Fußball-WM 2018

Gruppe G unter der n-tv.de-Lupe Gereiftem Hipster-Tipp droht Katastrophe

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Zwei der belgischen Anwärter auf die Fußball-Krone: Kevin de Bruyne und Marouane Fellaini.

(Foto: imago/Belga)

Vom Mushroom Latte Macchiato zum gereiften Whiskey: Belgiens Top-Team hat sich vom hippen WM-Geheimtipp zum Favoriten emanzipiert. Bei England läuft es dagegen genau andersherum. Und sonst so? Oh wie neu ist Panama.

Bonjour, Belgique

Belgien, das war noch 2014 der Hipster unter den Weltmeistertipps. Gewissermaßen der Mushroom Latte Macchiato des globalen Fußballs. Wer vor dem Turnier in Brasilien bei einem Come together die "Diables Rouges" als Favoriten nannte, konnte sich seinen "Man Bun" festziehen, zurücklehnen und dabei zuschauen, wie seine Zopf-Buddies Avocado kauend staunten. Blöd war die Idee ja auch nicht, mal eine Mannschaft für den WM-Pokal zu nominieren, die die vielleicht talentierteste in der Geschichte des Landes war. Dass sie dann im Viertelfinale von Argentinien weggemushroomt wurde, geschenkt. Die "Albiceleste" kam ins Endspiel, kassierte da aber im legendären Maracanã-Stadion ihrerseits eine Schwammerl-Watschn von Deutschland um Mini-Messi Mario Götze und Kumpel André Schürrle. Mit Belgien aber ging's trotzdem erst richtig los. Auf jedem Startup-Sofa wurde der Mannschaft um die mittlerweile gestandenen Superstars Kevin de Bruyne (Manchester City), Eden Hazard und Thibaut Courtois (FC Chelsea) sowie Romelo Lukaku (Manchester United) zwei Jahre lang für die EM 2016 mit einem glutenfreien Tee-Wodka-Gemisch (gibt’s das?) motivierend zugeprostet: Jetzt aber! Doch wieder reichte es bloß fürs Viertelfinale. Dort wurden die Belgier von echten Hipstern aus Wales um "Super-Bun" Gareth Bale niedergewalzt.

Die Fan-Boys und -Mädchen wendeten sich ab, plötzlich waren Wales und das bärtige Island der Walnuss-Dinkel-Patty des internationalen Fußballs. Belgien feuerte Trainer Marc Wilmots, holte Roberto Martinez. Der balancierte das Team, das in Tor und Offensive Weltklasse, in der Defensive um den sehr oft verletzten Vincent Kompany sowie das Tottenham-Duo Toby Alderweireld und Jan Vertonghen aber anfällig ist, mit einem 3-4-2-1-System vernünftig aus. Die "Diables Rouges" verloren seither nur eins von 17 Spielen, walzten sich mit neun Siegen und einem Remis wuchtig durch die Qualifikation. Belgien, das ist 2018 der Whiskey unter den WM-Tipps, gereift und von großer Klasse. Der Titel für die talentierteste Mannschaft des Landes scheint ein letztes Mal möglich, die Katastrophe genauso gut denkbar.

Mit diesem Wissen können Sie punkten: Wie bringt man Talente erfolgreich zusammen? Thierry Henry weiß das. Er hat es selbst erlebt. 1998 mit der französischen Nationalmannschaft. In Gesellschaft von Legenden wie Zinédine Zidane, Didier Deschamps, Marcel Desailly und Laurent Blanc holte er daheim den WM-Pokal. Auf die damals erlernte Expertise setzt Roberto Martinez, der ihn in den Trainerstab holte. Eine offenbar überragende Idee: "Ich bin nicht sicher, ob ich meinen Eltern jemals so zugehört habe", schrieb Ex- oder Noch-Borusse Michy Batshuayi vor zwei Jahren bei Twitter, nach der ersten gemeinsamen Einheit mit Henry.

