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Tief betrübt: Die Engländer dürfen nur um Platz drei spielen.
Tief betrübt: Die Engländer dürfen nur um Platz drei spielen.(Foto: imago/ActionPictures)
Mittwoch, 11. Juli 2018

Englands WM-K.o. im Schnellcheck: Leiden like a lion

Von Tobias Nordmann

It's going home, it's going, football's going home: Kroatiens Stürmer Mario Mandzukic beendet in der Verlängerung des zweiten Halbfinals mit seinem besten Moment den englischen WM-Traum. Die Löwen leiden. Und mit ihnen ihr Chef-Twitterer.

Was ist im Moskauer Luschniki-Stadion passiert?

It's going home,
It's going,
Football's going home,
It's going home
It's going home
It's going
Football's going home!

Und was ist tatsächlich passiert?

Bilderserie

Das Fußball-Märchen der Engländer geht nach Hause (präziser: Es spielt am Samstag gegen Belgien erst noch um Platz drei). Aus den so mutigen Three Lions der vergangenen vier Wochen werden am Mittwochabend in Moskau jaulende Jungkätzchen. Mit 1:2 (1:1) nach Verlängerung endet der Traum nach 52 Jahren endlich mal wieder ein WM-Finale zu spielen. Der Overtime-Treffer von Mario Mandzukic (109.) entscheidet das Spiel, dass die Engländer mit einem feinen Freistoßtreffer von Kieran Trippier (5.) stark eröffnet und die Kroaten über Ivan Perišić (68.) spät gedreht hatten.

Teams & Tore

Kroatien: Subašić - Vrsaljko, Lovren, Vida, Strinić (95. Pivarić) - Rakitić, Brozović - Rebić (101. Kramarić ), Modrić (118. Badelj), Perišić - Mandžukić (115. Corluka); Coach: Dalić.
England: Pickford - Walker (112. Vardy), Stones, Maguire - Trippier, Henderson (97. Dier), A. Young (91. Rose) - Alli, Lingaard - Sterling (74. Rashford), Kane; Coach: Southgate.
Tore: 1:0 Trippier (5.), 1:1 Perišić (68.), 2:1 Mandzukic (109.)
Zuschauer: 78.011 (Luschniki-Stadion)
Schiedsrichter: Cakir (Türkei)

It's-not-coming-home-im-Spielfilm

5. Minute, TOOOOOORRRRR für England, 1:0 Trippier: Saubere Arbeit von Danijel Subašić, der Keeper der Kroaten lässt nach einem Foul von Luka Modrić neun eigene Spieler vor sich aufstellen. In die perfekte Reihe gesellen sich noch fünf Engländer. Ein Fest für Freunde klarer Linien. Kieran Trippier ist das völlig wumpe, der lupft den ruhenden Ball aus gut 18 Metern souverän in den Kasten. Haltbar? Nun, wohl nur für Oliver Kahns Überhand.
13. Minute: Ein Moment fürs Herz. Die Engländer bemühen beim Eckball die einst von Gertjan Verbeek beim VfL an der Castroper Straße eingeführte "Bochumer Schnecke". Das Modell ist brillant: Fünf Mann stehen am Elfmeterpunkt hintereinander, laufen dann in alle Richtungen und blocken den Wunschspieler frei. Bei den Three Lions heißt der Harry Maguire - doch dessen gut getroffener Kopfball geht knapp neben's Tor.
31. Minute: Der "Hurri-Kane" hat heftig Flaute. Wie schön er da freigespielt wird, wie lässig er den Ball aus acht Metern auf den Körper von Subašić bläßt, wie schnodderig er den Abpraller über den Pfosten und erneut Subasic zum 2:0 auslässt … negligently!
68. Minute, TOOOOOORRRRR für Kroatien, 1:1 Perišić: Fünf Minuten vor dem Ausgleich sagt ZDF-Mann Oliver Schmidt: "Highlights hat das Spiel nach der Halbzeit nicht mehr." Stimmt. Bis exakt jetzt (was aber nur am erfolgreichen Ende liegt). Šime Vrsaljko flankt wie so oft bisher halb hoch in den Strafraum. So tumb dieses Mittel über 68 Minuten ist, so überragend ist es jetzt: Perišić springt mit dem Fuß zentral vor dem Tor höher als Kyle Walker mit seinem Kopf kommt (klingt krasser als es ist, denn es war eher ein Flugkopfball oder so) und drückt den Ball zum Ausgleich hinter die Linie. Unbedingt verdient ist das in diesem Moment nicht.
71. Minute: Aber die Kroaten arbeiten jetzt hart daran, hier als das bessere Team wahrgenommen zu werden. Wieder Perišić, wieder gegen Walker, wieder gewinnt der Kroate und wieder bringt er den Ball an Keeper Jordan Pickford vorbei, der aber hat noch den linken Pfosten auf seiner Seite. #CROENG macht's, weiter geht's.
84. Minute: Pickford patzt (leicht), Perišić profitiert (nicht abschließend). Die verunglückte Faustabwehr des Keepers hämmert der Ex-Dortmunder von halblinks vehement übers Tor.
99. Minute: England. Standard. Gefährlich. Stones' Kopfballrakete aber entschärft Vrsaljko auf der Torlinie ohne mit der Wimper zu zucken (okay, die Augen waren auch zu).
105. Minute: Mandzukic kommt zum 37. Mal im Spiel an den Ball. 36 Mal brauchen wir darüber nicht reden. Jetzt schon. Im Vollsprint drückt er eine Flanke von links aufs englische Tor, aus dem aber rauscht Pickford heran und grätscht den Schuss halb fliegend ins Stadion-Nirwana.
109. Minute, TOOOOOORRRRR für Kroatien, 2:1 Mandzukic: Mandzukic kommt nach (natürlich) einem Perišić'schen Willens-Kopfball zum 38. Mal im Spiel an den Ball. Er lauert, er dreht sich, er schießt. Tor. Triumph (Kroatien) und Tränen (England).

