Fußball-WM 2018

WM-Halbfinale ohne Belgierwitze Frankreichs Azubis feilen am Meisterstück

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Den französischen Jungstars ist der große WM-Coup zuzutrauen.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Frankreichs Lehrlinge greifen nach dem Stern: Gegen Belgien setzt das Team von Trainer Deschamps im Halbfinale der Fußball-WM aufs Kollektiv. Das klingt langweilig, ist es aber nicht. Dafür sorgen überragende Einzelkönner.

Es klang fast ein wenig arrogant, als Didier Deschamps sagte: "Die Mannschaft wird in zwei oder vier Jahren noch besser sein, wenn man auf ihr Durchschnittsalter schaut." Wer aber den Trainer der französischen Fußballer kennt, der weiß, dass er nicht im Verdacht steht, überheblich zu sein. Er wollte in St. Petersburg am Tag vor dem Halbfinale heute gegen Belgien im Krestowski-Stadion (ab 20 Uhr/ARD und im Liveticker bei n-tv.de) nur noch einmal das wiederholen, was er in diesen Wochen in Russland stets sagt: Er sei mit einer Gruppe von Lehrlingen unterwegs, die ihr Maximum an Leistungsfähigkeit noch nicht ausgeschöpft habe. In der Tat stellt Frankreich mit im Schnitt 25 Jahren den zweitjüngsten Kader des Turniers, hinter Nigeria. "Das Potenzial für Fortschritt ist sehr groß."

Nun feilen seine Auszubildenden an ihrem Gesellenstück. Und sie lassen keine Zweifel daran, dass sie sich im Schnelldurchgang für die Meisterprüfung am Sonntag qualifizieren wollen, wenn ab 17 Uhr im Moskauer Luschniki-Stadion das Endspiel stattfindet. Kapitän Hugo Lloris von Tottenham Hotspur, der mit 31 Jahren eher schon in die Kategorie Altmeister fällt, befand: "Es ist ein WM-Halbfinale, es ist eine Gelegenheit, die wir mit beiden Händen greifen müssen." Der Torhüter tat das nicht, ohne vor dem Gegner aus dem mit seinen 11,4 Millionen Einwohnern deutlich kleineren Nachbarland zu warnen. Viele der 65 Millionen Franzosen spotten gerne über die Wallonen und vor allem Flamen mit ihrer komischen Sprache, aber nun macht keiner mehr Belgierwitze, die einst so populär waren wie in Deutschland die Scherze über Ostfriesen - zumindest nicht beim Fußball. Belgien stellt schließlich das Team, das im Viertelfinale mit einer grandiosen Leistung Brasilien besiegt hat.

"Die große Gelegenheit, Geschichte zu schreiben"

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Keeper Lloris hatte Frankreich mit einer Wahnsinnsparade ins Halbfinale geführt.

(Foto: imago/MB Media Solutions)

Lloris sagte gar: "Belgien ist die kompletteste Mannschaft des Turniers. Sie verteidigt gut, sie greift gut an, ist in der Luft schwer zu bezwingen - und auch am Boden. Er hatte aber einen Vorschlag, wie es klappen könnte: "Wir müssen als Kollektiv unsere Antwort geben. Es geht darum, diszipliniert, strukturiert zu spielen, den Belgiern keinen Platz zu geben." Genau das haben die Franzosen bisher mit Leidenschaft getan. Genau deshalb haben sie dieses Halbfinale erreicht. Für sie gilt, was auch auf die anderen drei Mannschaften zutrifft, die es in Russland in die Vorschlussrunde geschafft haben: Sie funktionieren als Team, außerhalb, vor allem aber taktisch auf dem Rasen. Sie lassen dem Gegner kaum Platz, spielen mit Tempo - und verfügen über Spieler, die den Unterschied ausmachen, ohne sich über die anderen zu erheben. Damit haben Franzosen, Belgier, Engländer und Kroaten bei dieser WM den Fußball nicht neu erfunden, der so im Grunde seit jeher am besten funktioniert. Aber sie setzen es sehr gut um und waren so besser als die vermeintlichen Favoriten, die nun in Deutschland, Brasilien, Spanien, Argentinien und Portugal zuschauen, wie andere nach den Sternen greifen.

Dabei sind die Franzosen noch am ehesten die Mannschaft, denen auch vor dem Turnier der große Coup zuzutrauen war. Schließlich hatten sie vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft im eigenen Land das Endspiel erreicht, das sie dann überraschend gegen Portugal verloren. Und so oft Trainer Deschamps auch sein Mantra von den Lehrlingen wiederholt, und auch wenn da was dran sein mag, so verfügt die Équipe Tricolore durchaus über Spieler, die herausstechen - allesamt keine Lehrlinge, die bei Ausbildungsvereinen spielen. Beim 4:3 im furiosen Achtelfinale gegen Argentinien war das der 19 Jahre alte Angreifer Kylian Mbappé von Paris Saint-Germain, der bisher auf drei Tore bei diesem Turnier kommt. Das abgezockte 2:0 im Viertelfinale gegen Uruguay sicherte der 31 Jahre alte Torhüter Lloris mit einer grandiosen Parade kurz vor der Pause. Die Tore erzielten der 25 Jahre alte Innenverteidiger Raphaël Varane von Real und der zwei Jahre ältere Antoine Griezmann von Atlético Madrid. Und hatten wir erwähnt, dass Paul Pogba von Manchester United, 25, und der überragende N’Golo Kanté vom FC Chelsea, 27 Jahre alt, im defensiven Mittelfeld für Ordnung sorgen?

Deschamps jedenfalls weiß, wie man Weltmeister wird. Er war 1998 der Kapitän der Mannschaft, die beim Turnier im eigenen Land zum ersten und bisher einzigen Mal den Titel errang. Das hat er mit Thierry Henry gemeinsam. Der ehemalige Angreifer allerdings arbeitet seit zwei Jahren als Co-Trainer bei den Belgiern und tritt nun gegen sein Heimatland an. Damals, beim Triumph der Équipe vor 20 Jahren gegen Brasilien, war Torhüter Lloris zwölf Jahre alt und saß in Nizza vor dem Fernseher. Nun hat er die Chance, wohl seine letzte, es Deschamps und Henry gleichzutun: "Wir haben die große Gelegenheit, Geschichte zu schreiben. Wir wollen als Kollektiv unsere Grenzen überwinden und nach dem Schönsten greifen, was es im Fußball gibt." Das Potenzial dazu haben sie.

Quelle: ntv.de