Hello, England

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Harry Kane erhält letzte königliche Instruktionen.

(Foto: REUTERS)

England ein Mitfavorit? Hu, hu, da lachen ja die Isländer. Die nämlich machten vor zwei Jahren im EM-Finale aus den "Three Lions" drei jämmerlich jaulende Kätzchen. Zusammen mit dem peinlichen Vorrunden-Knockout 2014 in Brasilien als, Obacht, Costa Rica die Gruppe vor Uruguay gewann, stand es wohl selten schlechter um das Mutterland des Fußballs. So feierten die Fans beim überaus mauen Testspiel gegen Deutschland in Wembley vergangenen November dann auch jeden erfolgreich auf dem Spielfeld gelandeten Papierflieger mehr als irgendeine sehenswerte Ballaktion. Weil die Erwartungen trotz souveräner Qualifikation für Russland nicht niedriger sein könnten, ist England schon jetzt ein Gewinner. Denn in einer Gruppe mit Panama und Tunesien scheint der zweite Platz hinter Belgien kaum nicht vorstellbar (Sie verstehen, was wir meinen?!). Und dann? Dann klappt's vielleicht auch noch mit dem ersten K.-o.-Rundensieg bei einem großen Turnier seit 2006. Vielleicht.

Größter Hoffnungsträger ist Tottenham-Stürmer Harry Kane, technisch hoch veranlagt, beidfüßig, kopfball- und extrem abschlussstark. Dahinter tummelt sich jede Menge großes Talent, aber wenig Weltklasse: Raheem Sterling, Marcus Rashford, Eric Dier, Dele Alli und John Stones. "Ich denke", sagt Coach Gareth Southgate, "diese Gruppe junger Spieler kann sehr viel Spaß machen - jetzt und in der Zukunft. Ich werde kein Ziel ausgeben und damit ein mögliches Limit dafür setzen, was sie erreichen können".

Mit diesem Wissen können Sie punkten: Vorbei scheinen (wir drücken es mal vorsichtig aus) die Zeiten, als die englischen Torhüter als irrlichtende Insel-Idioten verspottet wurden. Der junge Jordan Pickford vom FC Everton macht den "Three Lions" Hoffnung, dass der ewig grüßende Patzerinfekt, der unter anderem David "safe hand" Seaman, David "Calamity" James, Scott Carson, Robert Green, Paul "Mrs" Robinson, David James und Joe Hart erwischt hatte, endlich therapiert werden kann. Dass mit Jack Butland von Premier-League-Absteiger Stoke City noch ein zweiter talentierter Keeper im Aufgebot sein soll - kaum zu fassen. England, wieder eine Torhüternation?

Hola, Panamá

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Wir zitieren Louis de Funès (leicht abgewandelt): "Goooooooooooooooaaaalllllll - Nein - Doch - Oh", wie schön ist's für Panama! Die Mittelamerikaner reisen erstmals zu einer WM - dank eines unfassbaren Phantomtors von Roman Torres und als schlechtester WM-Teilnehmer der Concacaf-Verbandshistorie. In 10 Spielen holte die Mannschaft lediglich 13 Punkte. Egal, Ticket ist Ticket. Und wenn es auch nur für drei Auftritte in Russland gilt. Mehr wird dem Team um die Fußball-Fast-Rentner und Nationalheiligen Jaime Penedo (Torwart), Felipe Baloy (Verteidiger) und Blas Perez (Stürmer) beim besten Willen nicht zugetraut.

Das vermutlich nicht zu Unrecht. Beim WM-Test gegen die Schweiz Ende März gabs 'ne saftige 0:6-Klatsche. Mit Belgien und England warten in Russland nun auch noch Mannschaften, denen ein höheres Niveau als den Eidgenossen bescheinigt wird. Als sympathische Mitleidstruppe wollen die "Los Canaleros" bei ihrem WM-Debüt aber nicht vorverurteilt werden. Mittelfeldspieler Anibal Godoy sagt: "Es geht nicht bloß darum, zur WM zu fahren und uns zu freuen, dass wir überhaupt dabei sind. Wenn wir alle mit breiter Brust auflaufen, können wir einiges erreichen!" Stimmt, zum Beispiel den Sieg über Tunesien.