Was war gut?

Mentatlitätsmonster aus Kroatien.
Mentatlitätsmonster aus Kroatien.(Foto: imago/VI Images)

Die Engländer in der ersten Halbzeit. Und das nicht nur wegen des feinen Treffers von Trippier. Der übrigens war der erste direkte Freistoß der "Three Lions" bei einer Weltmeisterschaft, das nicht von David Beckham erzielt wurde. Allerdings gibt's die Datenerfassung auch erst seit 1966. Sei's drum. Das Tor hat Wirkung. Den Three Lions schenkt es die Freude am schnellen Umschalten über den fleißigen Raheem Sterling, die Kroaten stürzt es trotz international erfahrener und sehr angesehener Ordnungs-Fachkräften wie Modrić oder Ivan Rakitić ins Chaos. Das Mittelfeld um Dele Alli und Jordan Henderson, es ist England-Land. Gut besetzt, schnell überspielt, kaum Gegenwehr. Cool Britannia, lässig, überlegen, souverän.

Was war nicht gut?

Die Engländer ab Mitte der zweiten Halbzeit. Plötzlich ist alles shaky. Die Souveränität in 'nem Pint versenkt. Das Umschaltspiel völlig entpowert. Und Harry Kane? Gar kein Faktor. England steht nach dem Gegentreffer nur noch stabil wie 'ne feuchte Pommes. Jeder Angriff der Kroaten wirkt wie ein durchgeschlagener Jab ohne Deckung. Das ganze Ensemble wankt. Mit jeder Minute wird der Traum vom ersten WM-Finale seit 52 Jahren, seit Wembley 1966, unruhiger, bis er um 22.23 Uhr durch Mandzukic vollends zum Albtraum wird.

Und die Kroaten so?

Je schlechter die Engländer werden, desto besser spielen die Kroaten. Ein durchaus erzwungener Zusammenhang. Präziser müsste es aber heißen: Je schlechter die Engländer werden, desto besser spielt Perišić. Sein Ausgleich, sein Pfostenschuss, seine Chance zum Siegtreffer in der regulären Spielzeit, es sind die Momente, die den Kroaten die Beine locker machen, ihnen die Kraft geben und den Glauben auch den dritten Overtime-Krimi nach Dänemark und Russland (beide Spiele wurden sogar erst im Elfmeterschießen gewonnen) für sich zu entscheiden. Und dann ist da noch die Abgezocktheit von Mandzukic. Der ist über 105 Minuten so präsent wie ein Murmeltier im Winterschlaf, ehe er hellwach mit dem Instinkt eines Grizzlybären zuschlägt.

Wie war der Schiedsrichter?

