Fußball-WM 2018

Wut, Brechstange und Perfektion Japan entfacht ungewollt Belgiens Weltklasse

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Den Status des WM-Geheimfavoriten muss Belgien nach der Aufholjagd gegen Japan wohl ablegen.

(Foto: imago/Xinhua)

Eigentlich will Japan nur das Viertelfinale erreichen. Gegen Belgien läuft es lange gut. Doch dann dreht der WM-Favorit nach 0:2-Rückstand noch die Partie. Erst unter Druck zeigen die "Roten Teufel", was einen potenziellen Weltmeister ausmacht.

"Was erlauben Japan?", werden sich Eden Hazard, Kevin De Bruyne und die anderen Superstars der belgischen Fußball-Nationalmannschaft in Trappatoni-Manier gedacht haben, als Takashi Inui in der 52. Minute auf 2:0 für den Außenseiter erhöht. Auf den unerwarteten Rückstand und das drohende, peinliche Achtelfinal-Aus bei der WM antworten die Roten Teufel mit Leidenschaft, Brechstange und Perfektion und zeigen alles, was es braucht, um Weltmeister zu werden.

Dabei hatten die hochgelobten belgischen Stars in den ersten 45 Minuten wenig für ihren Ruf als Geheimfavorit auf den WM-Titel getan. Gegen taktisch gut eingestellte und energisch verteidigende Japaner blieben die physisch deutlich überlegenen Belgier blass. Richtige Antworten auf das wechselnde Pressing der Asiaten fand die Elf von Trainer Roberto Martinez nicht. Auch die individuelle Klasse blitzte nur zu selten auf.

Martinez setzt auf Brechstange Fellaini

  Der 0:1-Rückstand kurz nach der Pause war eine erste Backpfeife für das Starensemble. Nach dem zweiten Gegentreffer waren dann alle wach. Ganze 13 Minuten schaute Martinez zu, wie sein Team fast schon wütende Angriffe fuhr und sich gegen die Niederlage stemmte. Dann sorgt der Trainer für noch mehr Körperlichkeit im Spiel der Belgier. Neben dem robusten Flügelspieler Nacer Chadli bringt er in der 65. Minute mit Marouane Fellaini die personifizierte Brechstange - ein probates Mittel, wie auch sein Klubtrainer José Mourinho bei Manchester United weiß.

Der Doppelwechsel zahlt sich bereits vier Minuten später aus. Innenverteidiger Jan Vertonghen macht seinen kapitalen Fehler vom 0:2 wieder gut und erzielt per Kopfball-Bogenlampe den Anschluss. Ein bisschen Glück ist dabei, aber auch das braucht es, um in so einem Spiel zurückzukommen.

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Die Belgier stellen in der Folge ihr Spiel fast komplett um. Keine Ballstafetten, keine Pässe in die Schnittstellen - hohe Bälle in den Strafraum sind gefragt und gesucht werden die beiden Leuchttürme Lukaku und Fellaini. Letzterer wird dann auch in der 65. Minute von Hazard per Flanke gefunden und markiert per Kopf den Ausgleich. In diesem Moment zerstören die Roten Teufel auch ein wenig die Moral der bis dahin so tapfer aufspielenden Japaner.

Konterspiel in Perfektion

Das Team von Trainer Akira Nishino schafft es über 90 Minuten, immer wieder Nadelstiche gegen den Favoriten zu setzen und zweimal auch mit einem Tor zu krönen. In der Nachspielzeit sind die Japaner wohl schon mit den Gedanken in der Verlängerung, während die Belgier noch die Luft und Konzentration haben, einen perfekten Konter zu fahren.

Nach einer Ecke der Japaner fängt Keeper Thibaut Courtois die Kugel und rollt sie gedankenschnell in den Lauf von de Bruyne. Der Mittelfeldmann treibt die Kugel bis tief in die Hälfte des Gegners. Seine Kollegen schalten ebenfalls. 30 Meter vor dem Tor laufen fünf Belgier gegen drei Spieler der Blue Samurai. De Bruyne entscheidet sich für den Pass auf Rechtsaußen Thomas Meunier, weil Lukaku vorher den Raum aufreißt und ins Zentrum zieht. Auf Höhe des Strafraums spielt Meunier die Kugel flach Richtung Elfmeterpunkt, Lukaku überläuft und hinter ihm muss der zweite Joker Chadli nur noch einschieben. Eine Symphonie aus Klasse, Cleverness und taktischem Verständnis.

Die belgische Auswahl zählt eben doch zu den großen Titelanwärtern in Russland. Dabei wollte Japan den schlafenden Riesen eigentlich stürzen und nicht wecken. Um das eigene Potenzial auszuschöpfen, braucht Belgien bei dieser WM also eine Extremsituation, verursacht von einem Außenseiter. Im Viertelfinale gegen Brasilien stehen sich nun allerdings zwei Teams auf Augenhöhe gegenüber. Das Team von Roberto Martinez wird dann mehr als 40 erstklassige Minuten benötigen, um den Mitfavoriten auszuschalten.

 

Quelle: n-tv.de

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