Die traurige Geschichte Panamas: Die "Los Canaleros" reisen mit einer tragischen Geschichte zur WM. Das seit fast zehn Jahren im Kern zusammenspielende Team tritt ohne ihren langjährigen Mitspieler Amilcar Henriquez in Russland an. Der kleine Mittelfeldspieler ist tot. Er wurde am 15. April 2017 vor seinem Haus erschossen und erlag den Verletzungen später im Krankenhaus. Es war leider nicht der erste Mord an einem Fußballprofi in Panama. 2011 wurde Torwart Eric Luna vor seinem Haus erschossen. Im selben Jahr wurden Abdul Chiari auf dem Weg zum Training und Javier de la Rosa kurz nach einem Spiel seines Vereins Chorillo vor dem Stadion getötet.

Bonjour, Tunisie

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Moutuez Hassen ist trickreich - mindestens bei den Pausen.

(Foto: imago/PanoramiC)

Wenn schon chancenlos, dann aber bitte so richtig. Auf dem Wunschzettel der tunesischen Spieler bei WM-Auslosung standen Argentinien, Brasilien, Portugal. Warum? Weil sie wahrscheinlich nie wieder die Chance bekommen werden, sich mit Kalibern wie Lionel Messi, Neymar oder Cristiano Ronaldo duellieren zu können. Hat nicht geklappt. Ebenso wenig wie eine Teilnahme ihres Topstars, dem offensiven Linksaußen Youssef Mskani (Al-Duhali), der sich im April das Kreuzband gerissen hatte. Und trotzdem sind die Tunesier mit ihrem international namenlosen Kollektiv glücklich. Sie sehen im Fußball nämlich nicht bloß schnödes Gekicke, sondern messen ihm eine besondere Kraft für die Gesellschaft in jenem Land bei, in dem die Protestbewegung arabischer Frühling einst 2011 begann. So sagt der ehemalige Nationalspieler Radhi Jaidi der "Sport Bild" vor der WM: "Er hat etwas Magisches, was sogar Feinde zusammenbringen kann. Es ist die Gelegenheit, sich zu treffen, zu sprechen, zu diskutieren und so Probleme aus der Welt zu schaffen."

Und das mit der Lösung von Problemen nimmt in Tunesien mitunter bizarre, aber äußerst kreative Ausmaße an: So ließ sich Torwart Mouez Hassen in den jüngsten Testspielen gegen Portugal (ohne Ronaldo) und die Türkei (jeweils 2:2) - sie fanden während des Fastenmonats Ramadan statt - stets nach Sonnenuntergang behandeln. Parallel dazu verteilten die Betreuer Datteln und Wasser an die fastenden Spieler. Mit Erfolg: Gegen die Portugiesen schaffte Tunesien sechs Minuten nach der "Dattel-Pause" das 2:2!

Mit diesem Wissen können Sie punkten: Bei der Fußball-WM 1978 schaffte Tunesien den ersten Sieg für ein afrikanisches Land überhaupt. In Argentinien bezwang die Mannschaft im ersten Gruppenspiel Mexiko mit 3:1, das darauffolgende 0:0 gegen Deutschland ließ die Spieler um Mokhtar Dhouieb, Ali Kaabi und Nejib Ghommidh zu Helden werden - trotz Vorrunden-Aus'. Bei ihren bisherigen vier Teilnahmen überstand Tunesien bislang nie die Gruppenphase.

Auf diesen Spieler müssen Sie achten

Auf Jordan Pickford. Weil er endlich (siehe "Wissen zu England") mit dieser Tradition brechen wird:

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Wie geht’s aus?

1. Belgien
2. England
3. Panama
4. Tunesien

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Quelle: n-tv.de

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