erste deutsche Gelbe Karte im Spiel - und in der 82. Minute nach hartem Foul blöderweise auch die zweite. Das passte irgendwie.

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Eigentlich gut: Antonio Rüdiger.

(Foto: imago/Bildbyran)

Antonio Rüdiger: 2017 Confed-Cup-Sieger, 2018 WM-Debütant. Klingt gut und eigentlich war es auch eine gute WM-Premiere des 25 Jahre alten Chelsea-Profis, der den am Hals verletzten Mats Hummels in der Innenverteidigung ersetzte. Wäre da nicht die zwölfte Minute gewesen, als er entgegen aller Amateurfußballregeln als letzter Manns ins Dribbling ging. Prompt war der Ball weg, Boateng und Neuer mussten gegen Berg retten. Klappte zwar, aber durch den Klops war ein Knacks im deutschen Spiel, von dem sich Spiel und Rüdiger erst in der zweiten Halbzeit wieder erholten. Die eher hölzerne schwedische Doppelspitze mit Berg und Ola Toivonen lösten bei Rüdiger im 25. Länderspiel zunächst deutlich mehr Schweißausbrüche aus als das subtropische Klima in Sotschi. Konnte Toivonens Torschuss in der 32. Minute nur zum Lupfer abfälschen, der über Neuer ins Tor plumpste, war an der Torentstehung aber schuldlos. Klärte dafür in der 38. Minute mit feiner Drehung gegen den Schweden und bekam in der 56. Minute nach gewonnenem Laufduell Szenenapplaus vom deutschen Anhang. Danach souverän - auch als die DFB-Abwehr zur Zweierreihe schrumpfte.

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Hector leistet nicht nur in der Abwehr gute Arbeit.

(Foto: dpa)

Jonas Hector: Der künftige Zweitligaprofi WM-debütierte nach seinem Infekt vorm deutschen WM-Infarkt gegen Schweden auf der linken Abwehrseite, auf der er nun schon stolze 39 Länderspiele zusammengehamstert hat. Erfreulich: Wurde anders als Plattenhardt von den Teamkollegen nicht geschnitten. Noch erfreulicher: Ließ hinten nichts anbrennen und konnte auch selbst einige offensive Akzentchen setzen. Am allererfreulichsten: Verlor nie die Fassung, als dem DFB-Spiel durch Rüdiger-Klops und Kroos-Bock genau das widerfuhr. Kopierte in der 44. Minute die Hummels'sche Heldenhacke gegen Viktor Claesson, sehr lässig. Wurde nach der Pause von den deutschen Angriffswellen immer mal wieder mit zum schwedischen Strafraum gespült, hatte in der 57. Minute sogar das 2:1 auf dem Fuß, sein Schüsschen konnte Schwedens Keeper Olsen aber locker parieren. Machte in der 87. Minute Platz für Julian Brandt, der gegen Mexiko als Joker einen Last-Minute-Pfostentreffer fabriziert hatte - und dieses Kunststück in seinem 18. Länderspiel wiederholte.

Rudys Gesichtsverletzung erweist sich später als Nasenbeinbruch.

Rudys Gesichtsverletzung erweist sich später als Nasenbeinbruch.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Sebastian Rudy: Er ist der Mann, der Sami Khedira in Sotschi aus der Startelf verdrängte - Confed-Cup-Sieger ersetzt Weltmeister. Eine Überlegung Löws dürfte gewesen sein, dass der 28 Jahre alte Mittelfeldspieler des FC Bayern auf der Doppelsechs neben Toni Kroos nach hinten absichern sollte. Und das tat er dann in seinem 26. Länderspiel auch, er machte das gut - bis zur 25. Minute. Da bekam er nach verunglücktem Kroos-Pass einen schwedischen Fußballschuh ins Gesicht, seine Nase brach. Die blutetet, wurde sechs Minuten lang behandelt, dann das Signal: Es geht nicht mehr. Rudy schmiss enttäuscht sein Trikot auf den Boden, war aber "durch das 2:1 am Ende trotzdem überglücklich", berichtete er mit schiefer Nase in der Mixed Zone. Für Rudy kam der 27 Jahre alte Ilkay Gündogan von Manchester City in die Partie. Die Fans der DFB-Elf begrüßten ihn mit Applaus. Für ihn war sein 27. Länderspiel sein WM-Debüt. Er machte seine Sache ordentlich, arbeitete brav mit nach hinten - mehr aber auch nicht. Nach der Pause bemühte er sich angesichts des Rückstands mehr um die Offensive, verlieh dem Spiel seines Teams ein wenig Schwung, ohne Entscheidendes zu bewirken. Er wirkte irgendwie gehemmt - die Nachwehen der Erdogan-Affäre?