Die Schiedsrichter bei dieser WM haben von der Fifa die Direktive bekommen, grundsätzlich großzügig zu pfeifen und nach Möglichkeit auch auf die eine oder andere Verwarnung zu verzichten, wenn es sich irgendwie vertreten lässt. Aber nicht jeder Unparteiische fühlt sich mit dieser Leitlinie wohl, wie unser Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt von "Collinas Erben" erklärt. Cüneyt Çakır beispielsweise ist ein Referee, der normalerweise lieber seine eigenen, spielbezogenen Grenzen setzt und bei einer körperbetonten Spielweise eher einmal zu viel als einmal zu wenig pfeift. Man merkte ihm deshalb an, dass ihm manchmal die letzte Überzeugung fehlte, bei einem harten Einsteigen weiterspielen zu lassen oder die Karte stecken zu lassen, etwa bei Dejan Lovrens Bodycheck gegen Kane in der 22. Minute oder bei Rebićs taktischem Foul vier Minuten vor dem Ende der ersten Hälfte. Çakırs lange Leine sorgte bisweilen für Unruhe und Unmut bei den Spielern, was sich wiederum in der einen oder anderen Unsportlichkeit niederschlug, gegen die der Schiedsrichter dann allerdings konsequent vorging: Sowohl Mandzukic wegen eines verärgerten Ballwegschlagens als auch Walker, der die schnelle Ausführung eines Einwurfs verhinderte, sahen kurz nach der Halbzeitpause den gelben Karton. Çakır groovte sich danach besser in die intensive Partie und bekam sie fester in den Griff, auch dank seiner Erfahrung, seiner Besonnenheit und seiner stoischen Ruhe. Den kroatischen Ausgleichstreffer anzuerkennen und nicht auf gefährliches Spiel zu entscheiden, war in Ordnung: Zwar ging Perišić mit hohem Bein zum Ball, doch zum einen hielt Walker seinen Kopf auch recht tief, zum anderen kam er schlicht zu spät und wurde vom Kroaten nicht beeinträchtigt. Allemal vertretbar war es auch, in diversen Strafraumsituationen keinen Elfmeter zu geben. Denn keine davon war so klar, dass sie - auch angesichts der großzügigen Zweikampfbeurteilung des Referees - zwingend einen Strafstoß erforderlich gemacht hätte. Insgesamt ein sachlicher und guter Auftritt in einem schwierigen Spiel, der türkische Unparteiische stand nicht im Mittelpunkt der Diskussionen.

Und wie war's im Stadion?

Willkommen beim vorletzten Spiel dieser WM im Luschniki-Stadion, die Engländer sind da. Und sie kommen in der Hoffnung, auch das letzte Spiel des Turniers hier spielen zu dürfen: das Finale am Sonntag (ab 17 Uhr im Liveticker bei n-tv.de). Aber auch die Kroatiens Fans haben nicht im Sinn, am Samstag zum ungeliebten Spiel um Platz drei nach St. Petersburg zu fahren. Gleich zu Beginn der Partie werben sie um die Zuneigung der Gastgeber und rollen ein Plakat aus, auf dem steht: "Спасибо, Россия" - Danke, Russland. Das nützte aber nichts, wie unser WM-Reporter Stefan Giannakoulis berichtet. Gegen Mitte der ersten Hälfte beginnen die russischen Zuschauer damit, Kroatiens Innenverteidiger Domagoj Vida auszupfeifen. Warum? Weil er nach dem Sieg seines Teams im Viertelfinale gegen die Gastgeber hinterher "Ehre für die Ukraine!" in die Kamera rief, was viele Russen als Provokation aufgefasst haben. Die ganze Geschichte lesen sie hier.

Und damit zurück zum Sport. Die Engländer sind hörbar davon beseelt, ihre Mannschaft zum ersten Mal seit 28 Jahren in einem Halbfinale einer WM zu sehen. Und ja, sie singen ihr Lied, dass davon handelt, dass der Fußball nach Hause kommt. Und davon, was sie in der langen Zeit seit dem ersten und bisher einzigen Titel 1996 alles an Witzen und Spott ertragen mussten: "So many jokes, so many sneers." Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt: "I know it was then, but it could be again." Es könnte sich wiederholen, glauben sie, das 1:0 nach nur fünf Minuten bestätigt sie. Wie viele Kroaten aber auch unter den 78.011 Zuschauern waren, zeigt sich beim Ausgleich in der 68. Minute. So laut war es im Stadion an diesem Abend bisher nicht. Überhaupt herrscht eine fantastische Stimmung, zu der beiden Seiten erheblich beitragen. Und umso besser, spannender und dramatischer das Schauspiel auf den Rasen wird, desto mehr ließ das Publikum sich hinreißen. Und dann? Verlängerung. Mandzukic. Finale. Спасибо, футбол - Danke, Fußball.

Der Tweet zum Spiel

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Quelle: n-tv.de