Toni Kroos, erst kritisiert, dann gefeiert.

Toni Kroos, erst kritisiert, dann gefeiert.

(Foto: imago/Bildbyran)

Toni Kroos: Nach der Pleite gegen Mexiko musste der vierfache Champions-League-Sieger mit Real Madrid herbe Kritik einstecken. Dabei ist der 28 Jahre alte Taktgeber grundsätzlich eher Teil der Lösung und weniger Teil des Problems. Doch in seinem 85. Länderspiel leistete sich der Weltmeister in der 32. Minute einen fatalen Ballverlust im Mittelkreis. Schwedens Marcus Berg schnappte sich die Kugel, Konter, Pass auf Ola Toivonen - 0:1. Und all die guten Vorsätze der DFB-Elf, die gut begonnen hatte, waren Makulatur. Nach der Pause stemmte sich Kroos weltmeisterlich gegen das drohende WM-Aus, leitete das 1:1 durch Marco Reus ein. Und dass Kroos sich die finale Pointe bis zur fünften Minute der Nachspielzeit aufbewahrt hat, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Nach einer eher durchschnittlichen Leistung das Selbstvertrauen zu haben, diesen Freistoß so kraftvoll in den Winkel des schwedischen Tores zu zirkeln - das ist eine Qualität, die seine Mannschaft gerettet hat.

Müllers Leichtigkeit aus früheren Tournieren ist passé.

Müllers Leichtigkeit aus früheren Tournieren ist passé.

(Foto: dpa)

Thomas Müller: Müller spielt immer - zumindest in der Nationalelf scheint diese Doktrin Bestand zu haben. Dabei war es im ersten WM-Spiel die rechte Seite, die den Mexikanern den Weg freiräumte, auf dass sie munter kontern konnten. Als der 28 Jahre alte Bayern-Mittelfeldspieler in seinem 93. Länderspiel in der 89. Minute den Ball übers Tor drosch statt zu flanken, schien alles vorbei und Müller final frustriert. Sucht weiter nach seiner WM-Form von 2014 und 2010, als er jeweils fünf Tore erzielte. Auffällig war, dass er im Gegensatz zur Niederlage gegen Mexiko emsig mit nach hinten arbeitete und auch die Abstimmung mit Kimmich viel besser funktionierte. Offensiv aber geht ihm weiter die Leichtigkeit ab, die ja nicht einmal ein Freigeist wie er trainieren kann. Aber vielleicht findet er ja gemeinsam mit der Mannschaft noch in dieses Turnier. Wäre wichtig – und nötig.

Marco Reus, der Mann des Spiels.

Marco Reus, der Mann des Spiels.

(Foto: REUTERS)

Marco Reus: Hurra, der Heilsbringer ist da. Nachdem der 29 Jahre alte Mittelfeldspieler der Dortmunder Borussia gegen Mexiko erst nach einer Stunde sein Debüt bei einer Weltmeisterschaft feierte, durfte er nun wie allerseits erhofft von Beginn an ran. In seinem 33. Länderspiel ließ ihn die Fifa dann gleich auch zum Mann des Spiels wählen - und das nicht nur, weil er drei Minuten nach der Pause den Ausgleich erkniet hatte, sein zehntes Länderspieltor. Auch wenn nicht alles klappte, er war einer der Besseren in einer nach dem Gegentor verunsicherten deutschen Mannschaft. Reus sorgte für Tempo, war oft schneller als der Gegner, rochierte viel und zog häufig nach innen. Nach einer guten Stunde wäre ihm beinahe sein zweiter Treffer in diesem nicht ganz unwichtigen Spiel gelungen, doch nach einem Doppelpass mit Kimmich blieb es ihm versagt, den Ball aus vier Metern mit der Hacke ins schwedische Tor zu zaubern. Und auch er hatte in der 95. Minute seinen Auftritt. Vor dem 2:1 durfte er Kroos den Ball vorlegen. Der erzählte hinterher, Reus hätte wohl lieber selbst geschossen. Doch auch er dürfte damit zufrieden sein, wie die Dinge gelaufen sind.

Julian Draxler: Marco Reus rein, Draxler raus? Nein, der Bundestrainer ließ den 24 Jahre alten Kapitän der Confed-Cup-Combo auf der linken Angriffsseite, stellte Reus stattdessen in die Mittelfeldzentrale und nahm Mesut Özil raus. Damit war der Edeltechniker des FC Arsenal zum ersten Mal seit der WM 2010 in Südafrika bei einem wichtigen Turnier nicht Teil der Startelf. Zuvor hatte er 26 Mal hintereinander von Beginn auf dem Platz gestanden, mit ihm war die DFB-Elf 2014 Weltmeister geworden. Und Draxler? Der Flügelspieler von Paris Saint-Germain hätte in seinem 46. Länderspiel dafür sorgen können, dass die ganze Angelegenheit viel weniger spannend verläuft. Nach drei Minuten und einer Kopfballvorlage Timo Werner stand er sieben Meter frei vor des Gegners Tor. Er schoss, doch Torhüter Olsen kratzte den Ball noch von der Linie. Danach war von Draxler nicht mehr viel zu sehen. Der Bundestrainer wechselte ihn zur Halbzeit aus und brachte mit dem 32 Jahre alten Mario Gomez einen zweiten Mittelstürmer, Werner wich auf den linken Flügel aus. In seinem 77. Länderspiel schrammte Gomez knapp an seinem 32. Treffer für die DFB-Elf vorbei. Die beste Gelegenheit dazu hatte er in der 67. Minute, als er nach einem Lupfer des Kollegen Boateng den Ball in die Wolken statt ins Tor jagte. Sei's drum, der polnische Schiedsrichter Szymon Marciniak hatte eh auf Abseits entschieden. Zwei Minuten vor dem Ende der 90 Minuten wäre der sehr engagierte, aber glücklose Gomez beinahe mit einem exzellenten Kopfball erfolgreich gewesen, doch wieder war Olsen zur Stelle. Die Flanke hatte übrigens Kroos geschlagen - aus dem Fußgelenk.

Timo Werner: Kurz vor dem Anpfiff hatte eine Zeitung, die sich für gut informiert hält, noch die Kunde verbreitet, der Bundestrainer versuche es gegen die defensiven Schweden mit zwei Angreifern. Doch dann stand doch nur der 22 Jahre alte Leipziger auf dem Platz, Mario Gomez musste wie im ersten Spiel erst einmal zuschauen. Und Werner? Legte sich in seinem 16. Länderspiel und bei seinem Startelfeinsatz bei dieser WM mächtig ins Zeug. Aber noch darf er sich nicht zu den ganz Großen zählen, dafür braucht er noch Zeit - die er ja grundsätzlich auch hat. So schnell er auch ist, bisweilen springt ihm halt der Ball weg. Kam nach der Pause auf dem linken Flügel besser zum Zug und verzeichnete zwei Chancen: ein schöner Kopfball (51.) und ein Flachschuss (81.). Aber er gab nicht auf - und holte in letzter Minute den Freistoß heraus, den Kroos dann ... aber die Geschichte kennen sie ja. Ende gut, alles gut? Das nicht. Aber das Achtelfinale ist in Sicht.

Quelle: n-tv.de

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